10:31 04 Dezember 2020
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    Zwischen Jubel und Boykott – Die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 (21)
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    Volker Kluge galt in der DDR als einer der wichtigsten Sportjournalisten, der jahrelang die Sportredaktion der Tageszeitung „Junge Welt“ leitete. Er galt aber auch international als einer der profundesten Olympiaexperten und berichtete von 18 Olympischen Spielen. Sputnik hat mit ihm über Moskau 1980, aber nicht nur darüber gesprochen.

    Sportjournalismus in der DDR und Olympiaberichterstattung, das war über viele Jahre mit einem Namen verbunden: Volker Kluge. Der 1944 im thüringischen Altenburg Geborene leitete viele Jahre die Sportredaktion der Tageszeitung „Junge Welt“. Sie war das Zentralorgan der DDR-Jugendorganisation FDJ und hatte eine größere Auflage als das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“. Volker Kluge war aber auch Sportfunktionär, lange Jahre Bundesvorstandsmitglied des Deutschen Turn- und Sportbundes – DTSB und Pressesprecher des Nationalen Olympischen Komitees der DDR. Kluges Kompetenz und Reputation in allen Belangen, die Olympische Spiele betrafen, verschaffte ihm im DDR-Journalismus eine Sonderposition und strahlte nicht nur über die DDR, sondern auch über deren Existenz hinaus und wird natürlich schon lange auch beim IOC in Lausanne aufmerksam registriert. Bis heute gibt es weltweit nur wenige Sportjournalisten, die es hinsichtlich Fachwissen und direkte olympische Erfahrungen mit Volker Kluge aufnehmen können.

    Anstrengende Tage als Sportjournalist bei Olympia Moskau 1980

    Der ungeheure Erfahrungsschatz aus 18 Olympischen Spielen, von denen Volker Kluge berichtet hat, ist so groß, dass er sich für das Gespräch mit Sputnik Deutsch eigentlich innerlich darauf eingestellt hatte, zum Olympiasieg der DDR-Ausnahmesprinterin Marita Koch befragt zu werden, denn exakt an dem Tag, als wir Volker Kluge zu den Moskauer Spielen befragen, jährte sich der Sieg von Koch über 400m im Olympiastadion von Moskau zum 40. Mal. Er zeigt sich am Ende des Interviews ein klein wenig irritiert, dass wir ihn stattdessen fragen, was sich ihm von den Moskauer Spielen am meisten eingeprägt hat. Aber das ist für einen Sportjournalisten, der von so vielen Olympischen Spielen, aber auch so oft aus Moskau und der Sowjetunion und später Russland berichtet hat, alles andere als einfach zu beantworten, sodass seine Antwort fast schon etwas banal klingt:

    Volker Kluge bei seiner Buchpräsentation 2018
    Volker Kluge bei seiner Buchpräsentation 2018
    „Na ja, es waren für mich sehr anstrengende Tage, da ich ja als Journalist akkreditiert war und zu arbeiten hatte, aber gleichzeitig waren es auch sehr schöne Tage. Wie immer, Olympische Spiele, das ist natürlich sehr ereignisreich, und auch die Moskauer Spiele, an die erinnere ich mich sehr gern. Insgesamt habe ich ja an 18 Olympischen Spielen teilgenommen, und was den organisatorischen Ablauf angeht, steht Moskau sicherlich mit an der Spitze.“

    Der finanzielle und logistische Kraftakt der Sowjetunion, Olympische Sommerspiele auszurichten, hatte sich nach Ansicht von Volker Kluge gelohnt, denn die Sportanlagen in Moskau 1980 waren damals das Beste, was es weltweit gab. Auf rund 180 Hektar 140 modernste Sportanlagen zu errichten, dazu gehört einiges. 

