04:22 15 August 2020
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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Sergej Fessenko als erster und Alexander Sidorenko als letzter unter den UdSSR-Schwimmern haben Gold gewonnen. Über ihre Erlebnisse berichteten sie bei einer Online-Konferenz der Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“. Dort sprach auch US-Säbelfechter Phil Riley über seine Enttäuschung, weil er wegen des Boykotts nicht nach Moskau kommen durfte.

    Sergej Fessenko, Olympiasieger über 200 Meter Schmetterling, konnte sich seine Leistung lange nicht vergegenwärtigen, nachdem er seinen goldenen Lauf absolviert hatte. Zunächst zog sich seine Dopingkontrolle über fünf Stunden hin. „Die Physiologie meines Organismus erlaubte keine sofortige Urinprobe. So verließ ich das Schwimmbad erst um 22 Uhr. Das Bewusstsein meines Sieges stellte sich erst um vier Uhr morgens ein, schon im Olympischen Dorf, als mich der Gedanke weckte, dass ich es doch vollbracht hatte. Dann überkamen mich Euphorie und ein irgendwie märchenhaftes Gefühl.“

    Fessenko gab den Auftakt zu den Siegen der sowjetischen Schwimmer bei den heimischen Olympischen Spielen. Laut seinen Teamkollegen spornte er die anderen quasi an, flößte ihnen größere Zuversicht ein, dass sie es auch schaffen können. Nachdem die Schwimmer den ersten Sieg nur verhalten gefeiert hatten, setzten sie ihre Vorbereitung auf die bevorstehenden Läufe, auf den Kampf gegen die DDR-Schwimmer fort, die bei den Spielen von Moskau ihre wichtigste Konkurrenz ausmachten. Vor allem die deutschen Damen holten im Schwimmen beinahe alles Denkbare. Jedoch errangen die sowjetischen Sportler weitere sechs Goldmedaillen, und noch eine holte Lina Kačiušytė über 200 m Brust. 

    Olympiasieger Alexander Sidorenko
    © Sputnik / Sergej Gunejew
    Olympiasieger Alexander Sidorenko

    Alexander Sidorenko, der gegenwärtig in der Ukraine lebt, gewann die letzte Goldmedaille über 400 Meter Lagen und zwar mit Olympiarekord. Er gestand, dass es ihm psychologisch schwerer fiel, weil er nur eine Strecke zu schwimmen hatte und weil dieser Lauf gemäß dem Wettkampfprogramm am 27. Juli stattfand, als alle seine Teamkollegen bereits aufgetreten waren, wobei einige von ihnen Medaillen geholt hatten. Er fieberte mit ihnen mit und trainierte weiter, übrigens zusammen mit Sergej Fessenko, der noch einmal anzutreten hatte, und zwar auch im Lagenschwimmen. Kurz und gut, die beiden blieben im Sportlager bei Moskau bis zum Start.

    „Wir sahen uns die Olympischen Spiele an einem Fernsehgerät aus finnischer Produktion von sehr guter Qualität an“, erinnert sich der Olympionike. „Fessenko und ich trainieren auf benachbarten Bahnen, und ich konnte den Gedanken nicht loswerden, dass er, mein alter Freund, schon Olympiasieger ist und ich nicht. Nun kommen wir beide zum Start. Die letzten Worte, die unser Coach uns mit auf den Weg gab, waren: ,Seht zu, dass ihr, mit eurem Zweikampf beschäftigt, nicht gegen die Ungarn verliert.‘

    „Da kam aber“, fährt Sidorenko fort, „dass wir im Finale die dritte und sechste Bahn zugewiesen bekamen, während auf den zwei zentralen zwischen uns, als Tabellenführer nach dem Vorlauf, die zwei Ungarn Zoltan Verraszto und András Hargitay schwammen, übrigens Weltrekordler auf dieser Strecke. Wir aber klemmten sie von beiden Seiten ein und spielten Gold und Silber untereinander aus.“

