14:19 14 Dezember 2019
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    Radetappenrennen „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“

    Von Moskau nach Wladiwostok im Renntempo mit dem Fahrrad und nicht verrückt werden

    © Foto : Red Bull Content Pool
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    Was treibt diese Radfahrer aus Deutschland, Russland und anderen Ländern, sich von Moskau nach Wladiwostok ein Rennen zu liefern? Sich selbst zu testen und zu gewinnen – lautete die Antwort der Ultracycler bei der Präsentation des Buches und Dokumentarfilms über das längste und härteste Radetappenrennen der Welt „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“.

    Das Rennen fand nunmehr bereits vier Mal statt, und es war erstaunlich, diese Menschen zu sehen und sich mit ihnen zu unterhalten. Sie haben nichts Besonderes an sich. Es sind gewöhnliche Menschen, mittelgroß und schlank. Es lässt sich kaum annehmen, sie seien derart kräftig, dass sie 9.100 km innerhalb von 25 Tagen zurücklegen könnten.

    Deutscher Extrem-Radsportler Pierre Bischoff bei der der Red Bull Trans-Siberian Extreme 2018
    © REUTERS / Denis Klero/Red Bull Content Pool
    Als Paul Bruck von Bruck Consult & Most Management von zwei österreichischen Radsportlern gebeten wurde, eine Tour von Moskau nach Wladiwostok zu organisieren, um einen Strecken- und Ausdauerrekord aufzustellen, sagte er: „Ich werde dies nie und nimmer tun“. Auch der russische Botschafter in Wien riet ihm davon ab: „Gib diese Idee auf. Es ist sehr gefährlich. In Russland gibt es ja keine normalen Straßen, und nachts fährt da überhaupt niemand“.

    Dennoch tat er das im Jahre 2013. Vier Radfahrer, die einander ablösten, gelangten innerhalb von 14 Tagen von Moskau nach Wladiwostok, wobei sie einen neuen Weltrekord aufstellten. Im darauffolgenden Jahr gelang es zwei Radsportlern, einem Russen und einem Österreicher, diese Strecke genauso schnell zurückzulegen, wie es jene vier getan hatten. Diesmal fuhr jeder für sich allein, indem sie acht Zeit- und fünf Klimazonen bewältigten.

    Der österreichische Botschafter in Moskau Johannes Eigner gestand:

    „Als ich vor 32 Jahren Paul Bruck kennengelernt habe, machte er auf mich einen ausgeglichenen Eindruck, wie die meisten Österreicher. Er bewies aber das Gegenteil, indem er ein Rennen organisierte, das dreimal so schwer wie die Tour de France ist. Da legt man nur dreitausend Kilometer in ungefähr derselben Zeit zurück.“

    Marcus Osegowitsch, Generaldirektor der Volkswagen Group Rus, einer der Sponsoren des Rennens, teilte mit, sein Unternehmen stelle für die Tour Mannschaftswagen zur Verfügung, um deren Stabilität und Bequemlichkeit in der schwierigen russischen Umgebung zu testen. Einmal versuchte er auch selbst, mit seinen zwei Kindern von Wladiwostok nach Moskau mit VW zu fahren, kam aber nur bis Nowosibirsk, also knapp über 6000 Kilometer weit. Er gestand, dass es nicht leicht gewesen sei, diese Strecke zurückzulegen, selbst im Wagen. Um das aber mit einem Fahrrad zu machen…

    Alexej Schebelin, ein Fahrradprofi und Gewinner von „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“ 2016 und 2017, weiß selber nicht, wozu er das mitmacht: „Das sieht man ein, wenn man durchs Ziel fährt. Am Start fühlt man sich wie ein Sportler: Man hat gewisse Ambitionen, und erst nach dem Rennen begreift man, was man geleistet hat.“

    Man kann die Teilnehmer der Tour beneiden, weil sie durch Russland radeln und vieles besichtigen. Schebelin meint:

    „Da gibt es nichts zu beneiden, weil man Russland lieber vom Wagen aus besichtigt als in dem Zustand, in dem wir Rad fahren. Allerdings war die durch ihre Schönheit am stärksten beeindruckende Etappe die zwischen Irkutsk und Ulan-Ude in Sibirien. So schien es mir, weil wir nach einem Erholungstag fuhren, uns etwas wiederhergestellt hatten und in der Lage waren, umher zu schauen. Wenn ich aber zunächst mit dem Wagen die Strecke gefahren wäre und gesehen hätte, was es da gibt, wäre ich sicher nicht durch sie gerannt.“

    Pierre Bischoff aus Duisburg, der erste Deutsche, der das Race Across America gewonnen hat, ein härtestes US-Ausdauerrennen, und anschließend eine Tour durch Irland, mit 14-Stunden-Vorsprung vor dem Zweitbesten, beschloss laut ihm selbst, seinen Körper zu prüfen und herauszubekommen, ob es möglich ist, beim russischen Radrennen zu überleben. Er hat nicht nur überlebt, sondern auch im vorigen Jahr gesiegt, nachdem er es gelernt hatte, den Kopf auszuschalten, Musik mit Ohrhörern zu hören: er sang mit und dachte an nichts.

