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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Der Athletiktrainer Valeri Lunitschkin, einer der wenigen noch lebenden Verdienten Trainer der UdSSR, hat Herren- und Damen-Basketballmannschaften betreut sowie drei Olympische Spiele miterlebt. Mit ihm hat das sowjetische Damenteam 1980 Olympia-Gold in Moskau errungen. Im Sputnik-Gespräch teilt er seine Eindrücke mit.

    „In Mexiko-Stadt war es strahlend, apart, sehr freundlich. In Moskau war alles perfekt organisiert. Athen war dagegen ganz Kommerz.“ Laut Lunitschkin hatte er mit einem Herrenteam zu arbeiten begonnen. Als die langjährige Cheftrainerin der Damen-Nationalmannschaft, Lidija Alexejewa, ihm Anfang 1978 anbot, sie bei der Vorbereitung ihres Teams auf die Olympischen Spiele in Moskau zu unterstützen, war er überrascht. „Sie hatte eingesehen, dass die Amerikanerinnen Fortschritte machten und uns bald einholen würden. Sie brauchte neue Ideen, und ich sagte zu.“

    Als neuer Athletik-Coach der Nationalmannschaft bestand er darauf, dass im Sportkomplex Medeo hoch in den Bergen von Kasachstan trainiert wurde. „Meine Idee lag im Zusammenspiel der Höhen. Wir wohnten 1690 Meter über dem Meeresspiegel, machten sogar noch höhere Ausflüge, bis auf 3000 Meter zum Tschimbulak, abends aber, wenn die Zeit für Basketball kam, stiegen wir hinunter bis auf 800 Meter nach Almaty. Das Spiel verlief dann vor dem Hintergrund der Erleichterung.“

    Der Trainer der Olympiasiegerinnen erwähnte auch, dass ihnen ein hochmoderner Kraftraum zur Verfügung gestanden habe. Zum Schnelligkeitstraining verwendete er eine Hängevorrichtung mit Antrieb, die den Spieler nach oben und nach vorne zog. Dieser sollte auf dem Band zunächst einfach, dann mit dem Ball und schließlich im Nachstellschritt laufen. „Das erwies sich als effizient. Hauptsache, es gelang mir, die Intensität des Trainings zu erhöhen. Vordem hatten wir auf eine Verlängerung der Trainingszeiten gebaut und verloren dann immer häufiger gegen die Jugoslawen. Nun aber, erstmals bei einer Damen-Nationalmannschaft, setzten wir auf Intensität.“

    Gute Beziehungen zu den Sportlerinnen, aber kein Sex

    Lunitschkin stellt fest, es sei ihm gelungen, gute Beziehungen zum Team herzustellen. „Um diese Zeit war ich noch kein Diktator. Die Cheftrainerin hatte mir aber eingeschärft: keine Liebesaffären mit den Sportlerinnen. Ich hielt mich strikt daran. Kein einziges Mal hatte ich Sex mit einer von ihnen. Allerdings bot sich dazu manche günstige Gelegenheit. Ich hatte aber auch anderswo genug Frauen. Ich besaß ein markantes Äußeres, war liebreich, gut gekleidet. Sex hätte meine Arbeit im Team auf keine Weise beeinträchtigt, hätte sie möglicherweise sogar gefördert. Hätte ich Sex mit einer der Sportlerinnen gehabt, hätte ich es in bestimmten Fällen sogar leichter gehabt: Sie hätte sich dann ganz hinter mich gestellt. Dieser Gedanke war mir aber fremd. Das Verbot war da, es durfte halt nicht geschehen. Dies erlaubte es mir, alle auf Abstand zu halten. Doch wurde ich wegen meiner aufreibenden Übungen von ihnen nicht gemocht.“

    Der Trainer erzählte u. a., wie er die Situation mit Uljana Semjonowa gelöst hat, einer der weltbesten Center im Basketball des vergangenen Jahrhunderts. „Ein eigenartiges Mädchen. 2,24 Meter groß, massiger Körperbau.“ Bei den Teamkolleginnen war sie wegen ihres aufgeschlossenen Charakters, ihrer Geselligkeit, der steten Hilfsbereitschaft, Harmlosigkeit und liebenswürdigen ländlichen Naivität beliebt. Im Alltag kantig und etwas linkisch, verwandelte sie sich auf dem Spielfeld in eine Basketballgöttin.

