21:27 23 November 2020
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    Wenn Bundestrainer Jögi Löw schon in absehbarer Zukunft gefeuert wird – darauf läuft nämlich mittlerweile alles hin – sollte er vielleicht in Richtung Russland schauen. Bereits zwei Bundesliga-„Versager“ trainieren mittlerweile die populärsten Moskauer Fußballclubs. Einer davon ist momentan Spitzenreiter der russischen Top-Liga.

    Letzten Donnerstag traf Sandro Schwarz in der russischen Hauptstadt ein, um den Posten des Cheftrainers des traditionsreichen Clubs Dynamo zu übernehmen. „Ich bin sehr stolz darauf, dass ich die Gelegenheit habe, bei Dynamo zu arbeiten“, erklärte er kurz vor seiner Ankunft. „Es ist eine große Herausforderung für mich und ich freue mich darauf, loszulegen.“

    Nicht ohne „Vitamin B“?

    Völlig allein und aufgeschmissen wird sich der neue Cheftrainer nicht in der fremden Stadt fühlen. An seiner Seite werden zwei ehemalige Bundesliga-Akteure als Co-Trainer arbeiten: der ukrainische Ex-Stürmer Andriy Voronin, der seinerzeit insgesamt 55 Spiele für Mainz O5, 1. FC Köln, Bayer Leverkusen, Herta BSC und Fortuna Düsseldorf absolviert hatte, und Volkan Bulut, früherer Co-Trainer von SC Paderborn, FC Schalke 04 und Hannover 96. Auch der Sportdirektor von Dynamo Moskau und damit Schwarz‘ neuer Boss, Zeljko Buvac, kennt den neuen Cheftrainer gut: 1992 bis 1995 hatte er für Mainz 05 gekickt und später – zusammen mit Jürgen Klopp - diesen Club sowie Borussia Dortmund trainiert. Sergej Stepaschin, Russlands ehemaliger Regierungschef und heute Mitglied im Dynamo-Aufsichtsrat, macht auch kein Geheimnis daraus: Mit der Suche nach einem neuen Cheftrainer war Sportdirektor Buvac beauftragt worden.

    Mit anderen Worten: Ohne „Vitamin B“ hätte Schwarz wohl kaum mit diesem Posten rechnen können. Er wurde nach einem blamablen Bundesliga-Saisonstart am 10. November 2019 als Cheftrainer vom FС Mainz 05 freigestellt. Nun hat er in einem der namhaftesten russischen Fußballclubs - immerhin elfmaliger UdSSR-Meister, für den die internationale Tormann-Legende Lew Jaschin gespielt hatte - den Posten des Cheftrainers übernommen.

    Sowohl in Deutschland, als auch in Russland löste Schwarz‘ Ernennung vorerst ein gemischtes Echo hervor. Im Instagram von FC Mainz 05 schrieb etwa ein Club-Fan scherzhaft, es handle sich um einen "Teil der EU-Sanktionen gegen Russland".

    Auch der russische Ex-Bundesliga-Spieler Sergej Kirjakow, der Anfang der Neunzigerjahre von Dynamo Moskau zum Karlsruher SC übergewechselt war und später auch für den Hamburger SV recht viele Tore schoss, reagierte skeptisch:

    „An überraschende Entscheidungen des Dynamo-Vorstands haben wir uns gewöhnt. Seit langem warten wir schon, dass es dem Club endlich besser geht. Vorerst sind keine Anzeichen dafür zu sehen. Es handelt sich um ein weiteres Experiment."

    Sandro Schwarz: optimale Startbedingungen bei Dynamo Moskau

    Es gab aber auch aufbauende Stimmen. Die renommierte Tageszeitung „Kommersant“ wollte etwa erfahren haben, dass Jürgen Klopp, dessen atemberaubender Aufstieg zum wohl trendigsten Fußball-Trainer der Welt ebenfalls beim FC Mainz 05 begonnen hatte, ausgerechnet Sandro Schwarz als seinen jüngeren Kollegen mit herausragendem Trainer-Potential gelobt hätte.