    Dass die damaligen Wettkampfbedingungen in den Moskauer Olympia-Sportstätten von seinerzeitigen Spitzenathleten in Interviews, die wir mit ihnen geführt haben, durchweg als exzellent in Erinnerung geblieben sind, will Volker Kluge gerne glauben, denn er kann die Bedingungen bei Olympischen Spielen mit seinen Erfahrungen und Erinnerungen hervorragend vergleichen.

    Beim Thema Doping gibt es niemanden, der mit dem Finger auf andere zeigen kann

    Dazu zählt auch das Daueraufregerthema Doping. Kluge betrachtet es nüchtern und glaubt, dass heute sehr viel mehr aufgedeckt wird als früher, weil die Analysemöglichkeiten sich deutlich verbessert haben. Doping in der DDR abzustreiten, wäre unter seiner Würde. Aber Volker Kluge verweist darauf, dass sich viele Kritiker des DDR-Dopingsystems im Glashaus befinden:

    „Was die DDR ausgezeichnet hat, das setze ich jetzt mal in Anführung, das war, dass wissenschaftlich gedopt wurde und zielgerichtet. Gedopt wurde auf der ganzen Welt, in der DDR aber wahrscheinlich viel besser. Unterm Strich war es Betrug, keine Frage. Aber wenn alle betrügen, wer ist eigentlich dann der Betrogene? Ich kenne kein hochentwickeltes Land im Leistungssport, was das Recht hat, auf andere zu zeigen. Die haben alle vor ihrer eigenen Tür zu kehren, und oft sind gerade diejenigen, die am lautesten schreien, die am meisten betrügen.“

    Neben dem Vorwurf des Dopings wird Olympiasiegern der Moskauer Spiele bis heute gerne auch entgegnet, dass sie durch die Abwesenheit westlicher Sportler, infolge des Boykotts der USA und mit ihr verbündeter Staaten, unter wesentlich leichteren Bedingungen gesiegt hätten. Das lässt Volker Kluge nicht gelten, gleichwohl er den seinerzeitigen Boykott bis heute für eine traurige Angelegenheit hält, weil natürlich wichtige Sportler in Moskau schmerzlich vermisst wurden, aber Kluge gibt auch zu bedenken:

    „Erstens kann immer nur der gewinnen, der anwesend ist, das ist ganz klar. Und hätte, hätte, Fahrradkette, das ist einfach rein spekulativ. Sicherlich war das Niveau in manchen Sportarten und Disziplinen gemindert durch das Fehlen der Amerikaner, vor allem aber auch anderer Nationen. Doch alles in allem, es waren immer die richtigen, nämlich diejenigen, die  am Ort waren, die Olympiasieger wurden.“

    Dennoch ist es für einen Sportler eine Katastrophe, wenn sie oder er jahrelang auf den wichtigsten Höhepunkt, die Olympischen Spiele hin trainiert und dann wegen einer politischen Entscheidung im Zweifel die einzige Chance verpasst, an Olympischen Spielen überhaupt teilzunehmen. Das steht auch für Volker Kluge außer Zweifel. Er wählt sogar noch ein drastischeres Wortspiel für die Frustration, die alle DDR-Sportler erfasste, die dann 1984 vom Gegenboykott der Spiele von Los Angeles betroffen wurden und um ihre Medaillenchancen gebracht wurden.

    Für Sportler ist ein Olympiaboykott ein Todesurteil

    Volker Kluge war damals Pressesprecher des Nationalen Olympischen Komitees der DDR (NOK) und erinnert sich sehr genau daran, dass es im NOK keine Debatte zum Boykottbeschluss gab:

    „Es hat dort zwar eine Debatte stattgefunden, aber mehr in einem Sinne, dass man jetzt Solidarität beweisen muss. Tatsächlich aber wurde gar nicht abgestimmt. Die Entscheidung war gefallen, und wahrscheinlich haben sich an dem Tag alle, die da waren, gesagt, es hat keinen Sinn, jetzt noch zu diskutieren. Man musste einfach mit dem leben, was schon bereits beschlossen war. Das war traurig. Vor allem war es traurig für die Sportler. Für die ist das ja wie ein Todesurteil, wenn man nach vier Jahren auf einmal sagt, jetzt zur Seite zu treten.“

