04:15 06 August 2020
SNA Radio
    Sport
    Zum Kurzlink
    Von
    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
    3373
    Abonnieren

    Wladimir Salnikow, einer der Haupthelden der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, hat damals dreimal Gold gewonnen: bei der 4×200-Meter-Freistilstaffel, über 400 und über 1.500 Meter Freistil. Auf der letzten Distanz hat er zudem einen Weltrekord aufgestellt und ist sie unter 15 Minuten geschwommen.

    Wie er die Grenzen der menschlichen Möglichkeiten erweitert hat, berichtete der Top-Schwimmer im Sputnik-Gespräch. „Ich habe mich diesem Rekord einige Male genähert, aber jedes Mal waren es ein paar Sekunden zu viel. Die Jahre des intensiven Trainings zeitigten jedoch das nötige Ergebnis. Denn zur Selbstüberwindung kommt es nicht nur bei Wettkämpfen. Bei jedem Training muss man auch die eigene Müdigkeit und eigene Schwäche bezwingen, zuweilen mehrmals.“

    Dadurch könne der Sportler auf diese Belastung und diese Überwindung eingestellt sein, so Salnikow. Ein anderes sei, wie tief er die Reserven seines Körpers angreifen kann, die nur für das Äußerste da sind. Und ob der Organismus sie restlos verbrauchen kann: „Nur durch eine kolossale Willensanstrengung lässt sich aus dieser stets versiegelten Quelle noch etwas Energie schöpfen.“

    Fabelhafter Weltrekord

    Damals sei es ihm gelungen, sich derart zu sammeln und die eiserne Ration der Kräfte in Anspruch zu nehmen, die für gewisse Notfälle zwischen Leben und Tod aufgehoben werde. Ein Jahr vor den Wettkämpfen in Moskau hatte Salnikow bereits über 400 und 800 Meter Freistil Weltrekorde aufgestellt und nur die Rekordzeit des Amerikaners Brian Goodell über 1.500 Meter konnte er noch nicht unterbieten. Man rechnete damit, dass sich der amerikanische Schwimmer für die Olympiamannschaft seines Landes qualifizieren würde, sodass bei den Olympischen Spielen in Moskau ein Duell zwischen ihnen stattfinden könnte.

    Der Teamkollege Alexander Tschajew (L) gratuliert Wladimir Salnikow mit dem ersten Platz bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau
    © Sputnik / Wladimir Rodionow
    Der Teamkollege Alexander Tschajew (L) gratuliert Wladimir Salnikow mit dem ersten Platz bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau

    Da griff aber die Politik in den Sport ein. Die westliche Welt boykottierte die Spiele in Moskau. In einem Interview sprach Salnikow darüber, dass ein Sieg bei den heimischen Spielen ohne einen Weltrekord in Abwesenheit des wichtigsten Rivalen für ihn von minderem Wert gewesen sein würde. Im direkten Kampf gegen Goodell hätte man den Weltrekord vielleicht eher einstellen können, doch Goodell war nicht gekommen. Salnikow blieb nur übrig, sich auf die eigene innere Uhr zu verlassen und zu hoffen, dass sein Geschwindigkeitsgefühl ihn nicht im Stich lässt.

    In demselben Interview sagte er, dass in der Olimpijski-Schwimmhalle die seitliche Anzeigetafel sehr bequem angeordnet war. „Beim Schwimmen musste man nach der Wende nur einen Blick darauf werfen, um zu wissen, ob das eigene Gefühl mit der wirklichen Zeit übereinstimmte. Beim russischen Olympischen Komitees erzählte er: „Um den Rekord-Zeitplan einzuhalten, schärfte ich mir 200 Meter vor dem Ziel mir ein, die Strecke wäre diesmal 1.400 statt 1.500 Meter lang, und begann im Voraus mit dem Endspurt! Ich weiß noch, wie ich die letzten hundert Meter wie mit Eisenbahnschwellen an Armen und Beinen zurücklegte. Auf den letzten 50 Metern war ich wie im Nebel. Die Unterstützung der Zuschauer hat mir zusätzliche Kräfte verliehen. Nachdem ich mit der Hand den Rand berührt hatte, sah ich die Zeit: 14.58,27. Goodells Weltrekord von Montreal vor vier Jahren war um fast vier Sekunden geschlagen!“

    Wladimir Salnikow (R) kurz nach der Olympia 1980
    © Sputnik / Yuri Somow
    Wladimir Salnikow (R) kurz nach der Olympia 1980

