01:45 16 Dezember 2018
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    Der spanische Fußballer Sergio Ramos, Kapitän von Real Madrid

    Was macht eigentlich Hajo Seppelt? – ARD-Dopingexperte schweigt zum Fall Ramos

    © AP Photo / Manu Fernandez
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    Andreas Peter
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    Der spanische Fußballer Sergio Ramos, Kapitän von Real Madrid, ist in einen Dopingskandal verstrickt. Er soll zweimal ein verbotenes Medikament eingenommen haben, Konsequenzen blieben jedoch aus. Ein Rechercheteam des NDR deckte den Fall auf. Nutzer der ARD-Sportschau fragen: Wo ist der sonst omnipräsente ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt?

    Am 3. Juni 2017 soll es passiert sein, während des Champion League Finales zwischen Juventus Turin und Real Madrid im walisischen Cardiff. Im Blut des Real-Kapitäns Sergio Ramos wurde an jenem Abend das Medikament Dexamethason nachgewiesen. Es enthält Kortison und eignet sich hervorragend zur Eindämmung von Entzündungen. Allerdings ist auch bekannt, dass es aufputschend wirkt und Schmerzen vergessen lässt. Wer sich in Erinnerung ruft, wie aggressiv und ungestüm Ramos immer wieder auftritt und dafür im Internet einen gewissen Ruf hat, dem drängen sich gewisse Verdachtsmomente auf.

    Normalerweise ist die Einnahme kein Problem. Sie muss nur vorher von der Mannschaft angemeldet werden. Wird das Mittel ohne diese Voranmeldung bei einem Spieler festgestellt, gilt das als klarer Verstoß gegen die Dopingregeln. Doch die gelten offenbar nur für Sportler bestimmter Staaten. Im Fall Ramos jedenfalls wurde gleich zweimal über die Regeln hinweggesehen. Einmal im genannten Fall. Ein anderes Mal, als Ramos sich erfolgreich weigerte, sofort seinen Dopingtest zu absolvieren. Stattdessen ging er lieber duschen – obwohl er hingewiesen wurde, dass dies eindeutig ein Regelverstoß sei.

    Eine Spezialrecherche-Redaktion des ARD-Senders NDR hatte den Fall publik gemacht. Die vielgerühmte und prämierte Doping-Redaktion des Senderverbundes mit ihrem nicht minder berühmten und prämierten prominentesten Kopf, Hajo Seppelt, hüllte sich dagegen in Schweigen. Warum? Das war eine der meistgestellten Fragen im Internet. Hat Seppelt kein Interesse, weil sein Lieblingsfeind Russland diesmal nicht an den Pranger gestellt werden konnte? Auch diese Frage wurde häufig auf der Internetseite der ARD-Sportschau gestellt. Und – fast ist man überrascht – natürlich nicht beantwortet.

    Dass es ausgerechnet im Profi-Fußball westlichen Zuschnitts kein systematisches Doping wie in anderen Sportarten geben soll, ist schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeitsrechnung wenig glaubhaft. Vor allem aber die Logik, die bekanntlich eng mit der Königin der Wissenschaften, der Mathematik, verbandelt ist, gebietet, dass es Doping in dieser Königsklasse des Sportes geben muss, wo es inzwischen um Summen geht, mit denen man kleine afrikanische Länder ernähren könnte.

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    Maradona beschuldigt Verband der Anstiftung zum Doping

    Es sind eben keine bedauerlichen Einzelfälle oder ärgerlichen Fehler von Ärzten oder Managern, wie jetzt im Fall Ramos behauptet wird. Dafür gibt es seit Jahren diverse Belege und Indizien. Der argentinische Fußballstar Diego Maradona, der 1994 während der WM in den USA gleich nach seinem ersten Spiel des Dopings überführt und für mehr als ein Jahr gesperrt wurde, berichtete mehr als ein Jahrzehnt danach im argentinischen Fernsehsender AméricaTV, dass er sehr wohl ein verbotenes Ephedrin-haltiges Präparat eingenommen habe. Doch dann ließ der mittels Telefon in eine Sportsendung zugeschaltete argentinische Ausnahmefußballer die Bombe platzen.

