03:57 10 Dezember 2019
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    Foulspiel auch abseits des Spielfelds – Deutscher Profifußball mit Rassismus-Problem?

    © REUTERS / WOLFGANG RATTAY
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    Der deutsche Profi-Fußball steht am Pranger. Schalke 04-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies muss wegen Rassismus-Verdacht vor den Ehrenrat des Bundesligaclubs. Die Dortmunder Spieler Norbert Dickel und Patrick Owomoyela verstören mit Kommentaren. Der FC Chemnitz feuert seinen Ex-Kapitän Daniel Frahn, wegen Kontakten in die rechtsradikale Szene.

    Es ist Donnerstag, der 1. August 2019, kurz nach 16:30 Uhr. Im gut besuchten Sportzentrum Maspernplatz in Paderborn schmeichelt sich Clemens Tönnies in die Herzen der Zuhörer mit einem „Willkommen in der 1. Bundesliga!“, wie der Reporter der Lokalzeitung „NeueWestfälische - NW“ später berichten wird. Er wird auch jene Passage der Rede von Tönnies auf diesem „Tag des Handwerks“ dokumentieren, der nicht nur Tönnies, sondern auch seinem Verein Schalke 04 und dem deutschen Profi-Fußball noch viel Ärger bereiten wird.

    Tönnies, Europas Vizemeister im Schlachtbusiness, redet sich um Kopf und Kragen, als er eine CO2-Steuer als Mittel im Kampf gegen den Klimawandel ablehnt. Stattdessen sollten lieber in Afrika 20 Kraftwerke pro Jahr gebaut werden,

    „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

    Der Reporter der „NW“ registriert im Saal „Irritation – und dann doch Beifall“. Daraus wird innerhalb weniger Stunden der klassische „Shitstorm“, denn natürlich stürzen sich nicht so sehr Klimaaktivisten auf ihn, sondern Anti-Rassismus-Verbände, Politiker, Medien. Tönnies erkennt umgehend, was er angerichtet hat und entschuldigt sich. Aber damit stachelt er die Kritik nur noch mehr an, weil sie ihm als unehrlich ausgelegt wird. Rücktrittsforderungen reihen sich an weitere Kritik und Wortmeldungen der Enttäuschung und der Wut, von ehemaligen Weggefährten und Fans. Das Internet explodiert mal wieder vor all den Bekundungen von Empörung.

    Doch es gibt auch Solidarität für Tönnies. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung - WAZ“ lässt am 6. August 2019 gleich drei prominente Guardian Angels für den in Bedrängnis geratenen Fußballmanager auftreten. Schalke-Ikone Huub Stevens erklärt:

    „Wer ihn kennt, wer seit langem mit ihm zusammenarbeitet, der weiß, dass Clemens die Menschen mag wie sie sind – völlig unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder Religion. Ihm geht es stets um den Charakter eines Menschen – nie um die Farbe seiner Haut.“

    Auch Stevens Trainer-Kollege Otto Rehhagel bricht in der „WAZ“ eine Lanze für Tönnies:

     „Ich kenne Clemens Tönnies jetzt seit wirklich vielen Jahren. Mal waren wir Kontrahenten, mal Verbündete – aber wir sind uns immer auf Augenhöhe begegnet. Ich habe ihn stets als ehrlichen und sehr sozial engagierten Menschen kennengelernt. Als einen, dem nur wichtig ist, wie sich ein Mensch verhält und nicht, woher er kommt. Ihm tut seine Aussage leid – zu Recht, denn sie war falsch und unpassend. Diese ernst gemeinte Entschuldigung nehme ich Clemens ab.“

    Und das dritte Aufgebot der „WAZ“ ist Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel, der erklärt, dass „der Spruch“ von Tönnies „garantiert daneben“ gewesen sei, aber deshalb Tönnies zum Rassisten zu erklären sei, so Gabriel „absoluter Quatsch. Wer ihn kennt, weiß, dass das nun wirklich nicht stimmt.“ Gabriel verteidigt Tönnies aber vor allem, weil er den Shitstorm gegen den Fußball-Manager als Ablenkung von Wichtigerem empfindet: „Vor allem aber verniedlicht dieser Vergleich die wirklichen Rassisten.“

    Auch ein prominenter, noch aktiver Bundespolitiker meldet sich zu Wort und ist sowohl gewohnt bissig als auch bemerkenswert ehrlich. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki von der Freiheitlich Demokratischen Partei Deutschlands (FDP) findet die Wutattacken gegen Tönnies unehrlich. Am 4. August 2019 schreibt der keinem Streit abgeneigte Kubicki auf seinem Facebook-Konto:

