03:10 06 Dezember 2020
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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Bei den Olympischen Spielen in Moskau war sie eine der erfolgreichsten Teilnehmerinnen. Maxi Gnauck galt 1980 als absolute Weltspitze im Turnen. Deshalb hat sie die Abwesenheit westlicher Konkurrenten in Moskau zwar bedauert, aber ist sich sicher, dass sie auch mit ihnen gewonnen hätte. Sie erinnert sich in einem Gespräch mit Sputnik Deutschland.

    Welche Ausnahmeerscheinung Maxi Gnauck gewesen ist, zeigt die nüchterne Statistik, nämlich die Tatsache, dass sie bis heute die letzte deutsche Turnerin ist, der es gelang, sich eine olympische Goldmedaille zu erturnen. Dieser Fakt zeigt auch noch etwas Anderes, aber dazu kommen wir noch. Maxi Gnauck war 15, als sie in Moskau an ihrem Paradegerät, dem Stufenbarren, siegte. Sie hatte ein Jahr zuvor an diesem Gerät bereits den Weltmeistertitel errungen. Es ist deshalb keine Überheblichkeit, sondern die nüchterne Einschätzung einer Weltklasseturnerin, die im Gespräch mit Sputnik Deutschland Maxi Gnauck zu der Einschätzung führt, dass sie in Moskau wahrscheinlich auch dann gewonnen oder einen Medaillenplatz eingenommen hätte, wenn die westliche Konkurrenz anwesend gewesen wäre, statt die Moskauer Spiele zu boykottieren.

    „Die Leistung, die ich dort gebracht habe, hätte ich so oder so gebracht, egal wer dabei gewesen wäre. Ich hatte eine Bestätigung der Leistung ein Jahr davor das erste Mal bei der WM in Fort Worth gezeigt, mit dem ersten Weltmeistertitel. Und danach, ein Jahr später, 1981 mit weiteren Weltmeisterschaftstiteln. Also wäre ich schon davon ausgegangen, dass die Leistung eigentlich vorhanden war.“

    Sie habe den Boykott der Moskauer Spiele bedauert, sagt Maxi Gnauck. Aber für sie war das Wichtigste, dass sie überhaupt stattfanden. Denn vier Jahre später durfte sie, zu diesem Zeitpunkt immer noch absolute Weltspitze im Kunstturnen und nach wie vor eine Kandidatin für eine olympische Medaille, dennoch nicht nach Los Angeles zu den dort stattfindenden Spielen fahren, weil nun die meisten sozialistischen Staaten das olympische Großereignis boykottierten. Gnauck weiß, wie niederschmetternd das für einen Sportler ist, zwar die Leistung für eine Teilnahme an Olympischen Spielen vorweisen, aber aus politischen Gründen diese Chance nicht wahrnehmen zu können. Und für nicht wenige Sportler gibt es diese Chance nur einmal in ihrer aktiven Laufbahn.

    „Wieso fahren die, wieso fahren wir nicht?“

    Maxi Gnauck war zwar Realistin genug, die ziemlich unmissverständlichen Vorzeichen wahrzunehmen, die auf einen Gegenboykott 1984 hindeuteten. Aber richtig frustrierend war es nicht nur für sie, erleben zu müssen, dass andere sozialistische Staaten doch nach Los Angeles fuhren, wie etwa Rumänien.

    „Naja, vor allen Dingen, als wir dann erfahren haben – das haben wir ja nicht gleich erfahren –, dass Rumänien fährt, als die dann gefahren sind, fanden wir schon: Wieso fahren die, wieso fahren wir nicht? Aber die DDR hatte damals ja einen ganz anderen Stellenwert der Sowjetunion gegenüber als Rumänien.“

    Die vielen Titel, die Maxi Gnauck bei Welt- und Europameisterschaften erringen konnte, waren vielleicht ein gutes Trostpflaster, denn bei diesen Wettkämpfen traf sie ja auf die jeweils besten sportlichen Konkurrenten ihrer Tage.

    Maxi Gnauck bei Olympia 1980 in Moskau
    © Sputnik / Wladimir Fedorenko
    Maxi Gnauck bei Olympia 1980 in Moskau

    An die Moskauer Olympischen Spiele hat sie im Grunde nur positive Erinnerungen, was sie im Gespräch mit Sputnik Deutschland auch damit erklärt, dass sie möglicherweise doch noch sehr jung war und in ihren Erinnerungen deshalb nur die fröhlichen Momente dieser Tage des Sommers 1980 in Moskau einen dauerhaften Platz haben. Am meisten beeindruckt war sie vom Olympischen Dorf und der internationalen Atmosphäre dort, was sich vor allem in den großen Kantinen für die Sportler zeigte, wie sie erzählt.

    „Das kannte man ja nicht, jetzt kennt man natürlich auch viele andere Sachen, aber diese Riesenhallen mit den Buffets, und dann sieht man dort Läufer aus einem afrikanischen Land, der einen ganzen Teller voll Rosinen hat, was man so selber nicht kannte, dass man einfach so einen Teller Rosinen isst. Das sind so Sachen, die man sich einfach einprägt.“

    „Es gab so viele Wettkämpfe, wir haben da eigentlich gar nichts mitgekriegt“

    Für den, der glaubt, dass einem Sportler bei Olympischen Spielen viel Zeit bleibt, andere Wettbewerbe oder Land und Leute kennenzulernen, müssen die Erinnerungen von Maxi Gnauck etwas desillusionierend wirken.

