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04:02 19 September 2019
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    Hochgeschwindigkeitszug „Lastochka“

    Nach Turbinen-Skandal: Bekommt die Krim denn Siemens-Züge „Lastochka“?

    © RIA Novosti . Michail Mockruschin
    Technik
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    Nach der Lieferung von Siemens-Turbinen durch ein russisches Unternehmen auf die Krim hat der deutsche Technologiekonzern mit dem Lieferstopp für derartige Ausrüstung nach Russland und mit dem Ausstieg aus dem Turbinengeschäft im Land reagiert.

    Nach Angaben des russischen Internetportals rambler.ru hatte die Eisenbahn der Schwarzmeer-Halbinsel Krim die Absicht bekundet, in Lizenz von Siemens in Russland gebaute Züge „Lastochka“ (Schwalbe) zu erwerben. Aber lohnt sich der Kauf, wenn man derart hohes Risiko der Kooperation mit dem deutschen Konzern mit berücksichtigt?

    Der Beschluss der Münchner, die Lieferung lizenzierter Ausrüstung für russische Kraftwerke einzufrieren und aus dem Joint Venture Interautomatik auszusteigen, veranlasst Kunden in Russland, sich über Risiken auch in anderen gemeinsamen Projekten mit Siemens nachzudenken.

    Siemens und die russische Sinara-Gruppe haben das Gemeinschaftsunternehmen Ural Locomotives, an dem die Deutschen 50 Prozent der Anteile halten. 2011 wurde ein Mammutvertrag über Produktion und Kauf von 1.200 Wagen für „Lastochka“-Züge im Gesamtwert von zwei Milliarden Euro unterzeichnet. Der Vertrag hat eine Laufzeit bis 2020. Diese Züge werden in Siemens-Lizenz in der Stadt Werchnjaja Pyschma am Ural gebaut.

    Eigens für Russland hatte Siemens Hochgeschwindigkeitszüge „Sapsan“ (Wanderfalke) entwickelt. Die Produktion dieser Züge wurde in Russland nie aufgenommen. Die Staatsbahn RZD kaufte sie auf. „Sapsan“-Züge sind an der Strecke zwischen Moskau und St. Petersburg eingesetzt und sollen laut Plänen auch an der künftigen Strecke zwischen Moskau und Tatarstans Hauptstadt Kasan zum Einsatz kommen.

    Der russische Markt ist für Siemens extrem wichtig. Auf Russland entfallen 1,5 Prozent des Gesamtumsatzes des Konzerns. Allein 2016 erwirtschaftete Siemens in Russland 1,2 Milliarden Euro – fast zwei Prozent seiner weltweiten Umsatzerlöse.

    Das Passagieraufkommen auf der Krim verzeichnet kein schlechtes Wachstum. Im ersten Halbjahr 2016 beförderte die Krimer Eisenbahn knapp 1,5 Millionen Passagiere und im vergangenen Jahr 1,14 Millionen. Nach der Inbetriebnahme der Brücke über die Meerenge von Kertsch im Jahr 2019 rechnet die Krimer Eisenbahn mit noch mehr Passagieren, wozu zusätzliches rollendes Material erworben werden soll. Nach Worten von Russlands Verkehrsminister Maxim Sokolow handelt es sich dabei um rund 1.000 Passagierwagen und 40 Lokomotiven.

    Sollte die Krim in Russland montierte Siemens-Elektrozüge kaufen, könnte man mit einer harten Reaktion des deutschen Konzerns rechnen – von der Weigerung, „Lastochka“-Waggons auf der Krim zu warten, bis hin zum Ausstieg aus dem JV mit Sinara.

    In diesem Fall werden auch hunderte „Lastochka“-Züge betroffen, die bereits in Russland im Betrieb sind. Aber das würde in erster Linie einen Schlag gegen den deutschen Konzern selbst bedeuten, der Verträge über die Wartung von „Sapsan“- und „Lastochka“-Zügen in Russland im Milliardenwert einbüßen würde.

    „Interessant ist, dass der Siemens-Konzern das JV Ural Locomotives in seinen jüngsten harten Erklärungen mit keinem Wort erwähnt hat“, sagt Kirill Jakowenko von Alor Broker. „Das ist durchaus erklärbar: Außer RZD gibt es in Russland niemanden mehr, dem ‚Sapsan‘- und ‚Lastochka‘-Züge verkauft werden könnten. Der Bruch der Beziehungen (von Siemens) zu Staatskonzernen würde das Gemeinschaftsunternehmen einfach sinnlos machen“, betont der Experte.

    Siemens erwies sich als nicht genug zuverlässiger Partner wie bislang angenommen. Wäre es für Russland sinnvoller, auf den Erwerb von in Siemens-Lizenz gebauten Züge zu verzichten? Das umso mehr, als Russland das deutsche Fabrikat durch andere Erzeugnisse ersetzen kann.

    Nicht zuletzt ist es wichtig, Schritte zur Erhöhung der Informationssicherheit, die Russland derzeit in Objekten der Stromwirtschaft unternimmt, auch auf die Verkehrsbranche auszudehnen. Die Möglichkeit, strategisch wichtige Objekte und Ausrüstungen fernzusteuern, kann als ein Hebel zum verstärkten Druck auf Russland missbraucht werden.

    Die Gewährleistung der Sicherheit in der Transportbranche Russlands, wo der deutsche Produzent einen beachtlichen Anteil hat, stellt für den russischen Staat eine nicht weniger wichtige Aufgabe dar. Die Folgen eines plötzlichen ferngesteuerten Stopps eines elektrisch betriebenen Personenzuges oder eines Güterzuges mit Elektrolok kann Unfälle verursachen und das Transportsystem des Landes gar lahmlegen.

     

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    Tags:
    Lastochka-Zug, Ural Locomotives, Sinara, Siemens, Krim, Deutschland, Russland