    Nun hat Schwarz anscheinend optimale Startbedingungen, dieses Potential in Russland zu entfalten. Sein Jahresgehalt bei Dynamo soll laut Presseangaben 600.000 Euro betragen, was auch für Bundesliga-Verhältnisse durchaus solide ist. Seine Heimspiele absolviert das Team in einem Stadion, das im Vorfeld der WM-2018 für großes Geld auf den europäischen Top-Standard gebracht wurde. Vom Trainingslager des Clubs war Schwarz nach eigenen Worten „angenehm überrascht“.

    Mit Konstantin Rausch und Roman Neustädter hat er bereits zwei Spieler mit Bundesliga-Erfahrung im Kader. Hinzu kommen mehrere Kicker, die für Nationalmannschaften Polens, Kroatiens und Bosniens antreten. Mit anderen Worten: Die Ausgangspositionen des neuen Cheftrainers sind heute bei Dynamo aussichtsreicher als seinerzeit in Mainz.

    Cheftrainer von Dynamo Moskau Sandro Schwarz
    © Sputnik / Wladimir Astapkowtisch
    Cheftrainer von Dynamo Moskau Sandro Schwarz

    Aber auch in der aktuellen Turniertabelle der russischen Top-Liga ist die Position von Dynamo Moskau durchaus aussichtsreich: Nach 12 Spieltagen liegt das Team auf Platz fünf, sieben Punkte hinter dem Spitzenreiter Spartak Moskau.

    Spartak Moskau mit Tedesco an der Tabellenspitze

    Apropos Spartak: Mit Domenico Tedesco hat die wohl populärteste Fußballmannschaft Russlands schon seit einem Jahr einen weiteren Bundesliga-Pechvogel auf dem Cheftrainer-Posten. Im März 2019 war der damalige Chefcoach von Schalke 04 nach einem 0:7-Debakel in der Champions League gegen Manchester City freigestellt worden. Schalke 04 lag zu jenem Zeitpunkt auf dem unansehnlichen Platz 14 in der Bundesliga-Tabelle. Im Oktober 2019 wurde Tedesco überraschend zum Cheftrainer des russischen Rekordmeisters ernannt, der zu dem Zeitpunkt in der Landesmeisterschaft tief im harten Abstiegskampf steckte. Mit Tedesco, dem ersten deutschen Coach in der Geschichte des ruhmreichen Moskauer Clubs, kam Spartak im Endeffekt immerhin auf Platz sieben in der Abschlusstabelle der Saison.

    Seit Ende letzter Woche ist Spartak nach einer ungewohnt langen Pause wieder Spitzenreiter der russischen Top-Liga. „Wir schauen zu diesem Zeitpunkt der Saison noch nicht auf die Tabelle", stellte der 35-Jährige in diesem Zusammenhang fest. "Entscheidend ist, dass wir sehen, dass die Mannschaft Fortschritte macht. Und diese Fortschritte sehen wir. Die Art und Weise wie wir bisher spielen, ist wirklich gut." Immerhin ist Tedescos Team hinsichtlich des Durchschnittsalters ihrer Spieler (23,5 Jahre) auch das jüngste unter den russischen Top-Clubs. "Die Jungs entwickeln sich prima und lernen sehr schnell. Da geht einem als Trainer das Herz auf", sagte Tedesco.

    Naja, mit 60 Jahren auf dem Buckel wäre es für Jögi Löw wohl auch etwas zu spät, einen Neuanfang in einem fremden Land zu wagen. Für so manche jüngeren Kollegen von ihm könnte Russland vielleicht die Chance ihres Lebens bieten. Waghalsigkeit und Risikobereitschaft sind dabei natürlich vorausgesetzt.

    Wohlbemerkt: Die beiden früheren Clubs von Schwarz und Tedesco – Mainz 05 und Schalke 04 – liegen momentan tief im Keller der Bundesliga-Tabelle. Anscheinend haben diese Mannschaften immer noch keinen optimalen Ersatz für die aussortierten Coachs gefunden.

    Übrigens: Sein erstes Spiel mit Dynamo Moskau gewann Schwarz letzten Samstag mit 3:1 gegen FC Sotschi.

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    Tags:
    Domenico Tedesco, Fußball, Lew Jaschin, Spartak, Joachim Löw, Sergej Stepaschin, Bundesliga