    Sich an das olympische Moskau erinnernd, berichtete Salnikow, wie es sich damals verwandelt hatte, obwohl er dies nur aus dem Busfenster beobachten konnte. „Alles war einwandfrei sauber. Auch die Lebensmittel aus dem Ausland, die auf einmal da waren, blieben nicht unbemerkt. Darüber hinaus wurde eine einmalige Olympia-Schwimmhalle gebaut, die inzwischen leider vom Moskauer Stadtplan verschwunden ist. Bei uns war es besser als in Montreal. Es wurden wirklich einmalige Sportanlagen gebaut, und wir waren stolz darauf, alles gemeistert zu haben. Die Sportler empfanden es als ein wahres Fest.“

    Hat sich der Schwimmsport seitdem stark verändert?

    Aber natürlich, antwortet Salnikow. „Die Sportwissenschaft hat Fortschritte erzielt, in erster Linie bei den Entwicklungsperspektiven der Hydrodynamik des Schwimmens. Das hat auch die Schwimmtechnik selbst gewissermaßen beeinflusst. Den Zuschauern könnte das entgehen, doch Experten fallen diese Veränderungen gleich auf. 20 Jahre nach den Olympischen Spielen in Moskau wurden neuartige Schwimmanzüge eingesetzt, nachdem der Australier Ian Thorpe erstmals im Fast-Skin-Anzug angetreten war, der seinen Körper ganz bedeckte, von den Handgelenken bis zu den Fußknöcheln, und dadurch eine neue Epoche im Schwimmsport eröffnet hatte.“

    Wladimir Salnikow bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio
    © Sputnik / Alexander Wilf
    Wladimir Salnikow bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio

    Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu, was dem Schwimmer hilft und wie dieser Anzug auf jeden einzelnen Sportler einwirkt. Der Olympiasieger erläutert: „Es hieß, er würde den Wasserwiderstand reduzieren, aber später wurde dieser Faktor nicht mehr als der wichtigste eingestuft, weil der menschliche Körper und die menschliche Haut an sich genug strömungsgünstig sind. In der Werbung eines Unternehmens wurde sogar behauptet, dank der besonderen Haut könne der Hai eine Geschwindigkeit von gut 60 km/h entwickeln. Dabei würde der ihn umgebende Wasserstrom derart verteilt, dass sich Wirbel bilden, und er würde quasi durchs Wasser gleiten. Dies dürfte aber für eine Geschwindigkeit ab 60 km/h typisch sein. Ein Schwimmsportler legt dagegen maximal acht Kilometer pro Stunde zurück, und das nur auf einer kurzen Strecke von 50 Metern.“

    Der Hauptfaktor aber, der die Leistung der Schwimmsportler mithilfe solcher Anzüge verbessere, fährt Salnikow fort, sei die komprimierende Wirkung des Stoffs auf größere Muskelgebiete: „Einem Sportler mit bedeutender Muskelmasse oder, einfach gesagt, mit entwickelter Muskulatur erlaubt der Anzug auf der einen Seite, sich stärker anzustrengen, auf der anderen aber senkt er tatsächlich den Wasserwiderstand. Von daher hat der in diese Hülle eingepackte Schwimmsportler eine hydrodynamisch bessere Form, dank der er schneller schwimmen kann.“

    Hilft dabei die Medizin?

    Der Weltrekordschwimmer antwortet: „Um die tägliche erschöpfende Belastung zu ertragen, braucht man eine gute Gesundheit, auch müssen beliebige Veränderungen im Organismus ununterbrochen kontrolliert werden, damit man sich nicht selbst schadet. Während einer Erkrankung muss die allgemeine Trainingsbelastung abgebaut werden, damit man den Körper nicht überbeansprucht, damit er nicht zusammenbricht. In diesem Sinne ist die Medizin eine ständige Begleiterin des Sports.“

    Auch der Zustand des Organismus sei zu ermitteln, meint Salnikow. „Man kriegt selbst manchmal nicht mit, dass die Müdigkeit bereits über Maß gestiegen ist, und zwingt sich durch Willensanspannung fortzufahren. Ärzte können anhand einiger Parameter, die physiologisch oder mit Geräten kontrollierbar sind, feststellen, dass man nicht weitermachen darf; sonst verlangsamt man beträchtlich die anschließende Erholung und stört somit das allgemeine Gleichgewicht von Belastung und Erholung.“

    Hilft Doping im Schwimmsport?

