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    Russlands U-Boot, Rostow am Don (Archivbild)

    Giganten auf Tauchfahrt: Das sind die Champions der russischen U-Boot-Flotte

    © Sputnik / Igor Russak
    Technik
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    Von Alexander Chrolenko
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    Selbst die US-Amerikaner geben es zu: Beim U-Boot-Bau ist Russland weltweit die Nummer 1. Russische U-Boote stellen einen technischen Rekord nach dem anderen auf und sind seit Jahrzehnten die unübertroffenen Herrscher der Weltmeere. Der russische Militärexperte Alexander Chrolenko stellt die Bestleistungen der russischen U-Boot-Bauer vor.

    Dieses U-Boot war gewissermaßen ein Pionier unter den russischen Rekordbooten: Vor 62 Jahren, im September 1955, schoss ein sowjetisches U-Boot der W611-Klasse (NATO-Codename Zulu) als erstes in der Welt eine ballistische Rakete ab und traf damit Ziele in einem Übungsgelände. Sewmash, die große Werft am Weißen Meer, hatte das Boot zuvor zur weltweit ersten seegestützten Plattform für ballistische Flugkörper umgerüstet.

    sowjetisches U-Boot der W611-Klasse (NATO-Codename Zulu) (Archivbild)
    sowjetisches U-Boot der W611-Klasse (NATO-Codename Zulu) (Archivbild)

    In den nächsten drei Jahren nach dem vorbildlichen Abschuss wurden fünf weitere U-Boote der W611-Klasse zu „Raketenkreuzern unter Wasser“ umgebaut. Jedes dieser Boote erhielt je zwei ballistische Raketen vom Typ R-11FM. War das U-Boot auf Fahrt, standen diese in zwei senkrechten Silos in einer Art Bordbunker. Abgeschossen wurden die Flugkörper über Wasser, nachdem sie auf einer Startrampe an die Silo-Öffnung hochgefahren worden waren.

    So entstand 1957 bei der russischen Nordmeerflotte die weltweit erste strategische U-Boot-Brigade.

    15 Jahre später gelang russischen U-Boot-Bauern ein weiterer Durchbruch: Im Dezember 1970 schuf die K-162, ein Boot der Antschar-Klasse, ganze 44,7 Knoten unter Wasser – entspricht 82,78 Stundenkilometern. Ein Titan-Rumpf und ein Hochleistungs-Kernreaktor machten die Spitzenleistung möglich, die jahrzehntelang unübertroffen blieb. Was die Entwicklung der K-162 den Ingenieuren abverlangt hatte, verglichen Fachleute mit dem Erstflug ins Weltall.

    ein Boot der Antschar-Klasse (Archivbild)
    ein Boot der Antschar-Klasse (Archivbild)

    Dafür kannte dieses Boot – was übrigens das einzige seiner Klasse blieb – auch keine unlösbaren Aufgaben. Mit den Anti-Schiffs-Raketen Ametist bewaffnet, konnte es von unter Wasser aus jedes Seeziel bekämpfen. Selbst Flugzeugträger waren für die K-162 leichte Beute: Erst feuerte das Boot seine Lenkwaffen auf die schwimmenden Flugplätze ab, dann verschwand es mit dem Tempo eines Schwertfischs in den Tiefen der See und war vor jeder Verfolgung sicher.

    So machte das sowjetische U-Boot auf einer Einsatzpatrouille Ende 1971 der USS Saratoga das Leben höllisch schwer: Der Flugzeugträger der US Navy konnte der K-162 trotz seiner 30 Knoten einfach entkommen. Das Sowjet-Boot hätte im Ernstfall jede beliebige Position einnehmen können, um den Flugzeugträger mit nur einer Salve zu vernichten.

    Die wichtigsten technischen Daten der K-162: Mit über 106 Metern länger als ein Fußballfeld im Europacup; Marschgeschwindigkeit von 37 bis 38 Knoten bei 5.200 Tonnen Wasserverdrängung; 550 Meter maximale Tauchtiefe. Über zwei Monate konnte das Boot mit seinen 82 Mann Besatzung autonom auf See bleiben. Bewaffnet war es mit zehn Anti-Schiffs-Lenkwaffen Ametist – angeordnet entlang des Rumpfes im Bug oberhalb des Druckkörpers – und vier Torpedorohren Kaliber 533 Millimeter. Zwölf Torpedos hatte es an Bord und konnte sie aus 200 Metern Tiefe verschießen.

    Den Staffelstab der schnellsten U-Boote übernahm Ende der Siebzigerjahre die Lira-Klasse (NATO-Bezeichnung Alfa). Diese Mehrzweckboote waren recht kompakt und hoch automatisiert. 41 Knoten schuf dieses U-Boot unter Wasser, angetrieben durch einen Kernreaktor mit einem Flüssigmetall als Wärmeträger.

    Mit Lenkraketen bewaffnet war die Lira-Klasse nicht, für die Bekämpfung von Flugzeugträgern reichten ihr jedoch die Torpedos völlig aus. Einen Angriff dieses U-Boots abzuwehren, sei unmöglich, sagten Fachleute einstimmig. Es bekämpfen war nicht weniger schwierig, denn die Lira-Klasse war extrem wendig und konnte selbst Lenktorpedos an der Nase herumführen. Ein Beispiel: Das Boot konnte bei voller Fahrt innerhalb von 42 Sekunden um 180 Grad wenden – ist übrigens auch ein Rekord.

