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    Razzia der österreichischen Polizei während Ski-WM in Seefeld

    „Operation Aderlass“ – Österreichs Ski-WM im Dopingsumpf

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    Von Ilona Pfeffer
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    Sieben Festnahmen, 16 Hausdurchsuchungen, ein Athlet auf frischer Tat ertappt: Der Doping-Skandal bei der Nordischen Ski-WM in Österreich zieht immer weitere Kreise. Die Spuren führen auch nach Deutschland. Der ÖSV hat seine Herren-Langlaufstaffel zurückgezogen und personelle Konsequenzen angekündigt.

    Dieser Tage überschlagen sich die Meldungen aus dem österreichischen Seefeld, wo aktuell die Nordische Ski-WM stattfindet. Doch es sind nicht die sportlichen Glanzleistungen, die die Schlagzeilen bestimmen. Vielmehr bekommt die Öffentlichkeit häppchenweise Informationen zu etwas geliefert, was sich zu einem internationalen Dopingskandal großen Ausmaßes ausweiten könnte. Doch dieses Mal sind es keine russischen Wintersportler, die im Visier der Fahnder stehen.

    Spätestens seit den Enthüllungen des österreichischen Langläufers Johannes Dürr, der in einer ARD-Dokumentation ausführlich über die eigenen Doping-Vergehen sprach, gab es den Verdacht, dass in Österreich und darüber hinaus systematisches Eigenblutdoping betrieben wird. Damals wollte der Sportler keine Namen nennen, offenbar hat sein Geständnis aber ausreichend Hinweise gegeben, damit die Behörden ihre Ermittlungen aufnehmen konnten.

    Am Mittwoch gab Dieter Csefan vom österreichischen Bundeskriminalamt bekannt, dass inzwischen sieben Verdächtige in Tirol und zwei in Erfurt festgenommen worden seien. Bei den Festgenommenen in Tirol handele es sich demnach um zwei Langläufer aus Österreich, zwei aus Estland und einen aus Kasachstan sowie um zwei weitere tatverdächtige Personen.

    Einen Langläufer hätten die Fahnder bei einer Razzia sogar auf frischer Tat ertappen können. Der Sportler sei vor dem Wettkampf mit einer Nadel im Arm angetroffen und festgenommen worden. In Erfurt seien ein deutscher Sportmediziner und ein Komplize verhaftet worden. Zudem habe es 16 Hausdurchsuchungen gegeben, neun davon in Deutschland.

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    Das österreichische BKA teilte am Mittwoch mit, man habe „im Rahmen von seit Monaten andauernden internationalen Ermittlungen wegen des Verdachtes des gewerbsmäßigen Sportbetrugs sowie der Anwendung von unerlaubten Wirkstoffen und Methoden zu Dopingzwecken“ eine in Deutschland ansässige kriminelle Organisation um den Sportmediziner Dr. Mark S. ausgeforscht.

    „Diese aus Erfurt agierende kriminelle Gruppierung ist dringend verdächtig, seit Jahren Blutdoping an Spitzensportlern durchzuführen, um deren Leistung bei nationalen und internationalen Wettkämpfen zu steigern und dadurch illegale Einkünfte zu lukrieren.“

    Der geständige Doping-Sünder Johannes Dürr hat inzwischen seine moralischen Bedenken offenbar abgelegt. In einem Sportschau-Interview gab er an, er habe der Staatsanwaltschaft nun die Namen der Personen mitgeteilt, die ihm seinerzeit beim Doping geholfen hätten. „Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme habe ich auch die Namen genannt an dieser Stelle, wo ich felsenfest davon überzeugt bin, dass sie an der richtigen Stelle sind“, so Dürr.

    Im österreichischen Langlauf-Team zeigte man sich schockiert angesichts der neuesten Enthüllungen. Gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA sagte Markus Gandler, der Sportliche Leiter des ÖSV für Langlauf und Biathlon: „Es hat sich herausgestellt, dass an mehreren Stellen Athleten erwischt worden sind bei unerlaubten Methoden oder beim Dopen. Leider, und das macht mich betroffen, sind zwei Athleten von uns dabei. Sie sind in Haft genommen worden.”

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    Der Verband hat seine Herren-Staffel bei der Nordischen Ski-WM zurückgezogen. Außerdem gibt es auch personelle Konsequenzen. Wie der Präsident des ÖSV, Peter Schröcksnadel, am Mittwoch gegenüber dem ORF erklärte, werde Gandler seinen Posten zum Ende des Winters räumen, auch wenn ihn persönlich keine Schuld an dem Dopingskandal treffe.

    „Nichts ist niederträchtiger als das Erkaufen von besseren Resultaten durch illegale leistungssteigernde Methoden. Ich bin zutiefst verärgert, dass einzelne Athleten scheinbar nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Im ÖSV gilt Null-Toleranz gegenüber Doping”, sagte Schröcksnadel und gab an, eine vollkommene Neuorganisation des Langlaufsports im ÖSV erwirken zu wollen.

    Auch Estland betont die Wichtigkeit der vollständigen Aufklärung und des Kampfes gegen Doping-Vergehen. „Die Reputation des estnischen Sports steht sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene erneut auf dem Spiel. Sport muss sauber sein, da gibt es keinen Verhandlungsspielraum, keine Grauzone“, sagte der für Sport zuständige Minister Indrek Saar am Mittwoch in Tallinn. Die österreichischen Behörden seien verpflichtet, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Wahrheit herauszufinden.

    Derweil distanzierte sich der Deutsche Skiverband von dem festgenommenen deutschen Sportmediziner. „Der Arzt, wenn man ihn denn überhaupt noch so bezeichnen mag, hat keine Verbindungen zum Deutschen Skiverband, zumindest keine Verbindungen, die uns irgendwie bekannt wären“, sagte DSV-Vorstandsmitglied Stefan Schwarzbach laut DPA. „Insofern gehen wir fest davon aus, dass da auch keine (deutschen) Athletinnen oder Athleten in dieses System, dass da zerschlagen wurde, involviert waren.“

    Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sagte der „Thüringer Allgemeine“, er sei „schockiert und fassungslos“ angesichts des Doping-Skandals. „Doping schadet dem Ansehen des Sports und dem Ansehen des Sportstandorts Thüringen“, so der 63-Jährige. Vor allem mit Blick auf die regelmäßig in Thüringen stattfindenden Wintersport-Weltcups und die für 2023 geplante Biathlon-WM müssten alle Beteiligten die Ermittlungen „sehr ernst“ nehmen.

    Dass andere Sportarten betroffen sein könnten, nimmt auch Dieter Csefan vom österreichischen BKA an. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse verwiesen darauf, dass „die kriminellen Organisationen“ bereits seit fünf Jahren weltweit agierten.

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    Tags:
    Weltmeisterschaft, Skandal, Doping, ORF, ARD, Österreich, Deutschland