    Gegen dieses tiefe Loch helfen auch keine Ersatzwettkämpfe, ergänzt Kluge und spielt damit auf die als „Wettkämpfe der Freundschaft“ titulierten Wettbewerbe an, die von den sozialistischen Staaten parallel zu den Spielen in Los Angeles organisiert wurden und an denen nicht nur die Athleten aus den 14 boykottierenden Staaten, sondern auch aus westlichen Ländern teilnahmen, aber kein echter Ersatz für echte Olympische Spiele sein konnten. 

    Deshalb meint Volker Kluge im Gespräch mit Sputnik auch, dass der Schaden, den die DDR durch den Boykott 1984 erlitten hat, nicht so sehr materieller Natur war, sondern emotionaler. Überhaupt sieht Kluge die rund 1,3 Milliarden DDR-Mark, die vom ostdeutschen Staat jährlich für den Sport ausgegeben wurden, als keine übertriebene Ausgabe an, zumal 90 Prozent des Geldes für Löhne und Gehälter der Trainer, Therapeuten und anderen Beschäftigten in den Leistungszentren ausgegeben wurden.

    Der Erfolg des DDR-Sportes beruhte vor allem auf konsequenter Talentsuche

    Wie auch die Sportler, die wir befragten, sieht Volker Kluge das die gesamte Republik abdeckende System der frühen Talentsichtung und -förderung als ein wesentliches Kriterium für die herausgehobene Position, die der Spitzensport der DDR international einnehmen konnte:

    „Dieses Prinzip der frühzeitigen Sichtung stand nach der Vereinigung auch in der Kritik, und es gab viele, die sich ganz vehement dagegen ausgesprochen haben und es sogar mit Menschenzucht verglichen haben. Aber wenn man irgendwann Hochleistungsgrenzen erreichen will, dann muss man wirklich in sehr frühen Jahren schon das Niveau besitzen, und das ist leider sehr halbherzig übernommen worden. Man hat die Einrichtungen der Kinder- und Jugendsportschulen weitergeführt als Eliteschulen des Sports, aber das wurde dann auch alles heruntergefahren und nivelliert, sodass die Zahl der wirklichen Leistungssportler dann doch relativ gering war. Also, das Ergebnis entspricht lange nicht dem Aufwand, den man damit betreibt.“

    Volker Kluge verweist allerdings auch darauf, dass wie in der DDR auch im vereinten Deutschland der Staat und seine Institutionen die wesentlichen Stützen des Leistungssportes in vielen Bereichen sind, weil ohne Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll viele Spitzenathleten sich eben nicht auf das Trainieren konzentrieren könnten.

    Ob Olympische Spiele wegen heftiger Kritik an ausufernden Kosten und Gigantomanie überhaupt noch eine Zukunft haben, ist für den Olympiabegeisterten Volker Kluge keine Frage. Er glaubt an die verbindende Wirkung des Sportes und erinnert daran, dass die Olympische Idee bereits heftig kritisiert und sogar bekämpft wurde, als noch gar keine Olympischen Spiele der Neuzeit stattgefunden hatten. Die Kritik an den Spielen von heute, schreibt Kluge den Massenmedien und Sozialen Medien unserer Tage zu, die allerdings, da zeigt er sich überzeugt, die Strahlkraft des weltweit größten, völkerverbindenden Festes, das die Menschheit kennt, nicht zum Erlöschen bringen kann. Jedenfalls verdiene dieses Unikat, wie Kluge es nennt, das 206 Länder, Nationen und Mannschaften zusammenbringe, dass es erhalten bleibt.

    Das vollständige Interview mit Volker Kluge hier zum Nachhören:

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    NOK, IOC, USA, Boykott, Olympische Spiele in Moskau 1980, Moskau, Olympische Spiele, Sowjetunion, DDR