04:48 06 August 2020
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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Was Bundeskanzler Helmut Schmidt ihm und seinen Sportkollegen bezüglich des Boykotts der Olympischen Spiele von Moskau gesagt habe, sei kein Grund zur Freude gewesen, aber er habe ihn verstanden, sagt Mittel- und Langstreckenläufer Thomas Wessinghage rückblickend. Die Fachverbände hätten hingegen sehr egoistisch gehandelt.

    Als im Frühjahr 1980 plötzlich ein möglicher Boykott der Olympischen Spiele in Moskau zur Debatte stand, seien die westdeutschen Athleten natürlich betroffen gewesen, erinnert sich der damals für die Spiele qualifizierte Leichtathlet Thomas Wessinghage. Keiner habe in der Vorbereitung auf die Spiele damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte.

    Unter den Sportlern regte sich Protest, sie gingen auf die Straße. So einfach wollten sich die BRD-Athleten nicht von ihrem Olympiatraum verabschieden. Eine kleine Gruppe von Athleten wurde schließlich zu einem persönlichen Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Schmidt eingeladen, in dem die Athleten ihre Bedenken gegen den Boykott vorbringen durften. Auch Läufer Wessinghage war damals dabei. Angespannt seien sie in das Gespräch reingegangen und hätten hören wollen, was der Bundeskanzler zu sagen habe.

    Schmidt ist seiner Aufgabe als Bundeskanzler gerecht geworden

    „Er sagte eben, dass der amerikanische Präsident Jimmy Carter die transatlantische Allianz beschworen und der Politik in der Bundesrepublik dringend nahegelegt habe, sich dem Boykott anzuschließen. Diese Argumente waren für uns zwar kein Grund zu großer Freude, aber sie waren auf der anderen Seite durchaus nachvollziehbar“, so Wessinghage.

    Insgesamt sei das Gespräch sehr angenehm gewesen und Schmidt habe auch für die Athleten Verständnis gezeigt. Jedoch habe man sich 1980 noch im Kalten Krieg befunden, und es sei verständlich gewesen, weswegen die Bundesregierung sich in puncto Olympia-Boykott dem Standpunkt der USA angeschlossen habe, von deren Unterstützung die BRD jahrzehntelang profitiert habe.

    „Herr Schmidt hat sich unsere Argumente angehört, die natürlich dann vor der großen Politik eine geringe Dimension einnehmen. Wenn ich jetzt sage, ich habe mich so lange auf die Olympischen Spiele vorbereitet, jetzt möchte ich auch teilnehmen, dann kann man das nicht im gleichen Atemzug nennen, wie den Erhalt der Nato oder das Kräftegleichgewicht auf der Welt. Das ist ja logisch.“

    Nach Ansicht des deutschen Rekordhalters über 1500 Meter hätte Schmidt seine Aufgabe jedoch auch erfüllt, wenn er sich öffentlich zu USA und Nato bekannt, dem NOK den Boykott nahegelegt, aber letztendlich auch die Entscheidungsfreiheit gelassen hätte, so wie es in Großbritannien, Frankreich oder Italien geschehen ist, deren Athleten in Moskau an den Start gehen konnten.

    „Das heißt, Herr Schmidt hat seine Aufgabe als Bundeskanzler voll und ganz im Sinne der Bundesrepublik Deutschland erfüllt, indem er sich auf die Seite der wichtigsten Bündnispartner gestellt hat. Der Sport hat seine Aufgabe gegenüber den Einzelinteressen seiner Athleten aus meiner Sicht nicht angemessen vertreten.“ 

    Fachverbände von egoistischen Motiven geleitet

    Er finde es im Nachhinein befremdlich, wie das Abstimmungsverhalten der einzelnen Fachverbände im NOK von eigenen Interessen bestimmt gewesen sei, so Wessinghage. So habe es Fachverbände gegeben, deren Athleten sich qualifiziert hatten, beispielsweise Leichtathletik, Schwimmen, Rudern, Kanu. Daneben aber auch solche, deren Athleten sich nicht qualifiziert hatten, beispielsweise Basketball, Volleyball. Und es gab Fachverbände, deren Olympische Spiele schon gelaufen waren, nämlich die Winterspiele. Je nach deren Standing seien ihre Chancen gewesen, staatliche Fördergelder zu bekommen.

