04:32 15 August 2020
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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Entgegen der Meinung von seiner besonderen Begabung hält sich die Legende des sowjetischen Kunstturnens, Alexander Ditjatin, nicht für besonders begabt, obwohl seine Leistung bei den olympischen Spielen in Moskau ihn in das Guinness-Buch der Rekorde gebracht hat. Er ist der weltweit Einzige, der bei einem Wettkampf acht Medaillen gewonnen hat.

    Bei den Olympischen Spielen 1980 holte er drei Goldmedaillen (im Mannschafts- wie im Einzelmehrkampf sowie an den Ringen) und dazu Silber am Pauschenpferd, im Sprung, an Barren und Reck und auch noch Bronze im Bodenturnen. Diese acht Olympia-Medaillen, so Ditjatin im Sputnik-Interview, hätten ihn zutiefst beeindruckt. Das Gleiche ist nur noch dem amerikanischen Schwimmer Michael Phelps gelungen. An der Gesamtzahl der bei einer Olympiade gewonnenen Medaillen hat sie bis jetzt keiner übertroffen.

    Ferner merkte er an, es stimme nicht, dass er mit dem Geräteturnen spät, als Neunjähriger begonnen hätte. „Das war nicht spät. Damals wurden eben Gruppen aus Acht- und Neunjährigen gebildet. Ich wurde zunächst überhaupt als unbegabt eingestuft. Nach der Begutachtung durch ein Forschungsinstitut hieß es sogar, ich würde für das Turnen gar nicht taugen. Deshalb hat mir keiner etwas zugetraut. Alles kam durch meinen Fleiß und den Trainer. Der Coach war dabei ausschlaggebend. Ein ruhiger Mann, auch unsere Charaktere passten zueinander. Er blieb gelassen, schrie mich nie an. Das ist nicht nur für das Turnen wichtig.“

    Alexander Ditjatin während Vorbereitung auf die Olympische Sommerspiele in Moskau 1980
    © Sputnik / Miranski
    Alexander Ditjatin während Vorbereitung auf die Olympische Sommerspiele in Moskau 1980

    Sein Trainer Anatoli Jarmowski brachte ihm vor allem eine ausgezeichnete Bewegungskultur bei. Deshalb frappierte Ditjatin durch die Technik der Elemente, während er an der Komplexität der Kombinationen anfänglich hinter den stärksten Kunstturnern der UdSSR zurückstand. Aber der Trainer steigerte Schritt für Schritt die Schwierigkeit seines Programms. Schließlich wurde es überaus ausgewogen und kraftvoll.

    Sonst wurde Ditjatin nachgesagt, seine beste Eigenschaft sei die Fähigkeit zur höchsten Konzentration. Auch das komme vom Training, ist sich der Sportler sicher:

    „Beim Training muss man alles machen, ohne von den Geräten abzustürzen. Jeder Versuch ist dabei ernst zu nehmen. Und man darf nicht zu viele Versuche machen. Daher kommt die Stabilität der Vorführung. Hier wirken mehrere Faktoren mit. Alles wird beim Training eingeübt.“

    Bei den Spielen in Moskau war Ditjatin der Hauptanwärter auf den Sieg, turnte fehlerfrei, einfach ideal. Heute telefoniert er oft mit Wladimir Markelow, einem Mitglied des damaligen „Gold“-Teams, trifft ihn ab und zu: „Zwar bestand zwischen uns eine Rivalität. Wie sonst! Da warenMannschaftsgeist und Rivalität zugleich im Spiel. Denn jeder möchte den Einzelmehrkampf gewinnen. Auch möchte jeder ins Nationalteam aufgenommen werden. Insbesondere gab es zu unserer Zeit Konkurrenz unter den Sportlern der 15 sowjetischen Teilrepubliken. Auch wurde man durch mehrere Wettkämpfe gründlich gesiebt.“

    Wodurch unterscheidet sich das heutige Kunstturnen vom damaligen?

    Die Regeln hätten sich verändert, so Ditjatin: „Gegenwärtig darf man an einem Gerät antreten, wobei die Schwierigkeit der Ausführung steigt. Auch die Geräte selbst haben sich qualitativ verändert, insbesondere beim Sprung. Auch der Teppich für die Kür ist völlig anders. Wir haben nämlich auf einem beinahe kahlen Boden geturnt. Jetzt ist der Schwingboden dagegen weich. Dabei haben wir an jenen ‚steinharten‛ Geräten all die heutigen Elemente ausgeführt!“

    „Aber jetzt wie damals ist es außerordentlich schwer, Olympiasieger zu werden“, merkt Ditjatin an. „Da helfen einem keinerlei neue Technologien. Ein Mensch bleibt ja immer ein Mensch. Auf jeden Fall ist es schwer, Medaillen an allen Geräten bei einem Turnier zu holen. Und wenn man sich etwa nur auf zwei Geräten spezialisiert, dann erst recht. Eines ist es, je drei Trainingsstunden an sechs Geräten zu haben, ein anderes, an nur, sagen wir, zwei zu üben. Dadurch bekommt man mehr Möglichkeiten und bereitet sich besser vor.“
    Alexander Ditjatin spricht mit Kindern in einem Turnverein, September 1980
    © Sputnik / Yuri Somow
    Alexander Ditjatin spricht mit Kindern in einem Turnverein, September 1980

    Berüchtigter Boykott der Olympischen Spiele in Moskau

    „Acht Monate vor Moskau lief im nordamerikanischen Fort Worth die Weltmeisterschaft, bei der auch Deutsche antraten. Unter ihnen gab es starke Turner aus der BRD, auch die Amerikaner waren gut. Die Stärksten waren aber damals wir und die Japaner. Bei diesen Wettkämpfen von 1979 belegte unser Team den ersten Platz, und ich wurde absoluter Weltmeister. Damals in den USA hatte ich viermal Gold und einmal Silber gewonnen. In Moskau holte ich dreimal Gold. Wegen des Boykotts hatte die Konkurrenz natürlich etwas nachgelassen, allerdings nicht so sehr im Kunstturnen wie im Schwimmen oder in der Leichtathletik. Aber die Sowjetunion führte ohnehin zu dem Zeitpunkt im Kunstturnen.“

    Alexander Ditjatin, 2018
    Alexander Ditjatin, 2018

    Gegenwärtig ist Alexander Ditjatin Leiter des Lehrstuhls für Gymnastik und Fitness-Technologien an der Russischen Staatlichen Pädagogischen Herzen-Universität in St. Peterburg und bildet Sportlehrer aus.

    „Früher wurden an dieser Hochschule Sportler nicht unter der zweiten Leistungsklasse immatrikuliert. Auch gab es viele Mitglieder von Auswahlmannschaften unter ihnen. Inzwischen hat die Anzahl der Turnschulen stark abgenommen. Leider ist das Turnen gegenwärtig weniger beliebt als zu meinen Zeiten. Nach der Perestroika kehrte sich überhaupt alles um. Ich hatte mit dem Turnen noch in der Schule begonnen, in der es alle Geräte gab. Zu uns kam ein Trainer. Jetzt haben die Schulen gar keine Geräte. Nur einzelne Schulen besitzen sie. Jetzt ist leider alles kostenpflichtig. Auch das Turnen.“

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    Turnen, UdSSR, Olympische Spiele in Moskau 1980