14:39 10 August 2020
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    In einer neuen Studie hat Sportwissenschaftler Lutz Thieme geprüft, inwiefern Spitzensport Auswirkungen auf die Lebenserwartung hat. Er kommt zu dem Schluss: Bei deutschen Olympiateilnehmern seit 1956 ist die Risikogruppe männlich und westdeutsch.

    Sport ist gesund, wird immer gepredigt. Ob morgendliches Joggen im Park, Bankdrücken im Fitnessstudio oder die sportliche Betätigung im Verein unserer Wahl – es scheint ein Konsens darüber zu herrschen, dass Sport in jedem Alter und in jedweder Form gut, gesund und potentiell lebensverlängernd ist. Man könnte daraus ableiten: mehr bringt mehr. Je intensiver man also Sport treibt, desto besser für die Gesundheit. Eine neue Studie scheint aber das Gegenteil zu belegen.

    In seiner Untersuchung hat der Sportwissenschaftler und ehemalige Präsident des Landessportbundes Rheinland-Pfalz, Lutz Thieme, geprüft, wie es um die Mortalität von Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmern aus der alten Bundesrepublik, der DDR sowie aus dem wiedervereinigten Deutschland bestellt ist. „Jung stirbt, wen die Götter lieben?“ heißt die Ende April vorgestellte Studie, und der Titel gibt bereits einen Hinweis auf die Ergebnisse der Untersuchung: Spitzensport verkürzt das Leben. 

    Ob Leistungssport die Überlebenswahrscheinlichkeit beeinflusse, sei bisher noch nicht eindeutig nachgewiesen, heißt es in der Einleitung der Studie. International seien die Befunde gemischt, für Deutschland liege nur eine einzige Studie zu Fußball-Nationalspielern vor. Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, hat Thieme daher die Daten der deutschen Olympiamannschaften zwischen 1956 und 2016 verglichen und bei den insgesamt 6066 Athleten Hypothesen zu Effekten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, zum metabolischen Stoffwechsel, zu Einzel-, Mix- und Mannschaftssportarten, zu Doping, zum olympischen Erfolg und zum Geschlecht getestet und dabei auch die Mitgliedschaft in den Olympiamannschaften der Bundesrepublik, der DDR und dem wiedervereinigten Deutschland berücksichtigt.

    „In Deutschland gewinnen Erkenntnisse zur Mortalität von Spitzensportlern vor dem Hintergrund der Debatte um die gesundheitlichen Folgen von Dopingpraktiken in beiden deutschen Staaten, den Dopingopfer-Hilfegesetzen zur Gewährung von Hilfeleistungen für DDR-Dopingopfer, den Diskussionen zu deren Missbrauch zusätzlich an Bedeutung. Daher ist es erstaunlich, dass bislang nur einzelne Untersuchungen zur Mortalität von Spitzensportlern in Deutschland vorliegen, obwohl derartige Analysen international durchaus zu finden sind, teilweise überraschende Befunde berichtet werden“, so Thieme.

    Die Thesen

    Seinen Untersuchungen legt der Sportwissenschaftler mehrere sich aus den Erkenntnissen anderer Studien ergebende Thesen zugrunde, die es zu überprüfen gilt. These 1 besagt, dass deutsche Olympiateilnehmer(innen) eine niedrigere Mortalität im Vergleich zur Gesamtbevölkerung haben. In These 2 wird vermutet, dass anaerob geprägte Sportarten ein höheres Sterberisiko bergen als aerob geprägte Sportarten. Dass Mannschaftssportarten eine höhere Mortalität aufweisen als Einzelsportarten, wird in der dritten These formuliert. These 4 besagt, ostdeutsche Olympiateilnehmer hätten eine höhere Mortalität als westdeutsche. These 5 geht auf einzelne Sportarten ein und besagt, die Sportarten Leichtathletik, Rudern, Gewichtheben, Skilanglauf, Biathlon, Rudern und Eiskunstlauf würden ein höheres Risiko bergen als andere Disziplinen. Die sechste These bezieht sich darauf, dass Silbermedaillengewinner eine höhere Mortalität haben als Gold- und Bronzemedaillengewinner. In These 7 wird die Frage aufgeworfen, ob weibliche Olympioniken ein niedrigeres Sterberisiko haben als ihre männlichen Kollegen. Und in These 8 wird schließlich festgehalten, dass die Mortalitätsraten deutscher Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmer denen von Frauen und Männern in der Gesamtbevölkerung entsprechen.

    Von den 6066 deutschen Teilnehmer(innen) an Olympischen Spielen der Jahre 1956 bis 2016 waren bis zum Stichtag 01.07.2019 genau 400 gestorben. Die Daten der Athleten wurden bei der Untersuchung für die Alterskategorien 15-34 Jahre, 35-64 Jahre und 65 Jahre und älter ausgewertet.