    „Für 1980 wäre das Großereignis die Olympiade in Moskau gewesen. Wenn jetzt ein Fachverband, wie der Volleyballverband, sich nicht qualifiziert hat, dann sieht er bei der Verteilung der Fördergelder schlechter aus, als z.B. die Ruderer oder die Leichtathleten, die ja dann erwartungsgemäß mit einigen Medaillen nach Hause gekommen wären. Insofern gab es durchaus Partikularinteressen. Und die Volleyballer davon zu überzeugen, dass sie doch für eine Teilnahme stimmen, damit die Leichtathleten dort an den Start gehen können, wäre ein vergebliches Bemühen gewesen.“

    Er finde es enttäuschend, dass die Fachverbände sich damals dermaßen egoistisch verhalten hätten, so der heute 68-Jährige. Diejenigen, für die die Spiele sowieso keine Rolle gespielt hätten, hätten sich bei der Abstimmung enthalten sollen.

    Politik und Sport untrennbar

    Der Boykott der Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 und der Gegenboykott der Spiele von Los Angeles 1984 haben viele Sportler um die möglicherweise einzige Chance auf olympisches Edelmetall betrogen, weswegen namhafte Athleten in Ost und West sagen: Politik hat im Sport nichts verloren. Für Thomas Wessinghage eine unrealistische Einschätzung – Sport sei immer auch Politik, und die beiden Felder seien untrennbar miteinander verbunden.

    „Fangen wir damit an, dass damals das Bundesinnenministerium darüber entschied, welcher Sportverband mit wieviel Geld gefördert wird. Schon hat der Sport eine politische Dimension bekommen. Hier wird irgendwo verteilt, und zwar nicht von sportlicher Seite, sondern von Regierungsseite.“

    Auch seien alle vier Olympiaden, für die er selbst qualifiziert gewesen sein, von politischen Manövern beeinträchtigt gewesen. So seien es nicht nur die Boykotte der Spiele von 1980 und 1984 gewesen, schon 1976 habe es bei den Spielen von Montreal einen „schwarzafrikanischen Boykott“ gegeben, wie Wessinghage sich ausdrückte. (Anm.d.Red: 1976 boykottierten 16 afrikanische Staaten die Spiele im Montreal, weil kurz vor den Spielen Neuseeland mit einer Rugby-Nationalmannschaft in Südafrika gegen das dortige Nationalteam angetreten war und damit den internationalen Sportboykott gegen das Apartheidregime gebrochen hatte.) Nicht zu vergessen seien die Olympischen Spiele von München 1972, bei denen eine palästinensische Terrorgruppe elf israelische Athleten als Geiseln nahm und ermordete.  

    Handball-Legende Deutschlands Heiner Brand (Archivbild)
    © AFP 2020 / MICHAEL KAPPELER (ARCHIVFOTO)
    Obgleich sich der Sport auch heute nicht von der Politik freimachen könne und man sich dahingehend keine Illusionen machen dürfe, habe er ihn persönlich aber auch immer als wunderbare Möglichkeit wahrgenommen, Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen und festzustellen, dass sie ganz anders seien, als die große Politik es einem habe weismachen wollen, so Wessinghage.

    „Mein Kontakt zu russischen und zu DDR-Athleten in der Zeit des Kalten Krieges war ein wunderbarer, solange kein Funktionär in der Nähe war und solange diese Sportler sich nicht linientreu verhalten mussten. Darum glaube ich, dass der Sport eine wichtige Funktion hat, nämlich auf der Ebene der einfachen Menschen für Austausch, Verständnis und sogar Freundschaft zu sorgen, unabhängig davon, was in der großen Politik gerade gespielt wird.“

    Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Thomas Wessinghage hier zum Nachhören: 

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    Tags:
    Jimmy Carter, NATO, Helmut Schmidt, NOK, Los Angeles, Olympische Spiele, Boykott, Olympische Spiele in Moskau 1980, Afghanistan, USA, Sowjetunion, DDR, BRD