    Maradona beschuldigte den argentinischen Fußballverband AFA und seinen Präsidenten Julio Grondona der Organisation und Anordnung des Dopings. „Man hat uns etwas in den Kaffee getan, damit wir schneller laufen.“ Auch wenn man berücksichtigt, dass Maradona einen persönlichen Groll gegen Grondona hegt und immer wieder wegen Drogeneskapaden unrühmlich auffiel: Es spricht Bände, dass es keine breiten Empörungswellen gegen diese Beschuldigung gab, sondern viele sie für glaubwürdig hielten.

    Wada erklärte Spanien 2016 zu „nichtkonformem Staat“

    Maradona ist keineswegs der einzige, der ein systematisches Doping im Profi-Fußball anprangerte. Im April 2016 erschütterte ein Interview des ehemaligen Frauenarztes Mark Bonar den britischen und internationalen Profi-Fußball. Bonar beschuldigte die Clubs Arsenal London, Chelsea und Leicester City des systematischen Dopings. Das interessanteste Detail daran ist, dass Bonar von keinem dieser Vereine verklagt wurde.

    Was Doping anbelangt, gilt der britische Profi-Fußball neben dem spanischen als notorischer Problemfall. Die internationale Dopingagentur Wada hat Spanien im März 2016 zu einem „nichtkonformen Staat“ erklärt, weil dort mehr als ein Jahr keine Dopingkontrollen im Profi-Fußball stattfanden. Ähnlich verhält es sich mit Großbritannien. BBC veröffentlichte im Februar 2017 eine Untersuchung in der britischen Premier League, wonach in der Saison 2015/2016 lediglich 799 Dopingproben von 550 Spielern erhoben wurden, was bei 38 Pflichtspielen in dieser Liga verdächtig wenig ist. 39 Prozent der Spieler wurden laut BBC überhaupt nicht überprüft.

    Der Club Manchester City wurde 2016 wegen Verstoßes gegen das Reglement des englischen Fußballverbandes FA angeklagt. Mindestens dreimal hatte der Club Angaben über Aufenthaltsorte, Trainingseinheiten der Spieler und andere Informationen nicht gemeldet. In den Medien wurde vor allem der Fall des Spielers Samir Nasri debattiert. Der machte Schlagzeilen, weil er dummerweise ein Selfie mit einer Klinikchefin gestattet hatte, das die Runde auf Twitter machte. Dumm daran war, dass diese Klinik in Los Angeles liegt und Nasri sich dort einer „intravenösen Vitamintherapie“ unterzog. Diese Kliniken werden im Profisport als „drip docs“ bezeichnet, als Tropfen-Doktoren. Denn natürlich wurde umgehend die Frage gestellt, wieso ein Manchester City Spieler für eine Vitaminbehandlung nach Los Angeles reisen muss.

    Guardiola alter Bekannter im Doping-Zirkus

    Bekannt ist, dass in solchen Kliniken Infusionen verwendet werden, die zwischen 500 Milliliter und einem Liter enthalten. Zulässig sind nur Infusionen bis zu einer Menge von 50 Milliliter. Bekannt wurde im Fall Nasri, dass dessen Trainer Pep Guardiola seine Fitness bemängelt hatte. Ausgerechnet Guardiola. Der Spanier war 2001 in seiner Zeit beim Club Brescia Calcio wegen der Einnahme von Nandrolon zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt worden. Als er den Club FC Barcelona trainierte, fiel Guradiola dadurch auf, kurzerhand Trainingseinheiten abzusagen. Gemutmaßt wurde schon damals, dass Guardiola vor Dopingkontrollen gewarnt wurde. Diese Praxis verfeinerte er offenbar dann als Trainer von Manchester City.