    Die sowjetische Basketballspielerin Uljana Semjonowa (i.d.Mitte) im Olympia-Finale, 25. Juli 1980 Moskau
    © Sputnik / Alexander Makarow
    Die sowjetische Basketballspielerin Uljana Semjonowa (i. d. Mitte) im Olympia-Finale, 25. Juli 1980 in Moskau

    Lunitschkin erinnert sich: „Wir unternehmen einen Trainingsaufstieg von Medeo zum Gipfel des Tschimbulak: abwechselnd Laufen und Gehen, je 500 Meter. Ulja kann es wegen ihres großen Gewichts nicht bewältigen. Es ist ein furchtbares Training. So hole ich ein Auto, binde sie daran, damit es sie zieht, und sie besteigt mit uns den Berg, indem sie alles Erforderliche ausführt. Das waren großartige Basketballerinnen, mit denen man einfach gewinnen musste.“

    Carte Blanche von der Cheftrainerin

    Alexejewa hatte ihm einen Freibrief ausgestellt. „Ich leitete alle Trainings. Im Mai 1980 fliegen wir nach Bulgarien zum vorolympischen Turnier und sehen da die Amerikanerinnen — ein hervorragendes Team. Unsere Cheftrainerin begreift: Wir stehen vor einem Riesenproblem. Aber die Amerikanerinnen kamen nicht zur Olympiade in Moskau. Wir hatten uns aber auf das Treffen gerade mit ihnen vorbereitet und wollten ihnen eine Schlacht liefern. Wir mussten sie besiegen.“

    Damals wurde der ganze Damen-Basketball von den Mannschaften der USA und der UdSSR beherrscht. „Wir liefen schneller und sprangen höher als andere, schossen schnellere Vorlagen. Auch Ausdauer hatten wir, also übertrafen wir die anderen Mannschaften in jeder Hinsicht. Die Amerikanerinnen hatten zwar keine so hochgewachsenen Sportlerinnen. Ihre größte Spielerin hatte einen Wuchs von 2,05 Metern. Aber sie spielten einen anderen Basketball, schneller und technisch besser. Wie dem auch sei, das Spiel fand nicht statt.“

    Olympia-Impressionen

    Lunitschkin erinnert sich an die ersten Tage der Olympischen Spiele, wie die sowjetischen Sportler Lebensmittel beutelweise vom Olympiagelände mitnahmen: die bisher unbekannten Joghurts und Flaschen mit Pepsi-Cola. Am dritten Tag wurde allerdings verboten, aus dem Olympischen Dorf auch nur irgendetwas wegzutragen.

    Er selbst hatte aber ein anderes Problem: „Ich habe viele Freunde in allen sozialistischen Ländern. Diese meinten, ‚wenn wir zu dir kamen, hast du uns immer aus einer Teekanne Cognac eingeschenkt. Bietest du uns diesmal nichts an?‘ Es musste wohl sein, darum kaufte ich alles, deckte den Tisch auf der grünen Wiese neben dem Olympischen Dorf, und wir tranken in aller Öffentlichkeit. Der Sportminister versprach, mich für diese Gastfreundschaft im Gefängnis verrotten zu lassen. Ich aber rechtfertigte mich: ‚Wissen Sie, ich kann meinen Freunden nichts verweigern und handle im Sinne unseres Staates.‛ Er vergab mir.“

    Akkreditierungskarte von dem Trainer Lunitschkin während der Olympiade in Moskau 1980
    © Sputnik / A.Ljubimow
    Akkreditierungskarte von Trainer Lunitschkin während der Olympiade in Moskau 1980

    „Dann stürzten alle Afrikaner in unsere Kliniken“, so Lunitschkin weiter. „Die einen, um sich die Zähne machen zu lassen, die anderen, um sich die Augen untersuchen zu lassen. In der Sowjetunion kostete all das ja nichts. Die Hauptsache war, dass sie nicht mehr zu finden waren, als alle nach und nach von den Spielen heimkehrten. Sie hatten sich versteckt. Noch einen ganzen Monat lang wurden sie abgefangen und in die Heimat zurückgeschickt.“