    „Das ist vielleicht auch ein bisschen schade. Die Turnwettkämpfe sind auch die Wettkämpfe, die als erstes stattfinden, sodass wir auch nicht bei der Eröffnungsfeier dabei waren, da haben wir eigentlich gar nichts mitgekriegt. Damals gab es ja Pflichtwettkampf und Kürwettkampf und Mannschaftswettkampf und Mehrkampf und Finale – also es gab so viele Wettkämpfe, dass man  die ganze Woche belegt war.“

    Im Hinblick auf Moskau hat Maxi Gnauck später einiges nachgeholt, bei anderen internationalen Wettkämpfen, bei denen sie dann Gelegenheit hatte, Moskau auch außerhalb einer Wettkampfarena zu erleben. Das Publikum bei den Olympischen Spielen war ihrer Erinnerung nach jedenfalls toll drauf, was auch an einigen DDR-Touristen lag, die vielstimmig auch und gerade sie unterstützten.

    Unterstützung war nach 1989 dann allerdings Mangelware, erinnert sich Maxi Gnauck. Denn das erste, was die nunmehr gesamtdeutschen Sportfunktionäre und -politiker taten, war DDR-Trainer mehr oder weniger zu demütigen. Zu denen zählte da auch Maxi Gnauck, die nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn Sportwissenschaften studiert hatte. Ein solches Fach kannte das vereinte Deutschland nicht oder wollte es nicht kennen. Das Beste oder wie Maxi Gnauck es etwas süffisant formuliert, das Niedrigste, was der Westen für DDR-Trainer zu bieten hatte, war eine Übungsleiterlizenz des DTB, des Deutschen Turner-Bundes, egal, ob es sich um einen Trainer handelte, der Weltstars wie Maxi Gnauck hervorgebracht oder gerade sein Studium abgeschlossen hatte.

    „Ich denke, man hatte Probleme, das, was gut war im Osten, anzuerkennen und Teile übernehmen zu wollen. Ist egal, in welchen Bereichen das war, aber vor allen Dingen im Sport. Man hat erstmal den Trainern gezeigt, wo sie hingehören, und zwar nirgendwohin im Land. Das erste, was wir bekommen haben, obwohl wir ein Diplom hatten, war eine Übungsleiterlizenz vom DTB. Also das Niedrigste, was man von einem Wochenendlehrgang bekommen kann, als Anerkennung der Ausbildung.“

    Späte Anerkennung im Jahr 2000 – als erste deutsche Turnerin, aber nicht im eigenen Land

    Diese Anerkennung erhält sie im Jahr 2000. In den USA, wo sie in die „International Hall of Fame“ aufgenommen wird. Als erste deutsche Turnerin überhaupt. Zu diesem Zeitpunkt leitet sie bereits seit sieben Jahren sehr erfolgreich das Kunstturnzentrum Harksheide im schleswig-holsteinischen Norderstedt. Zum zehnjährigen Jubiläum dieses Zentrums, 2003, ist sie noch einmal in aller Munde, Norderstedt ist stolz, das „Hamburger Abendblatt“ interviewt sie. Aber schon ein Jahr später wird Maxi Gnauck gekündigt. Die genauen Gründe sind bis heute nicht so recht klar. Aber die geborene Berlinerin nimmt diesen tiefen Einschnitt einmal mehr mit dem nötigen Realitätssinn hin und erklärt: „Ich bedauere diese Entscheidung sehr, aber es gibt eben keinen kostengünstigen Leistungssport.“

    Maxi Gnauck (L) und Hannelore Sauer beim Turn-Länderkampf der Frauen DDR-UVR in Wismar 1984
    Maxi Gnauck (l.) und Hannelore Sauer beim Turn-Länderkampf der Frauen DDR-UVR in Wismar 1984

    Ein Jahr später folgt sie ihrem Turnkollegen Roland Brückner, der in Moskau Gold im Bodenturnen gewann und genauso wie Maxi Gnauck ein Jahr davor in Fort Worth Weltmeister an diesem Gerät wurde, an das Nordwestschweizer Leistungszentrum Liestal. Von dort wechselt sie 2012 schließlich an das Turnzentrum Emme in Utzentorf, im Kanton Bern, wo sie noch heute als Trainerin im Kinder- und Jugendbereich arbeitet. Dass sie mal Trainerin werden würde, hätte sie eine ganze Weile nicht für möglich gehalten, erklärt sie im Gespräch mit Sputnik Deutsch.

    „Als ich im Studium war, bin ich davon ausgegangen, ich kann nicht als Trainer arbeiten, weil ich dazu nicht in der Lage bin, weil ich eher von Natur aus ruhig bin. Und ich habe immer gedacht, nein, Kinder springen auf dich nicht an, weil du das nicht gut vermitteln kannst. Aber im Studium macht man ja auch Praktika und arbeitet mit Kindern zusammen als Trainer. Und da habe ich festgestellt, Mensch, die Kinder, die springen ja auf dich an, Du kannst ja mit Kindern umgehen und das macht ja Spaß.“

    Spaß macht ihr nach wie vor, sich sportlich zu betätigen. In normalem Maßstab Fahrrad fahren, schwimmen, „ein bisschen hält man sich fit“, wie sie das umschreibt. Aber an Turnübungen wie früher ist nicht zu denken, spricht am Ende des Gesprächs mit Sputnik Deutschland noch einmal die nüchtern analysierende Sportwissenschaftlerin.

    „Dazu muss man viel zu viel trainieren, um überhaupt etwas zu schaffen. Und man baut auch schnell wieder relativ viel ab, weil die Muskulatur schon nach vierzehn Tagen Urlaub anders aussieht als davor. Dann hat man vielleicht noch ein Kilo zugenommen oder zwei, und dann sieht alles schon ganz anders aus. Dazu ist es zu kompliziert und schwierig, das Turnen.“

    Das komplette Interview mit Maxi Gnauck zum Nachhören hier:

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    Turnerin, Olympische Spiele in Moskau 1980, DDR