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22:23 19 August 2019
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    Vorläufer der ballistischen Interkontinentalrakete Sarmat: das Modell RS-20 „Wojewoda“ (Archivbild)

    Warum Russland neue schwere Interkontinentalrakete braucht

    © Sputnik / Wladimir Fedorenko
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    Am 24. Juli 1954 wurde in der Sowjetunion das erste vorläufige Projekt der ersten ballistischen Interkontinentalrakete R-7 präsentiert, mit der eine neue Ära der Raketenwaffen begann, die blitzschnell einen Schlag gegen jede Region der Welt versetzen können.

    In den zurückliegenden 60 Jahren wurden insgesamt fünf Generationen von sowjetischen bzw. russischen Interkontinentalraketen entwickelt. Inzwischen arbeitet Russland an der neuesten Rakete dieses Typs RS-28 „Sarmat“, die das Modell RS-20 „Wojewoda“ ablösen soll. Wie sich Russlands Raketenwaffen entwickelten und welche Entwicklungen der „Sarmat“ zugrunde liegen, lesen Sie im Beitrag von Sputnik.

    Die erste Generation

    Test einer ballistischen Rakete der US-Armee
    © AP Photo / U.S. Air Force/2nd Lt. William Collette
    Im Jahr 1946 verfügte die sowjetische Regierung die Entwicklung und Serienproduktion von lenkbaren ballistischen Raketen großer Reichweite, und damit wurde die neue Waffengattung, nämlich die Raketentruppen, geboren. Einen Monat zuvor hatten die USA auf einem Übungsgelände in White Sands eine deutsche V-2-Rakete gestartet, und es wurde klar, dass das internationale Kräftegleichgewicht in Gefahr schwebt.

    Die erste sowjetische Interkontinentalrakete R-7 wurde 1957 zum ersten Mal gestartet. Damit konnten bis drei Tonnen Nutzlast in eine Entfernung von 8000 Kilometern befördert werden. Die R-7 wurde am 20. Januar 1960 in die Bewaffnung aufgenommen. Bald wurde sie durch die Modifikation R-7A abgelöst, deren Reichweite 12 000 Kilometer betrug. Die Raketen wurden von einem offenen Startplatz gestartet.

    Schwer siedende Komponenten

    In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde die zweite Generation von Interkontinentalraketen entwickelt, die mit schwer siedenden Brennstoffkomponenten (Stickstoff-Säure-Oxydatoren) arbeiteten. Bis 1965 wurden insgesamt 186 Startanlagen für R-16- und R-16U-Raketen aufgestellt. Die R-16 wurde zur ersten Interkontinentalrakete mit Lager-Flüssigbrennstoff. Sie war in jeder Hinsicht fortgeschrittener als das R-7-Modell. Unter anderem konnten damit bis zu zwei Tonnen schwere Sprengköpfe 11 000 bis 13 000 Kilometer weit befördert werden.

    Diese Raketen konnten mit Brennstoff gefüllt und eine längere Zeit in Gefechtsbereitschaft gehalten werden, ohne dass dabei diese oder jene Brennstoffkomponenten verloren gingen. Darüber hinaus wurden für die neuen Raketen Startsilos entwickelt, so dass sie vor dem Gegner geschützt wurden.

    Ein Start – mehrere Schläge

    In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden in der Sowjetunion Interkontinentalraketen der dritten und vierten Generation entwickelt, die Mehrfachsprengköpfe hatten. 1975 wurde die schwere Rakete R-36M (RS-20A „Satan“) in die Bewaffnung eingeführt, die sich später als Hauptschlagkraft der sowjetischen bzw. russischen Raketentruppen etablierte. Diese Rakete ist wirklich  einmalig in ihrer Klasse und sucht immer noch weltweit ihresgleichen.

    In den späten 1980er-Jahren begann die Produktion von mobilen und gestützten Raketenkomplexen vierter Generation (RS-12M „Topol“, RS-22, RS-20V „Wojewoda“), deren Modifikationen immer noch den russischen Streitkräften zur Verfügung stehen. 1996 bekamen die Raketentruppen die ersten Raketen fünfter Generation – RS12M2 „Topol-M“. Seit 2009 bzw. 2010 verfügen sie auch über die mobile „Topol-M“-Modifikation.

    Masse ist wichtig

    Aktuell haben die russischen strategischen Raketentruppen fünf verschiedene Raketenkomplexe: RS-20M „Wojewoda“, RS-18A, RS-12M „Topol“, RS-12M2 „Topol-M“ und RS-24 „Jars“. Die schwerste von ihnen, die „Wojewoda“, kann einen Sprengkopf von 8,8 Tonnen tragen. Sie trägt zehn Mehrfachprengköpfe von je einer Megatonne. Mit einem „Wojewoda“-Schlag kann eine Großstadt wie New York von der Erde ausradiert werden. Aber das „Wojewoda“-Modell ist nun einmal veraltet, und deshalb soll es durch die neue „Sarmat“-Rakete ersetzt werden.

    Die neue „Satan“

    Sarmat-Vorgänger Wojewoda (Nato-Code: Satan)
    © Foto : Ministry of Defence of the Russian Federation
    Die Startmasse der „Sarmat“-Rakete beläuft sich auf nahezu 110 Tonnen. Zwar kann sie einen „nur“ fünf Tonnen schweren Sprengkopf tragen, aber nach ihrer energetischen Effizienz wird sie besser als die „Wojewoda“ sein und wird zudem mit modernsten Mitteln zur Überwindung der US-Raketenabwehr ausgestattet. Die „Sarmat“-Startsilos werden maximal geschützt bleiben, so dass für ihre Vernichtung mindestens sieben hochpräzise Atomschläge nötig sein werden.

    Die Reichweite der „Sarmat“ wird über 11 000 Kilometer liegen und die Rakete wird zehn bis 15 Mehrfachsprengköpfe von je 750 Kilotonnen tragen können. Das Ziel wird diese Rakete mit Hyperschallgeschwindigkeit anfliegen, wobei sie auf jedes Ziel individuell angewiesen wird. Es wird auch äußerst schwer sein, die „Sarmat“ abzufangen, denn sie wird situationsbedingt wie Marschflugkörper oder eine Hyperschallrakete manövrieren können. Die Nato nennt die neue Rakete bereits „Satan 2“.

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    Tags:
    Hyperschallwaffen, Entwicklung, Interkontinentalrakete, Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat, Wojewoda, Rakete RS-20W (SS-18 Satana), Sowjetunion, USA, Russland