    „Die ziemlich drastische Aussage von Clemens Tönnies war nicht nur zulässig, sondern vielleicht auch notwendig, um auf ein Riesendilemma der selbst ernannten Klimaaktivisten hinzuweisen. 1972 lebten ca. 4,5 Milliarden Menschen auf der Erde, heute sind es ca. 7,5 Milliarden. Sollten die Berechnungen der UNO zutreffen, werden es 2100, also am Ende unseres Jahrhunderts mehr als 12 Milliarden sein. Menschen, die ernährt, untergebracht, beschäftigt werden und deren Mobilitätsbedürfnisse sicher nicht geringer sein werden als heute.
    Wenn es nicht gelingt - und dies geht nur über Bildung und wirtschaftliche Perspektive -, das Bevölkerungswachstum in den Griff zu kriegen, können wir uns alle Überlegungen zum Erreichen der Weltklimaziele in die Haare schmieren.“

    Natürlich wusste der erfahrene Kubicki, dass er damit einen Teil der Empörung gegen Tönnies auf sich umleiten würde, was prompt geschah. Kubicki legte darauf hin, am 5. August 2019 gegenüber der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ noch einen Holzscheit mehr auf das bereits lichterloh brennende Feuer:

    "Ich verteidige nicht den Ton der ziemlich drastischen Aussage von Clemens Tönnies. Das tut er ja selbst auch nicht. Ich verteidige die Meinungsfreiheit und wende mich gegen die moralische Impertinenz, mit der sofort die öffentliche Verfolgung bis hin zur Existenzvernichtung aufgenommen wird. Tönnies hat ein gravierendes Problem der Klimadiskussion benannt, das tatsächlich einer dringenden Beantwortung bedarf. Wer nur noch Haltung verlangt, statt sich der Auseinandersetzung zu stellen, hat ein Fundamentalprinzip unserer Demokratie nicht verstanden: Meinungen auch dann zu ertragen, wenn sie eklig sind.“

    Dass die Affäre Tönnies nur der Anstoß zu einer gerade erst anrollenden Rassismus-Debatte im deutschen Profifußball zu sein scheint, belegen weitere Fälle von Äußerungen prominenter Vertreter dieses Kommerzsportes, die jetzt bekannt werden.

    So fielen die Spieler des BVB Dortmund Norbert Dickel und Patrick Owomoyela im clubinternen Fernsehen mit verstörenden Bemerkungen auf, als sie das Testspiel gegen Udine für BVB-TV kommentierten. Demnach fielen die „Klassiker“ des antiitalienischen Beschimpfungswortschatzes „Itaker“ genauso, wie ausgerechnet Owomoyela im Tonfall von Adolf Hitler ins Mikro schmetterte: “Große Schlachten, die hier geschlagen werden.” Nicht wenige Fans waren entsetzt. Der BVB löschte die Aufnahmen, aber der WDR kam der Sache auf die Schliche und nun hat auch der BVB einen Rassismusskandal, der sich noch ausweiten könnte. Zumal von der BVB-Führungsspitze wortreich gegen den ewigen Konkurrenten Schalke ausgeteilt wurde, als der Fall Tönnies explodierte.

    Der Drittligist FC Chemnitz hat dieses Rassismus-Problem schon länger und musste erneut einen Tiefschlag hinnehmen. Denn sein verletzter Torjäger Daniel Frahm wurde beim Auswärtsspiel in Halle/Saale ausgerechnet im Fanblock gerichts- und polizeinotorisch bekannter rechtsradikaler Hooligans gesichtet wurde. Damit war für den FC Chemnitz das Maß voll, denn Frahn ist ein Wiederholungs“täter“ in dieser Sache. Nun muss er sich einen neuen Verein suchen. Es darf allerdings als sicher gelten, dass der FC Chemnitz mit dieser gewiss souveränen und schnellen Entscheidung sein sehr viel tiefer rumorendes Grundproblem mit rassistischen und rechtsradikalen Fans nicht gelöst hat.

    Von den anderen Bundesligaclubs nicht zu reden, die sich gerne auf Tauchstation begeben, wenn dieses unbequeme Thema zur Sprache kommt.

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    Tags:
    BVB, Deutschland, Fußball, Rechtsradikale, Rassismus, FC Schalke 04