    Auch im Schwimmsport helfe es, behauptet Salnikow: „Aber man muss sich dessen bewusst sein, was Doping ist, und konkret darüber sprechen. Denn uns ist generell klar, dass es sich dabei um eine Substanz handelt, die einem hilft, die eigene Leistung zu verbessern. Ich kann sagen, dass alles, was von außen, also künstlich in den Organismus eingebracht wird, theoretisch von Nutzen sein kann. Davon zeugen auch Studien, die man im Netz findet. Eine andere Sache ist, dass dies vorübergehend sein kann. Ganz zu schweigen davon, dass diese Dinge verboten sind und sorgfältig kontrolliert werden.“

    Seines Erachtens ist der Organismus dann nicht mehr in der Lage, auf die Belastung selbständig angemessen zu reagieren, sich ihr anzupassen und Eigenschaften zu entwickeln, die für die Leistung erforderlich seien: „Ist man einmal von dem Doping abhängig geworden, muss man es ständig nehmen, und dadurch schadet man dem Organismus enorm. Dieser büßt dadurch die Funktionen ein, die für die Erholung nach extremen Belastungen zuständig sind.“

    Womit erklärt sich das Phänomen Phelps?

    Er sei ein einmaliger Sportler, urteilt Salnikow:

    „An seine Leistungen wird in absehbarer Zeit keiner herankommen. Sein Körperbau ist optimal für den Schwimmsport, d. h. seine Körperform ist hydrodynamisch, hinsichtlich des Wasserwiderstands optimal. Entscheidend ist aber sein kolossales Leistungsvermögen. Ich kenne ihn nicht so gut, habe ihn nur einige Male gesehen. Einmal habe ich sogar eine Vorlesung über meine Olympia-Erfahrungen von Moskau und Seoul in seinem Sportclub gehalten, und mir fiel auf, wie der 14-jährige Phelps mir buchstäblich mit offenem Mund zuhörte.“

    Er habe praktisch täglich darum gerungen, fügt der Olympiasieger hinzu, sich unter seine Teamkameraden einzureihen, habe um Anerkennung gerungen: „Das war ein wichtiger Faktor, der ihn für die Bewältigung der kolossalen Belastungen motiviert hat. Das hat auch die zentrale Rolle gespielt. Häufig fragt man, was wichtiger sei – Begabung oder Fleiß. Mein Trainer Igor Koschkin, der inzwischen leider aus dem Leben geschieden ist und der mir zu den drei olympischen Goldmedaillen verholfen hat, pflegte zu sagen: ,Du hast nur ein Talent, nämlich die unglaublichen Belastungen zu ertragen, die ich dir auferlege.‘ Mein motorisches Talent bewertete er dagegen als durchaus bescheiden. Dass ich aber fähig habe, mich beim Training zu mobilisieren, wog den Mangel an motorischen Fertigkeiten auf, die einige Leute von ihren Eltern gratis erben.“

    Ist Russland der Vorrat an begabten Schwimmsportlern ausgegangen?

    In Russland gebe es genug Talente, erwidert Salnikow, der aktuelle Präsident des Russischen Schwimmverbandes: „Wir hatten bei der letzten WM in Südkorea 2019 ein ausgezeichnetes Team. Seit dem Bestehen des Schwimmsports in unserem Lande, die Zeiten der Sowjetunion eingeschlossen, war es die beste Leistung. Hinter China und den USA erkämpften wir uns mit zwölf Goldmedaillen den dritten Platz in der gesamten Mannschaftswertung. Auch bei der Europameisterschaft haben wir eine Rekordzahl an Goldmedaillen geholt.“

    Wladimir Salnikow im Gespräch mit jungen Sportlern, 1985
    © Sputnik / Alexander Lyskin
    Wladimir Salnikow im Gespräch mit jungen Sportlern, 1985

    Also gebe es bei uns genug begabte Schwimmer, resümiert der Schwimmsportchef: „Am Allrussischen Zentrum des Schwimmverbands in Wolgograd bilden wir anhand des Programms ,Meister von Morgen‘ seit inzwischen acht Jahren junge Schwimmer aus. Erfreulich ist auch, dass weiterhin Schwimmbäder für das Programm ,Schwimmen für alle‘ gebaut werden, mit dem allen Grundschülern das Schwimmen beigebracht werden soll.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)

    Zum Thema:

    Verlieren Regierung und Medien ihre Glaubwürdigkeit? Unionsfraktions-Vize über Doppelmoral bei Demos
    Ein „Zehner-Club“ gegen China: Kann das gut sein für Europa?
    Medwedew warnt Weißrussland vor „traurigen Folgen“ nach Festnahme russischer Bürger
    Tags:
    Schwimmen, Olympische Spiele in Moskau 1980, Olympia