    Atom-U-Boot der Lira-Klasse (NATO-Bezeichnung Alfa-Klasse)
    Atom-U-Boot der Lira-Klasse (NATO-Bezeichnung Alfa-Klasse)

    1959 hatten die russischen U-Boot-Bauer mit der Entwicklung der Lira-Klasse begonnen. Sieben Boote erhielt die russische Marine insgesamt, einschließlich der modernisierten Variante.

    Dieser superwendige Unterwasser-Jäger hatte ebenfalls einen Titan-Rumpf, war mit 18 Torpedos bewaffnet und konnte bis zu 400 Meter tief tauchen. Weil in der Lira-Klasse hochkomplexe Steuerungsautomatik eingesetzt wurde, konnte die Crew auf gerademal 32 Mann reduziert werden. Damit war die Ära der Automatisierung im U-Boot-Bau eingeläutet.

    Das Leit- und Kommunikationssystem der Lira-Klasse machte manch einen Steuerungsmechanismus überflüssig. So konnten alle Führungs- und Kontrollgeräte auf der Kommandobrücke konzentriert werden. Die wichtigsten Abläufe auf dem U-Boot wurden von der Crew ferngesteuert, die Schutzsysteme des Kernreaktors kannten selbst bei Extrembelastungen keine Aussetzer. Die Lira-Klasse hat bis heute kein Gegenstück in der ganzen Welt.

    Tauchtiefe ist das Alleinstellungsmerkmal eines U-Boots. Auch in dieser Kategorie stellten die Russen Rekorde auf: Die Plawnik-Klasse (NATO-Codename Mike) hielt es noch in 1.000 Metern Tiefe problemlos aus. Hier waren die Boote dieser Klasse für gegnerische U-Boot-Jäger unerreichbar, konnten den Gegner zugleich jedoch mit Torpedos bekämpfen. Die Plawnik-Klasse hatte als erste erfolgreich einen Torpedo aus 800 Metern Tiefe abgeschossen.

    U-Boot K-278 Komsomolez Plawnik-Klasse (NATO-Codename Mike) (Archivbild)
    U-Boot K-278 Komsomolez Plawnik-Klasse (NATO-Codename Mike) (Archivbild)

    Der Rekordhalter im Tiefseetauchen ist bis heute die K-278 Komsomolez: Ihre 1027 Metern Tauchtiefe sind bis heute unerreicht. Jahrzehntelang kämpften Russen und die US-Amerikaner um die Vorherrschaft in dieser Kategorie. 1983 nahm die Nordmeerflotte dann die K-278 – das einzige U-Boot seiner Klasse – in Dienst. Der alles entscheidende Vorteil dieses Boots war die hohe Steifigkeit des Titan-Rumpfs, der die Bordsysteme selbst bei höchstem Druck in den Meerestiefen schützte.

    Ein anderes U-Boot der Russen beeindruckt allein durch seine Größe: Die Akula-Klasse (NATO-Code Typhoon) ist mit 172 Metern noch 15 Meter länger als der Kölner Dom hoch ist. Mit 48.000 Tonnen verdrängen diese U-Boote fast so viel wie die Titanic.

    U-Boot Akula-Klasse (NATO-Code Typhoon) (Archivbild)
    U-Boot Akula-Klasse (NATO-Code Typhoon) (Archivbild)

    Seit Dezember 1981 versieht die Akula-Klasse ihren Dienst bei der russischen Nordmeerflotte. Entwickelt wurde sie eigens für die interkontinentale Rakete RSM-52. Ganze 20 Stück davon hat sie an Bord. Jeder Flugkörper ist mit zehn Sprengköpfen von je 100 Kilotonnen Sprengkraft bestückt. Ein vollständiger Abschuss dieser Raketen reiche aus, um die US-Westküste auszuradieren, rechneten Fachleute im Kalten Krieg vor.

    Eine Besonderheit in der Konstruktion der Akula-Klasse ist der Doppelrumpf mit zwei Druckkörpern, die miteinander zwar verbunden, aber dennoch autonom sind. Dazwischen befinden sich die Raketensilos.

    Insgesamt sind sechs U-Boote dieser Klasse gebaut worden. Sie patrouillieren traditionell in der Arktis, unter deren Eis sie lange Zeit unentdeckt bleiben können. Das Flaggschiff ist nach dem russischen Feldherrn Dmitri Donskoj benannt. Heute dienst es als Testplattform für die neueste Interkontinentalrakete der Russen: Bulawa. Etwas mit der Akula-Klasse Vergleichbares gibt es in der Welt heute nicht.

    Atom-U-Boot des Projekts 885 „Jassen“
    Atom-U-Boot des Projekts 885 „Jassen“

    Neulich hat das russische Verteidigungsministerium erklärt, die Entwicklung eines atomgetriebenen Mehrzweck-U-Boots der 5. Generation in Auftrag gegeben zu haben. Nach 2020 soll es mit dem Bau losgehen. Dann soll die Husky-Klasse die Jassen-Boote ersetzen. Die Zeit läuft. Und die russischen U-Boot-Bauer sind ihr stets voraus.

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