    Doping im Profi-Fußball ist seit Jahrzehnten ein Problem

    Dass es Auswüchse wie in Spanien und Großbritannien überhaupt geben kann, liegt daran, dass seit Jahrzehnten im Profi-Fußball weggesehen wird, wenn es um Doping geht. Der ehemalige Spieler des niederländischen Clubs Feyennoord Rotterdam, Jan Peters, gestand gegenüber dem Algemeen Dagblad im Jahr 2010, dass seine Mannschaft seit den 70er Jahren regelmäßig gedopt wurde, auch im Finale gegen Dauerkonkurrent Ajax Amsterdam am 17. Mai 1980:

    "Eerst kregen wij een bekertje met een klein beetje drank erin, daarna een pilletje en vervolgens een prikje met een korte naald net onder de huid van je bovenarm. De meeste spelers deden het. Die finale was zo belangrijk."

    („Erst bekamen wir eine Tasse mit einem kleinen Getränk, dann eine Pille und dann eine kleine Injektion in den Oberarm. Die meisten Spieler taten das. Das Finale war so wichtig.“)

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    Auch der deutsche Profi-Fußball hat ein Doping-Problem

    Im Jahr 2005 wurde der Spieler Falk Schindler des Regionalligavereins Kickers Emden positiv auf Carboxyfinasterid getestet. Die Substanz ist in Haarwuchsmittel enthalten. Eigentlich kein Drama. Aber der Stoff ist deshalb für Doping relevant, weil sich damit die Einnahme von Anabolika verschleiern lässt. Schindler wurde entlassen, später rehabilitiert. Aber kurz danach wurde in der 2. Bundesliga Nemanja Vucicevic vom TSV 1860 München wegen der Einnahme von Finansterid auffällig, das ebenfalls in Haarwuchsmitteln enthalten ist. Vielleicht ist es an dieser Stelle aufschlussreich, den Namen Thomas Ziemer in Erinnerung zu rufen. Der Spieler des 1. FC Nürnberg fiel in der Saison 1998/1999 mit dem höchsten je bei einem Fußballer gemessenen Anabolika-Wert auf. Seither ist zu beobachten, mit welcher Hingabe Profi-Fußballer der Werbung für Haarpflegeprodukte ihre Gesichter und Namen leihen.

    Der Name Uwe Nester sagt möglicherweise nur Doping-Interessierten etwas. Der ehemalige Spieler von Eintracht Braunschweig und Hannover 96 beschuldigte 2007 seine Trainer, ihm das Aufputschmittel Captagon verabreicht zu haben. Die Beschuldigten verklagten ihn. Nester wurde verurteilt und ging 2009 lieber in den Knast, als eine Geldstrafe zu bezahlen. Das wäre nur eine Einzelmeldung, wenn nicht der ehemalige Trainer von Hannover 96 und Eintracht Braunschweig, Michael Krüger, 2007 zugegeben hätte, dass ihm in seiner Zeit als A-Jugendspieler bei Hannover 96 „Captagon“ verabreicht worden war: „kleine, weiße Pillen als Muntermacher“.

    Bliebe noch Niko Kovac. Der Trainer des Erst-Bundesligisten Eintracht Frankfurt wurde 2017 mit den Worten zitiert: „Fußball ohne Schmerzmittel geht nicht.“ Eine interessante Aussage eines führenden deutschen Profi-Fußball-Trainers. Das wäre doch eigentlich etwas für den ARD-Doping-Jäger Hajo Seppelt. Doch der kümmerte sich für den öffentlich-rechtlichen Senderverbund zuletzt lieber um die aus seiner Sicht Ungeheuerlichkeit, dass die russische Anti-Doping-Agentur Rusasda wieder in den Kreis der Wada aufgenommen wurde. Seppelt orakelte dort Mitte November, dass es zum Bruch zwischen „ungeduldigen“ Athleten und der Wada kommen könne. Real-Profi Sergio Ramos scheint diesen Bruch schon vollzogen zu haben. Er kümmert sich, wie wir sehen, einfach nicht um die Wada und ihre Regeln.

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    Tags:
    Fußball, Doping, WADA, ARD, Sergio Ramos, Diego Maradona, Hajo Seppelt, Spanien