    Spitzensportler als Risikogruppe

    Für die Sportler aus der alten Bundesrepublik kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis, dass ihre Sterberate deutlich höher ausfällt, als das in der Gesamtbevölkerung der alten Bundesländer in den entsprechenden Zeiträumen der Fall war. Hierbei ist die Mortalitätsrate bei den 15- bis 34-Jährigen besonders hoch. Anders die Athleten aus der DDR. Zwar ist die Mortalitätsrate gegenüber der Gesamtbevölkerung ebenfalls erhöht, doch fällt sie deutlich niedriger aus als in der BRD. Bei den über 65-Jährigen ist sie gar niedriger. Für Athleten aus Ost und West kommt Thieme zu dem Schluss, dass die hohen Sterberaten maßgeblich von Männern induziert wurden. Für die Olympiateilnehmer des wiedervereinigten Deutschland stellt der Sportwissenschaftler fest, dass ihre Sterberate gegenüber der Gesamtbevölkerung leicht erhöht ist, in der Altersgruppe von 35 bis 64 Jahren sogar geringer ist. Insgesamt sei These 1 zurückzuweisen, wonach Olympiateilnehmer eine geringere Mortalität haben als die Gesamtbevölkerung.

    Keine Unterschiede bei aeroben/anaeroben und Mannschafts- und Einzelsportarten

    Zu These 2, die besagt, dass anaerob geprägte Sportarten im Vergleich zu aerob geprägten Sportarten ein erhöhtes Sterberisiko bergen, hat sich Thieme mehrere prototypische Sportarten für die jeweiligen Disziplinen vorgenommen. Als Prototypen für anaerobe Sportarten dienten dabei leichtathletische Wurfdisziplinen (18 Sterbefälle) und Gewichtheben (9 Sterbefälle), für die aeroben  hingegen Skilanglauf (11 Sterbefälle) und Rudern (24 Sterbefälle). Beim Vergleich der Daten konnte Thieme keine signifikanten Unterschiede feststellen, daher sei These 2 zurückzuweisen.

    Auch für These 3, wonach Mannschaftssportarten gegenüber Einzelsportarten eine höhere Mortalität aufweisen, konnte durch die Untersuchung nicht bestätigt werden.

    Ostdeutsche Sportler sind Überlebensmeister

    Beim direkten Vergleich zwischen Ost und West haben ostdeutsche Olympiateilnehmer(innen) eine wesentlich höhere Überlebenserwartung gezeigt als die Kollegen aus dem Westen. „Es zeigt sich, dass die Zuordnung zur alten Bundesrepublik ein signifikanter Risikofaktor ist“, heißt es in der Studie. These 4 erweise sich somit ebenfalls als falsch.

    Doping spielt keine Rolle

    Bei der sportartenspezifischen Mortalität infolge vermuteter Dopinganwendung wurden Sportarten, bei denen besonders häufige Dopinganwendung vermutet wird, mit der Summe aller anderen Sportarten verglichen. Als besonders „dopinganfällig“ galten hierbei Schwimmen, Biathlon, Skilanglauf, Leichtathletik, Eiskunstlauf, Rudern und Gewichtheben. Hinsichtlich der Überlebenswahrscheinlichkeit hätten sich dabei lediglich signifikante Unterschiede zwischen Gewichtheben und Schwimmen sowie zwischen Gewichtheben und anderen Sportarten ergeben. Das reiche nicht aus, um These 5 hinlänglich zu stützen.

    Wer gar keine Medaillen gewinnt, lebt länger

    Auch These 6 hielt der Prüfung nicht stand. Untersucht wurde, ob es signifikante Unterschiede in der Sterblichkeit von Gold-, Silber- und Bronzemedaillengewinnern und Olympiateilnehmern ohne Medaillen gibt. Während sich keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Medaillenkategorien gezeigt hätten, sei aber festgestellt worden, dass Olympiateilnehmer ohne Medaillen ein wesentlich niedrigeres Sterberisiko aufwiesen. „Das Risiko sinkt hier mit jeder nicht erreichten Medaillenkategorie auf jeweils 83 Prozent.“

    Top-Risikofaktor: männlich

    Im siebten und letzten Abschnitt präsentiert Thieme die Ergebnisse der Untersuchung hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Mortalität. Wie an anderer Stelle bereits angerissen, wiesen sowohl in der BRD als auch in der DDR die Olympiateilnehmerinnen eine signifikant niedrigere Mortalität als ihre männlichen Kollegen auf. Die Risikoverteilung sei jedoch nicht proportional zu derjenigen zwischen Männern und Frauen in der Gesamtbevölkerung.

    Gesundheitliche Risiken im Spitzensport berücksichtigen

    Die vorgelegten Befunde könnten als Indiz dafür gewertet werden, dass leistungssportliche Karrieren auch den Einsatz von Lebenszeit nach sich ziehen würden, und dieser Effekt verstärke sich mit zunehmendem sportlichen Erfolg, so Thieme abschließend. 

    „Im Sinne vorbeugender Risikominimierung unterstreichen die Befunde jedoch die Notwendigkeit einer engen, von Sportverbandsinteressen unabhängigen medizinischen Überwachung für die derzeitige Generation der Leistungssportlerinnen und -sportler  . Zudem sind Programme zur Förderung des Leistungssports ohne ausreichende Berücksichtigung vorsorgender gesundheitlicher Komponenten ethisch nicht (mehr) zu verantworten.“

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    Sportler, Sterblichkeit, Deutschland, Olympia