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09:04 21 September 2019
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    Buddhistische Mönche beim Fußballspielen in einem Tempel der chinesischen Stadt Huayan zong (Archivbild)

    Unglaubliche Geschichte: Wie ein Deutscher China mit eigener Fußball-Liga aufmischt

    © AP Photo / Xinhua / Niu Yixin
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    Es ist die ungewöhnliche Geschichte eines deutschen Studenten, der in China ein Auslandsstudium aufnahm und sich ohne Fußball sehr langweilte. Am Ende wurde er zum Gründer einer millionenschweren Fußball-Liga. Das russische Portal sports.ru berichtet über diese Wahnsinnsgeschichte.

    Robert Gonnella kam 1994 nach China, als er ein Stipendium für die Pekinger Universität erhalten hatte, um dort Chinesisch und Logistik zu studieren.

    Er war kein Auslandsneuling – schon zuvor hatte er im Rahmen eines Schüleraustauschs zwei Jahre in Japan verbracht. Der erneute Abschied von seiner Familie und seinen Freunden war daher kein großes Problem. Dafür gab es ein anderes: In der westfälischen Landeshauptstadt blieb Roberts große Leidenschaft zurück – die Fußballmannschaft Fortuna Düsseldorf, deren Spiele er nun nicht mehr besuchen konnte.

    Doch der Student nutzte das Problem auf eine bemerkenswerte Art. Er konnte seine Lieblingsmannschaft zwar nicht in den Fernen Osten holen, aber er gründete kurzerhand einfach ein neues Team!

    Nur wenige Wochen nach seiner Ankunft in Peking entstand so die Fortuna 94. Er verbreitete höchstpersönlich unter den Mitbewohnern des Studentenheimes Flugblätter mit der Einladung zum Training und fand sehr schnell viele Gleichgesinnte: Denn praktisch alle Studenten aus anderen Ländern langweilten sich in China ohne Fußball.

    Für die Fortuna 94 spielten unter anderem Russen, Araber, Nepaler, Engländer, Japaner und Deutsche. Zunächst wurden Freundschaftsspiele mit Mannschaften von Mitarbeitern ausländischer Botschaften organisiert, die logischerweise fast ausschließlich aus Ausländern bestanden.

    Und da jeder Anfang schwer ist, gab es auch hier viele Probleme. Zu wenig gute Spielfelder gab es – und auch an Geld mangelte es. Einmal ein Fußballfeld für eine Stunde zu mieten, kostete im Reich der Mitte nämlich stolze 200 Euro. Schiedsrichter, Duschen oder Umkleidekabinen warn da nicht inbegriffen.

    Dennoch verfolgte Robert sogar die Idee einer Studentenliga, doch für die Organisation einer Meisterschaft waren beträchtliche Finanzmittel erforderlich. Aber während immer mehr Amateur-Mannschaften entstanden, schien auch die Idee einer kompletten Liga immer weniger utopisch.

    Fans beim Fußballspiel in China 1996
    © AFP 2019 /
    Fans beim Fußballspiel in China 1996

    Und bald war es soweit – die International Friendship League entstand. Bald versammelte jedes Spiel 150 bis 200 Zuschauer, sodass die Liga nach einer Weile sogar die Aufmerksamkeit der Kommunistischen Partei auf sich zog.

    Die chinesischen Parteigenossen zeigten sich am Anfang eher skeptisch gegenüber der Liga von Robert. Viele Fragen waren offen: Wer würde die Verantwortung für mögliche Verletzungen und andere Zwischenfälle übernehmen?

    Und überhaupt: Versammeln sich all die Menschen wirklich einfach nur, um Fußball zu spielen?

    Zunehmend wurde offensichtlich, dass die Studentenliga ohne entsprechende Vereinbarungen mit dem Chinesischen Fußballverband in ihrem ursprünglichen Format nicht weiter bestehen konnte. Zum Glück für die Fortuna und neun andere Mannschaften fanden chinesische Fußballfunktionäre eine solche ausländische Amateurmeisterschaft aber attraktiv für ihr Image – auch weil der Fußball im Reich der Mitte damals ein kaum nennenswertes Niveau hatte.

    Ein entscheidendes Argument war hierbei, dass Robert bei solchen Gelegenheiten nicht ganz unerfahren war. Schon in Japan hatte er nämlich eine ähnliche Liga organisiert. Als die Chinesen erfuhren, dass es eine solche Freundschaftsliga schon in Japan gab und sie relativ viele Fans hat, luden sie Robert in ihren Fußballverband ein und versprachen ihm ihre Unterstützung.

