14:19 13 August 2020
SNA Radio
    Sport
    Zum Kurzlink
    Von
    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
    2720
    Abonnieren

    Politik hat nichts im Spitzensport verloren, 1980 genauso wenig wie heute. Davon ist die österreichische Dressurreiterin Elisabeth Max-Theurer überzeugt. Gemeinsam mit Sputnik blickt die Olympiasiegerin auf die als „Boykottspiele“ in die Geschichte eingegangenen Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau zurück.

    Auch wenn Österreich sich entschieden hatte, die Spiele in Moskau nicht zu boykottieren, und auch das Nationale Olympische Komitee für die Teilnahme grünes Licht gegeben hatte, ist es der damals 23 Jahre alten Elisabeth „Sissy“ Max-Theurer nur mit sehr viel Glück gelungen, mit ihrem Pferd Mon Cherie nach Russland zu kommen. „Der österreichische Verband hat damals eine etwas zwielichtige Rolle gespielt. Es wurde gesagt: Ja, eigentlich können Sie teilnehmen, aber wehe, Sie nehmen dort teil“, erinnert sich die Olympiasiegerin.

    Die ehrgeizige junge Athletin, die kurz zuvor schon Österreichische Staatsmeisterin (1978) und Europameisterin (1979) geworden war, ließ sich durch den Widerstand des Verbandes nicht aufhalten. Gemeinsam mit ihrem Trainer und späteren Ehemann Hans Max und ihren Eltern habe sie die Entscheidung getroffen, in Moskau an den Start zu gehen. Wie sie aber samt Pferd dort hinkommen sollte, war die große Frage. „Es hätte die Möglichkeit gegeben, mit der Bahn durch die Ukraine zu fahren, wo man aber nicht wusste, ob man auch ankommt. Das war uns dann zu riskant“, so Max-Theurer. Und dann sei ihr Niki Lauda zur Hilfe gekommen.  Die Formel-1-Legende habe ihr das eigene Privatflugzeug zur Verfügung gestellt, und man habe gemeinsam überlegt, wie man das Pferd darin unterbringen könnte.

    Der legendäre Formel-1-Rennfahrer Niki Lauda im Cockpit eines Passagierjets seiner Fluggesellschaft Niki Airline, Mai 2004
    © AP Photo / UMBERTO FARAGLIA
    Der legendäre Formel-1-Rennfahrer Niki Lauda im Cockpit eines Passagierjets seiner Fluggesellschaft Niki Airline, Mai 2004

    „Mon Cherie war Gott sei Dank nur 1,71m groß, das hat durch die Tür gepasst. Bei Acapulco, meinem zweiten Olympia-Pferd, wäre das nicht gegangen. Der wäre zu groß gewesen und hätte nicht hineingepasst. Es wurden also einige Sitzreihen ausgebaut, ein Container gebastelt. Mit diesem Container wurde das Pferd in Linz verladen – davon gibt es noch Fotomaterial, das war mega-spannend. So sind dann mein Mann, ich, unser Tierarzt und unsere Pflegerin nach Moskau gereist. Vier Stunden Flug, dann sind wir gelandet und wurden dort empfangen – das war einfach sensationell!“

    Mon Cherie habe alles gut überstanden und sei am Flughafen Scheremetjewo in einen toll ausgestatteten Pferdetransporter umgeladen worden. „Von dort sind wir mit Polizeibegleitung – vorne acht Motorräder, hinten acht – mit Blaulicht anderthalb Stunden durch die Stadt gedüst.“

    Die Bedingungen vor Ort seien wirklich sehr gut gewesen und das Pferd habe einen überaus komfortablen Stall bekommen, so Max-Theurer. Allerdings sei man 1980 noch nicht so weit gewesen, was die Aufbereitung der Reitböden angeht – der Boden sei ziemlich tief gewesen, und das sei anstrengend für Pferde.

