18:36 23 November 2020
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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Maßlos enttäuscht sei er gewesen, als das bundesdeutsche NOK den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau beschlossen hatte. Als Konsequenz ist der damals 27-jährige amtierende Handball-Weltmeister Heiner Brand zusammen mit mehreren Teamkollegen aus der Nationalmannschaft ausgetreten. Sputnik sprach mit Brand über die Ereignisse von 1980.

    - Herr Brand, Sie sind 1978 mit dem Team der BRD Handball-Weltmeister geworden und konnten sich 1980 zu Recht gute Chancen auf olympisches Gold ausrechnen. Und dann wurde Ihnen diese Chance durch die Entscheidung des NOK genommen. Was ging da in Ihnen vor?

    Es war natürlich im ersten Augenblick maßlose Enttäuschung da, aber man hat sich schnell mit diesem Gedanken arrangiert. Die größte Enttäuschung kam mit einem gewissen Abstand, muss ich sagen. Es war großes Unverständnis damit verbunden.

    - Die Fachverbände der Sportarten standen durchaus unterschiedlich zum Boykott. Wie stand denn Ihr Fachverband dazu?

    Keine Ahnung. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Fachverband da zugestimmt hat. Da haben wir uns nachher aber auch gar nicht drum gekümmert, wie die Abstimmung tatsächlich gelaufen ist. Da war die Enttäuschung einfach zu groß. Wir wussten, dass nichts mehr zu ändern war. Ich persönlich habe mich mit den Einzelheiten nicht mehr befasst.

    - Sie haben nach dem Beschluss des Boykotts zusammen mit mehreren Teamkollegen die Nationalmannschaft verlassen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

    Es lag an mangelnden Perspektiven. Ich war zu dem Zeitpunkt fast 28 Jahre alt und hätte dann noch einmal vier Jahre auf die nächsten Olympischen Spiele hinarbeiten müssen. Da war mir die Perspektive nicht groß genug, zumal ich kurz vorher mein Studium beendet und mein Diplom gemacht hatte und dann in die berufliche Karriere einsteigen wollte. Insofern war es für mich keine Perspektive mehr, auf Olympia 1984 hinzuarbeiten, obwohl es vielleicht im Nachhinein betrachtet ein Fehler war. Es hätte sich sicherlich auch gelohnt, wobei 1984 ja dann vom Boykott der Ostblockstaaten betroffen war.

    - Haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?

    Ja, sicherlich. Es wäre die Chance dagewesen. 1982 hatten wir eine Weltmeisterschaft im eigenen Land, 1984 dann Olympia. Da wäre ich gerade 32 gewesen, das ist noch zu machen. Aber zur damaligen Zeit standen bei uns eben die beruflichen Dinge im Vordergrund, wir waren ja noch keine Profis. Insofern habe ich zu dieser Entscheidung gestanden, aber nicht mehr die Chance auf eine olympische Medaille zu bekommen, hat sicherlich auch im Nachhinein noch ein klein wenig wehgetan.

    Heiner Brand (4R in der oberen Reihe) vor seinem Abschiedsspiel in Gummersbach am 16. Juni 1984
    © AP Photo / KARL-HEINZ KREIFELTS
    Heiner Brand (4R in der oberen Reihe) vor seinem Abschiedsspiel in Gummersbach am 16. Juni 1984

    - Sie und andere Athleten haben moniert, dass die Sowjetunion zwar mit dem Olympia-Boykott abgestraft wurde, aber nicht durch wirtschaftliche Sanktionen oder Ähnliches. Nun sagt aber beispielsweise Walther Tröger, damals Generalsekretär des NOK, die Entscheidung für den Boykott sei gefallen, weil im NOK Leute mit engen Beziehungen zu Politik und Wirtschaft saßen. Wie passt das für Sie zusammen?

    Tja, es passt auch im Nachhinein für mich nicht zusammen. Wenn man Boykott macht, dann muss er auch konsequent in allen Gesellschaftsbereichen durchgesetzt werden. Das war eben nicht der Fall. Der einzige Bereich, in dem dieser Boykott wirklich konsequent durchgezogen worden ist, war der Sport. Insofern ist auch im Nachhinein nicht das kleinste bisschen Verständnis von meiner Seite aus da. Aber Sie haben sicherlich recht: Es gab Abhängigkeiten von der Politik und bestimmt auch von der Wirtschaft in diesem Gremium. Da ist es klar, dass vielleicht auch vonseiten der Politik ein gewisser Druck ausgeübt worden ist. Könnte ich mir denken, weiß ich aber nicht. Es ist klar, dass Sport – DOSB und NOK – von der Politik, von den Fördergeldern abhängig war. Da kann man natürlich auch einen gewissen Druck ausüben. Das kann ich nicht beurteilen. Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass nach wie vor Unverständnis über diese Entscheidung da ist, weil der Boykott nicht konsequent in allen Bereichen durchgezogen worden ist.