    Pierre Bischoff (l.) und Sven Ole Müller
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Pierre Bischoff (l.) und Sven Ole Müller

    Im Sputnik-Gespräch sprach er auch von anderen Dingen: „Man schaut auf die Landschaft, genießt die Landschaft und konzentriert sich auf das, was man vorhat. Mein Vorhaben war immer, nach Wladiwostok zu kommen, und so muss ich auch einfach lange Rad fahren, ob ich möchte oder nicht.“ Er habe gar nicht daran gedacht, zu siegen oder die Route am schnellsten zu fahren. Er habe nur einfach ankommen gewollt, um danach Urlaub zu machen. „Und das habe ich so schnell wie möglich erledigt, damit ich auch Zeit zum Erholen habe.“

    Alexej Schebelin zufolge ist die Hauptsache, sich auf die Monotonie des Radelns einzustellen. Man solle, sagt er, sich dessen bewusst sein, was und wie man es mache.

    „Ich kann mich nicht daran erinnern, woran ich gedacht habe. Während der Anfangsetappen, bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 40 km/h, als wir je 400 km zurücklegten, dachte ich daran, wann wohl meine Rivalen langsamer zu fahren anfangen. Und zwar die ganze Etappe hindurch. Alle zehn Stunden. Und zwar täglich.“

    Die Hauptsache sei für ihn, auszuspannen, sich von dieser Monotonie abzulenken. „Nur nicht von dem Weg. Die Sicherheit geht über alles. Aus diesem Grunde dachte ich jedes Mal, wenn ich spürte, dass ich die Grenze erreicht hatte, dass man bremsen und ein Schläfchen machen muss. Das Wichtigste ist, nicht an Schlechtes zu denken, an die Probleme, die man hat, weil sie durch die Müdigkeit riesengroß erscheinen.“

    Unter den Extrem-Radfahrern, die nächstes Jahr starten werden, wird auch Sven Ole Müller sein, der als Mental coach und Trainer für Teambildung von Dreamteams tätig ist. Er ist auch Mitautor des Buches über das Geheimnis der Potentialentfaltung „Wie Träume wahr werden“. 2016 hat er auch das Race Across America mit seinem Team gewonnen. Wenn er nächstes Jahr in Moskau startet, erschreckt es ihn nicht. „Es macht mir ein wenig Angst. Das ist aber gut so. Ich benötige ein wenig Angst, damit ich mich beim Training in Bewegung setze. Deshalb muss das Ziel bzw. die Aufgabe groß genug sein. Es ist vielleicht keine richtige Angst, sondern eine Aufregung.“

    • Radetappenrennen „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“
      Radetappenrennen „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“
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    • Pierre Bischoff im Gespräch mit einem Radfahrfan
      Pierre Bischoff im Gespräch mit einem Radfahrfan
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    • Radetappenrennen „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“
      Radetappenrennen „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“
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    • Paul Bruck mit seiner Ehefrau und Mitstreiterin Katharina
      Paul Bruck mit seiner Ehefrau und Mitstreiterin Katharina
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    Radetappenrennen „RED BULL TRANS-SIBERIAN EXTREME“

    Auf jeden Fall wolle er finishen… „Das ist nicht einfach, aber ich kann mir auch vorstellen zu gewinnen. Ich trainiere sehr viel. Seit dem Race Across America habe ich gar nicht aufgehört, sechsmal in der Woche zu trainieren. Und erst dann ein Ruhetag. Ich habe eine sehr gute Trainingssteuerung von meinem Trainingswissenschaftler Doktor Konrad Smolinski.“

    Sven Ole Müller war noch nie in Russland. In der Ukraine und Weißrussland schon. Er sei auch dort Rad gefahren, aber keine langen Distanzen, nur zum Spaß, wie er sagte. Jetzt wolle er die extrem lange Tour nach Wladiwostok fahren.

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    Tags:
    Tour de France, VW-Konzern, Red Bull, Red Bull Trans-Siberian Extreme