    Ab jetzt lief es glatt. Der Verband stellte für die Ligaspiele Schiedsrichter zur Verfügung, damit diese Erfahrungen sammeln konnten. Die Spiele wurden zudem auf guten Spielfeldern ausgetragen. Mehr noch: Der Sieger der Amateurliga bekam die Chance, Playoff-Spiele mit den Mannschaften aus der Zweiten Profiliga zu spielen. Der wohl einzige Nachteil für die Fortuna war, dass sie im Falle des Sieges nicht aufsteigen konnte, weil das nur chinesische Teams durften.

    Trotzdem blieb noch Vieles organisatorisch zu managen. Bei seinem Engagement lernte er auch den Sohn des Cheftrainers der chinesischen Nationalelf, Klaus Schlappner, kennen. Für dessen Firma regelte Robert diverse logistische Fragen, und seine ganze Entlohnung gab er für den Bedarf der Liga aus. Als bekannt wurde, dass ein Buch von Franz Beckenbauer in chinesischer Sprache erscheinen würde, wurde ausgerechnet Robert die Organisation der Werbetournee des „Kaisers“ anvertraut: Er war derjenige, der Beckenbauers TV-Auftritte, Autogrammstunden usw. arrangierte.

    Als es Klaus Schlappner irgendwann zu wenig wurde, „nur“ chinesischer Nationaltrainer zu sein, kam er auf die Idee, im Reich der Mitte deutsches Bier zu verkaufen.

    Also wurde Robert Gannulla mit dem Thema „Bierlieferungen“ beauftragt. Das Duo mietete eine Brauerei, machte Bier und verkaufte es in Dosen mit seinem Namen darauf.

    Mehrmals verteilten sie das Bier unter den Spielern und Zuschauern der Liga – kostenlos!

    Allmählich wurde das Schlappner-Dosenbier zu einer wahren Legende der International Friendship League, die sich aus einem von Immigranten quasi illegal organisierten Wettbewerb zu einem durchaus aussichtsreichen Projekt entwickelte.

    Schlappner-Bier
    © AP Photo / Kunz
    Schlappner-Bier

    In den besten Zeiten beteiligten sich bis zu 40 Mannschaften, in drei Divisionen aufgeteilt, an dem Turnier. Es wurde sogar eine Frauen- und eine Kinder-Freundschaftsliga gegründet.

    Mehr als 1000 Menschen aus 80 Ländern gehörten zudem dem Amateurverband an.

    Zwar handelte es sich nie um richtig großes Geld, aber die Fortuna bekam plötzlich einen Sponsor, und zwar dieselbe Brauerei, die auch die Düsseldorfer Mannschaft sponserte. In Deutschland erfuhr man ja über die Ereignisse im Reich der Mitte, und die Brauerei schickte zu jedem Spiel des Pekinger Teams zwei Kisten Bier, eine davon bekam immer die gegnerische Mannschaft. Roberts Fortuna war deshalb selbst unter den Gegnern beliebt!

    Auch einzelne Spieler waren mehr oder weniger erfolgreich: Drei Fußballer von Africa United konnten Verträge mit Vereinen aus der Super League schließen. In der Friendship League beendeten auch einige chinesische Ex-Profis ihre Karriere. Und eines der Spiele der Amateurliga, die von dem einfachen deutschen Studenten organisiert wurde, besuchte Star-Regisseur Quentin Tarantino, der zu diesem Zeitpunkt den Streifen „Kill Bill“ in China drehte.

    2012 kehrte Robert Gonnella schließlich nach Düsseldorf zurück. Er hatte 18 Jahre im Fernen Osten verbracht und geheiratet – und beschloss irgendwann, dass es an der Zeit war heimzukehren. Es war ja von Anfang an nicht leicht, in China eine fortgeschrittene Fußballliga aufzubauen, aber dank dem Enthusiasmus der Menschen, die sich dieser Idee endlos widmeten, wurde sie Realität. Als sich Robert verabschiedete, überließ er seine Liga anderen Menschen.

    Inzwischen ist die International Friendship League wieder viel bescheidener als zu seinen Zeiten.

    Aber aus Dankbarkeit an Robert Gonnella werden in China jedes Jahr Spiele um den Pokal ausgetragen, der seinen Namen trägt.

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    Tags:
    Düsseldorf, China, Deutschland, Fußball