    - Sie sind dem Handball treu geblieben und haben eine sehr erfolgreiche Trainer-Karriere hingelegt. Hat sie dabei der eigene geplatzte Traum von Olympia noch verfolgt?

    Nein, das war losgelöst. Dass ich Trainer geworden bin, ist mehr oder weniger Zufall gewesen. Wie ich schon sagte, gab es einen anderen Plan. Ich habe Betriebswirtschaft studiert und wollte Steuerberater und Wirtschaftsprüfer werden. Dann habe ich mich aber irgendwo für den Sport entschieden, beides war nicht miteinander zu verbinden. Durch gewisse Umstände bin ich dann eben Trainer geworden, aber da habe ich dann nicht mehr an diese Olympia-Chance gedacht. Vielleicht als ich als Trainer mit der Mannschaft an Olympischen Spielen teilgenommen habe, ist dieser Gedanke schon mal hochgekommen, dass wir diese Chance, die meine Mannschaft dann hatte, nicht mehr bekommen haben.

    Heiner Brand feiert als Bundesteam-Trainer den Sieg im Finale der Handball-WM 2007
    © AP Photo / MARTIN MEISSNER
    Heiner Brand feiert als Bundesteam-Trainer den Sieg im Finale der Handball-WM 2007

    - Wie politisch ist der Spitzensport heute? Nicht nur, was die Großereignisse angeht, sondern auch bei den Sportlern selbst. Wollen sie sich politisch äußern?

    Wollen sicherlich. Man liest ja immer wieder, dass die Athleten Deutschland immer wieder Mitspracherechte einfordern, auch beim IOC, wenn Entscheidungen über den Sport getroffen werden. Irgendwo ist das Bedürfnis schon da. Sicherlich bei den einzelnen Sportarten unterschiedlich. Die mit den professionelleren Strukturen äußern sich, wollen sich auch äußern, haben aber vielleicht nicht dieses Bedürfnis, sich in dem Bereich zu engagieren. Ich denke, grundsätzlich ist immer ein gewisses politisches Interesse da. Das war bei uns damals auch, ohne, dass wir eine Möglichkeit gehabt hätten, auf diese Entscheidung einzuwirken.

    - Erst kürzlich hatten Athleten vom IOC die Streichung der Regel 50 gefordert, die es den Sportlern untersagt, bei Wettkämpfen oder Siegerehrungen politische Zeichen zu setzen – etwa die gereckte Faust. Was halten Sie davon?

    Es ist ein schwieriges Thema. Auf der einen Seite ergeben diese politischen Zeichen irgendwo Sinn, wenn man z.B. an diese hochgereckte Faust denkt. Ich glaube, es war 1968, als sie das erste Mal kam. Oder jetzt die Zeichen gegen Rassismus – sie ergeben irgendwo schon Sinn. Auf der anderen Seite kann sich der Sport nicht in diese Richtung vereinnahmen lassen, denn dann würde es ein nicht mehr zu begrenzendes Schauspiel werden, wenn jeder seine politische Meinung, seine politischen Aktivitäten auf dem Sportfeld zum Ausdruck bringen würde.

    - Wir haben in den letzten vierzig Jahren leider viele Kriege erlebt, gerade auch von der Großmacht USA und ihren Nato-Partnern. Darunter auch der Einmarsch im Irak unter erlogener Begründung. Trotzdem hat es seit 1984 keinen Olympia-Boykott mehr gegeben. Richtig so?

    Ja, auf jeden Fall. Boykott hat bei Olympia nichts zu suchen. Man sagt immer so schön: Es sind die Spiele der Jugend der Welt. Das ist ja das Faszinierende für den Sportler. Aus sportlicher Sicht gibt es ähnliche Wettkämpfe, z.B. Weltmeisterschaften, die ähnlich hoch angesiedelt sind. Aber Olympische Spiele haben ein besonderes Flair. Da sind junge Leute, die miteinander umgehen, egal, wie die Nationen zueinanderstehen. Das merkt man an der Atmosphäre im Olympischen Dorf. Davon träumt jeder, und das sollte auch so bleiben. Dirk Nowitzki, ein Sportler, der in den USA 20 Millionen Dollar im Jahr verdient hat, hat davon geträumt, an Olympia teilzunehmen. Weil es dieses besondere Feeling ist, nicht die Qualität des sportlichen Wettkampfs. Die ist sicherlich auch sehr hoch, aber die hat man auch bei Weltmeisterschaften. Deswegen sollten die Olympischen Spiele immer weiter veranstaltet werden. Für einen Boykott würde ich nie sein.

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