    „Um die Bekleidung für die Olympiateilnehmer sorgte sich Adidas, damals nicht der beste Hersteller von Sportkleidung und Sportschuhen“, so der Coach. „Das japanische ASICS war viel besser. Der Konzern wurde aber zu den Spielen nicht zugelassen. Neben der Wiese, wo wir feierten, stand ein ASICS-Bus mit einer Menge an Sportsachen. Dem konnte man sich aber nicht nähern, denn die KGB-Leute passten auf. So schlüpfte ich kriechend hinein, weil ich unter ihnen eine Bekanntschaft hatte. Kurz und gut, ich habe dem Team illegal ein nicht übles Outfit verschafft.“

    An sich fiel Basketball-Olympia für den Trainer Lunitschkin uninteressant aus. „Interessant war einzig die tschechische Mannschaft. Die anderen taugten gar nichts. Wir schlugen alle vernichtend, mit einem Vorsprung von 20 Punkten. Daher hat sich mir nichts eingeprägt. Die Tschechen entwickelten damals ihre eigene Basketballschule und eine eigene, besondere Spieltechnik. Technisch waren sie uns überlegen. Obwohl sie keine so großen Mädchen hatten wie wir. Dabei war die Körpergröße der Spieler damals entscheidend. Auch später machten sie uns Konkurrenz und gewannen einige Male gegen uns.“

    „In Deutschland war der Basketball etwas schwach“, urteilt Lunitschkin. „Erst ein paar Jahre später begann diese Sportart dort zu boomen. Viele sowjetische Basketballer wanderten in deutsche Clubs aus und fassten dort Fuß. Es entstand eine Phalanx großer deutscher Spieler, doch gab es da immer noch kein Damen-Basketball.“

    Konkurrenz mit den USA im Damen-Basketball

    Was die Amerikanerinnen betrifft, entwickelte Lunitschkin schon nach den Olympischen Spielen eine besondere Taktik gegen sie und redete der Cheftrainerin zu: „Wir werden nicht schneller als sie laufen, nicht höher als sie springen, werden sie technisch nicht übertreffen können, aber wir werden zäher sein und sie körperlich ‚erdrosseln‛.“ 2006 spielte das Team Russlands gegen die Amerikanerinnen im WM-Halbfinale.

    Walerij Lunitschkin, Gegenwartsfoto
    © Foto : A.Ljubimow
    Valeri Lunitschkin, Gegenwartsfoto

    „Da kreuzte mein Eigengewächs Ira Ossipowa mit Tina Thompson die Klingen, einer großartigen Amerikanerin von 2,05 Metern, Superprofi. Irina streifte sie beim harten Körpereinsatz in unserer Verteidigungszone mit ihrem spitzen Ellenbogen ein Mal, dann ein anderes. Diese war verblüfft. Beim nächsten Angriff wurde sie wieder von Iras Ellenbogen erwischt. Sie bat dann den Trainer um Auswechslung. Wozu brauchte sie das alles? Sie hat gutes Geld und drei Kinder. Daran sind die Amerikanerinnen auch gescheitert.“ Dann erklärte der Trainer, wie er seine Schützlinge darauf vorbereitet hatte. „Eine Boxhalle. Ich lasse riesige Boxsäcke schwingen, und die Mädchen müssen zwischen ihnen durchlaufen. Hat man es nicht geschafft, landet man auf dem Boden.“

    Besonderheiten der Arbeit mit Mädchen

    Der Coach der Olympiasiegerinnen ist der Meinung, die Untugend der Mädchen sei es, mit sich zu sparen. Insbesondere beim Training. „Sie möchten möglichst lange spielen und sehen nicht ein, dass sie nicht weiterspielen können, falls ihnen die Fitness fehlt. Egal welche Übungen man ihnen aufgibt, sie wollen sich nicht verausgaben. Gibt man den Jungen eine interessante Übung auf, ‚schinden‛ sie sich. Die Arbeit mit ihnen ist spannender. Auch sind sie dankbarer.“

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