    „Dennoch war es eine wirklich tolle Anlage, wir haben auch direkt an der Anlage Appartements gehabt. Mein Trainer, der damals schon mein Lebensgefährte war, musste sich aber mit einem russischen Trainer das Zimmer teilen. Ich hatte drei Zimmer im zweiten Stock für mich ganz allein, aber er durfte da nicht hinauf, denn es galt absolut strikte Geschlechtertrennung. Das war ganz lustig: Da saß immer einer am Aufgang vom ersten zum zweiten Stock und es durfte keiner hinaufkommen.“

    Die Olympischen Spiele in Moskau sind für die junge Dressurreiterin überaus erfolgreich verlaufen: Auf Mon Cherie holte Elisabeth Max-Theurer Gold – es war die einzige Goldmedaille für Österreich. Später argwöhnten einige Konkurrenten, dies sei nur möglich gewesen, weil andere starke Dressurreiter wegen des Boykotts nicht angetreten sind. Das weist Max-Theurer entschieden von sich. Für sie war ihr Sieg absolut verdient. Erstens sei sie ein Jahr vorher Europameisterin geworden gegen quasi die gesamte westliche Welt. Dann sei sie etwa vier Wochen vor den Olympischen Spielen in Aachen ebenfalls gegen die gesamte Dressur-Welt am Start gewesen, sei in der deutschen Hochburg mit deutschen Richtern zweimal Zweite, einmal hinter Dr. Schulten-Baumer und einmal hinter dem späteren Olympiasieger Reiner Klimke geworden.  Ihr Pferd Mon Cherie sei damals auch wirklich gut in Form gewesen, betont Max-Theurer. Zudem habe Gastgeber Russland sehr starke Athleten gehabt:

    „Es war so, dass Russland auch schon zu früherer Zeit sehr gut in Dressur war – das fing schon mit Rom an. Immer wieder gab es sehr qualitätvolle russische Dressurpferde und Reiter, die in Moskau natürlich auch am Start waren. Dann gab es noch einige westliche, die fahren durften, darunter die  spätere WM-Silbermedaillengewinnerin  Kyra Kyrklund aus Finnland. Sie ist jetzt auch eine ganz bedeutende Trainerin. Das war schon Konkurrenz. Natürlich kam dann dazu, dass man bei einem solchen Event besonders gut sein musste, denn viele Fehler darf man sich da nicht erlauben. Druck war also schon dabei.“

    Von der Einmischung der Politik in den Spitzensport hält die Österreicherin heute wie damals gar nichts. „Für einen Sportler ist es wirklich etwas ganz besonderes, an Olympischen Spielen teilzunehmen, es geht nur darum, dort dabei zu sein, vor allem, wenn man da auch noch gut abschneidet. Und die Politik beginnt hier, den Sport zu missbrauchen.“

    Elisabeth Max-Theurer – Olympia 1980 in Moskau
    © Sputnik / Sergej Subbotin
    Elisabeth Max-Theurer – Olympia 1980 in Moskau

    Zudem kann Max-Theurer es nicht nachvollziehen, warum der sowjetische Einmarsch in Afghanistan zum internationalen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau geführt hatte, der US-amerikanische Einmarsch im gleichen Land aber keinerlei vergleichbare Auswirkungen auf die Olympischen Spiele in Salt Lake City hatte.

    Dass heute ganze russische Verbände unter Generalverdacht des Dopings gestellt und kollektiv von sportlichen Großveranstaltungen ausgeschlossen werden, versteht Max-Theurer ebenso wenig. „Nein, ich finde es kein berechtigtes Sanktionsmittel, denn wenn ein Athlet etwas macht, was man nicht darf, kann ja der andere Athlet nicht dafür gerade stehen, auch nicht der Verband. Das finde ich nicht in Ordnung.“ 

    Ihre Liebe zu Russland hat sich die inzwischen 63-Jährige bewahrt. Seit 1980 sei sie drei oder vier Mal wieder da gewesen und habe sich dort immer sehr wohlgefühlt.

    „Für mich persönlich ist Russland ein besonderes Land, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich da so erfolgreich gewesen bin.  Ich finde, die Russen haben eine ganz große Gastfreundschaft, eine sehr große Wertschätzung für sportliche Leistungen.“

    Olympiasiegerin Elisabeth Max-Theurer
    © Sputnik / Sergej Subbotin
    Olympiasiegerin Elisabeth Max-Theurer
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)

    Zum Thema:

    Unbekannte bewaffnete Menschen in Minsker Yandex-Büro eingedrungen
    „Putins Murks“? Galle deutscher Medien und fünf Fragen zum ersten russischen Corona-Impfstoff
    T-80-Panzer bei Moskau taucht unter: Kriegsgerät bezwingt Unterwasser-Hindernisse – Video
    Tags:
    Dressur, Olympische Spiele in Moskau 1980