    Auto als wertvollster materieller Preis

    Im Hinblick auf die hohen Preissummen der jetzigen Olympiasieger und Medaillengewinner wollten die Journalisten wissen, wie viel man in der Sowjetunion als Sportler verdiente. Fessenko hat 6000 Rubel für Gold und 4000 Rubel für Silber bekommen. Davon wurden 2000 abgezogen: Einkommens- und Kinderlosigkeitsteuer (bei einem 20-Jährigen!) und noch etwas für den Friedensfonds. „Ich legte noch eigenes Geld dazu, von meinem Stipendium und Gehalt, wir waren ja alle als Übungsleiter angestellt“, erinnert er sich, „und kaufte für 9600 Rubel einen Schiguli des sechsten Modells, sogar ohne Warteschlange, und war durchaus stolz darauf.“ Sidorenko dagegen gab das Geld seinem Vater, der von einem Wolga GAZ-24 geträumt hatte, einem für damals auch komfortablen Auto. Ein PKW war in der Sowjetunion der wertvollste materielle Preis.

    Olympiasieger Sergej Fessenko
    © Sputnik / Yuri Somow
    Olympiasieger Sergej Fessenko

    Der Säbelfechter Phil Riley aus den USA, der infolge des Boykotts nicht nach Moskau kam, obwohl er sich für die Teilnahme an den Spielen qualifiziert hatte, konnte damals seinen Traum nicht verwirklichen: „Jeder Sportler bereitet sich auf die Olympischen Spiele vor und möchte sie mitmachen, trainiert dafür. Als wir erfuhren, dass wir doch nicht nach Moskau fliegen würden, war ich stark enttäuscht, obwohl ich in der sowjetischen Hauptstadt bei der Universiade 1973 angetreten war. Der Sport darf nicht an Politik anknüpfen. Er ist dazu da, Menschen miteinander zu verbinden, wobei man fremde Kulturen kennenlernt und sich miteinander trifft.“

    „Wir wussten bis zuletzt, faktisch bis Juni 1980 nicht, ob wir hinreisen oder nicht“, so Riley. „Wir trainierten zwar weiter, aber es fiel uns sehr schwer, uns auf das Training zu konzentrieren. Es ist sehr schade, dass die Politiker damals jene schwierige Situation herbeigeführt haben, die sich dann auf die nachfolgenden Spiele in Los Angeles auswirkte, als die sozialistischen Länder ihrerseits nicht in die USA kamen.“

    „Ich hatte Glück“, merkt er an, „weil ich in diesem Jahr sehr jung war und für die nächsten Spiele ausgewählt wurde. Aber nicht in allen Sportarten gelingt es, sich vier Jahre später wieder für die Wettkämpfe zu qualifizieren, weil man inzwischen eine Familie gegründet haben kann, auch sonstige Umstände fordern ihr Recht.“

    Riley hat offen eingestanden, dass er von der Moskauer Olympiade wenig behalten hat, weil er die Spiele nicht im Fernsehen verfolgte. „So verärgert war ich, nicht hingefahren zu sein. Ich informierte mich nur darüber, was im Fechten passierte, wie meine Freunde aus anderen Ländern kämpften.“

    Auf die Frage, wie sein Leben sich nach dem Ausstieg aus dem Sport gestaltet hat, antwortete der US-Sportler, es habe sich nicht stark verändert. „Fechten ist in den USA keine allzu beliebte Sportart, auch hatten wir keine allzu starke Mannschaft. Bei uns rechnete man höchstens mit Platz acht oder so, deshalb blieb ich bei meiner gewöhnlichen Arbeit. Ich widmete ihr sehr viel Zeit. Sie tat dem Sport keinen Abbruch wie auch umgekehrt. Natürlich gibt es in anderen Sportarten Profis, die dem Training praktisch ihre ganze Zeit widmen. Diese sind besonders traurig, wenn sie sich auf die nächsten Spiele vorbereiten müssen, nachdem sie die vorhergehenden versäumt haben.“

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    Tags:
    UdSSR, Sowjetunion, USA, Boykott, Olympische Spiele in Moskau 1980