21:59 20 April 2018
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    Übungen der russischen Artillerie (Archivbild)

    Schuss in die Stratosphäre: Darum setzt Russland auf Fernschusskanonen

    © Sputnik / Witalij Ankow
    Technik
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    Billig, zuverlässig und präzise: Das sind die Gründe, warum klassische Kanonen nicht schlechter als taktische Raketensysteme sind – und in einigen Aspekten sogar besser. Der „technologische Krieg“ geht auch in diesem Bereich weiter – die Entwickler von Waffen und Munition kämpfen um jeden Zentimeter, wenn es um die Schussweite und -präzision geht.

    Russland gehört zu den Ländern, die die weltweit besten Artilleriewaffen bauen. Die fortgeschrittenen Rechengeräte der modernen Haubitzen berücksichtigen etliche Parameter: von Korrekturen in Schusstafeln bis hin zu den Wetterbedingungen in der Stratosphäre. Warum traditionelle Artilleriewaffen nicht abgeschrieben werden, erklärt Andrej Stanawow in diesem Beitrag.

    In dieser Woche haben die Artilleristen einer in Burjatien stationierten Abteilung des Militärbezirks Ost einen hochmodernen Fernfunkpeilungskomplex des Typs „Ulybka-M“ erhalten, der die Parameter der Stratosphäre in einer Höhe von bis zu 40 Kilometern messen kann. Diese Daten können unter anderem für die Anweisung von Fernschussartilleriewaffen verwendet werden.

    Fernwirkung

    Russland verfügt heutzutage über einige Artilleriesysteme, deren Geschosse eine enorme Flughöhe erreichen können. Faktisch liegt ihre Flugbahn teilweise in den oberen Schichten der Stratosphäre, wo die Luft sehr dünn und ihre Gegenwirkung minimal ist. Dieser Faktor spielt eine positive Rolle für die Schussweite.

    „Was die Rohrartillerie angeht, so können Geschosse von Systemen ‚Koalizija-SV‘ und ‚Pion‘ die Stratosphäre erreichen“, sagte der Chefredakteur des Fachmagazins „Arsenal Otetschestwa“ („Arsenal des Vaterlandes“), Viktor Murachowski. „‚Pion‘-Geschosse haben beispielsweise eine Flughöhe von bis zu 30 beziehungsweise 32 Kilometern. Bei Fernschüssen wird unter anderem die Windstärke in der Höhe berücksichtigt.“ 

    Die Schussweite der 203-Millimeter-Artilleriewaffe 2S7 „Pion“ beträgt maximal 47 Kilometer. Bei der selbstfahrenden 152-Millimeter-Haubitze „Koalizija-SV“ erreichte diese Zahl bei einem Test sogar 70 Kilometer. Dabei wurde das gesteckte Ziel erfolgreich getroffen.

    Das ist aktuell der absolute Weltrekord für selbstfahrende Artilleriewaffen dieses Kalibers. Die robotergestützte Schnellschuss-Haubitze ist nach ihren Fähigkeiten operativ-taktischen Raketen ähnlich und deshalb ideal für die Vernichtung feindlicher Kommandostellen, Luftabwehr- und Raketenabwehrwaffen, großer Magistralen und weiterer Ziele geeignet.

    Zum Vergleich: Der US-amerikanische selbstfahrende Komplex M109 Paladin kann Ziele in höchstens 30 Kilometern Entfernung treffen. Die maximale Schussweite des britischen Artilleriesystems A S90 Braveheart liegt bei 40 Kilometern und die der französischen Waffe AMX AuF1T bei 35 Kilometern.

    Günstige Lösung

    Experten zufolge wird es in absehbarer Zeit keine Alternativen zu klassischen Rohrartilleriewaffen geben. Trotz der hohen Schusspräzision und der allgemeinen Effizienz sind die modernen operativ-taktischen Raketenkomplexe wie „Totschka-U“ oder „Iskander“ viel zu kompliziert und viel zu teuer, um im Falle eines umfassenden Kriegs mit Kanonen zu konkurrieren. Zudem stehen vor diesen Waffen sehr unterschiedliche Aufgaben.

    „Bei einer Rakete handelt es sich um ein äußerst teures Erzeugnis“, so Experte Murachowski. „Normalerweise werden sie gegen besonders wichtige getarnte Ziele wie große Kommandostellen eingesetzt. Reaktive Mehrfachraketensysteme sind eher für die Vernichtung von Flächenzielen geeignet. Das könnte beispielsweise ein Flugplatz, ein Funkmessfeld mit mehreren Stationen oder ein Luftabwehrsystem sein. Und die Artillerie schießt, wenn die Entfernungen maximal groß sind, gegen Einzelziele wie Raketenstartanlagen, Atommunitionslager usw.“

    Dem Experten zufolge sind hochmoderne lenkbare Geschosse oder Drohnen nur in Fällen effizient, wenn der Feind keine starken funkelektronischen Kampfmittel hat. „Aber wenn man es mit einem gut ausgerüsteten Gegner zu tun hat, wird dieser alle Funkwellenbereiche und GPS- bzw. GLONASS-Signale ausschalten – und dann wird es ‚lustig‘. Dann würde man wieder Papier-Landkarten und Schusstabellen herausholen, die Wetterdaten überprüfen und sich an die gute alte Artillerie erinnern müssen“, so der Militärexperte.

    Hochpräzise Rohrwaffen

    Die russischen Waffenbauer arbeiten permanent an der Förderung der Schusspräzision ihrer Kanonen und der entsprechenden Munition. Für Artilleriewaffen gibt es etliche Munitionstypen, von denen manche erst getestet werden, ohne dass die Streitkräfte das bekommen. Erwähnenswert sind beispielsweise lenkbare Geschosse auf Basis der Artilleriegranate „Krasnopol“, die für die Vernichtung von befestigten Objekten mit nur einem Schuss geeignet ist. Der klassische Zielanweisungsmechanismus nach dem Laserstrahl verlangt die Beleuchtung des Ziels durch den Artilleriebeobachter, der das Ziel direkt sehen muss.

    Außerdem sollen modernste Haubitzen in absehbarer Zeit mit lenkbaren Geschossen mit kleinen ausfahrbaren aerodynamischen Lenkern und Zündern mit einem GLONASS-Chip ausgestattet werden. Das Lenkungsprinzip ist durchaus einfach: Das Geschoss wird in eine erhöhte Weite abgefeuert und etwas neben das jeweilige Ziel gepeilt, dessen Koordinaten im Chip programmiert sind, um sich später neu daran auszurichten. Wichtig ist, dass die Munition dadurch kaum teurer wird.

    Ein weiterer relativ neuer Weg zur Erhöhung der Schusspräzision von Artilleriewaffen ist ihre Ausrüstung mit einer funkballistischen Station (also mit einem Funkradar). Dieser verfolgt das fliegende Geschoss auf seiner ganzen Flugbahn und bestimmt die Koordinaten des Ziels. Wenn das nächste Geschoss abgefeuert wird, werden diese Koordinaten bereits berücksichtigt. Dieses System ist völlig autonom, hängt nicht von der Satellitennavigation ab und funktioniert sogar, wenn die GLONASS-Signale eingedämmt werden.

    Was das Zusammenwirken auf dem Schlachtfeld angeht, so sind die meisten modernen russischen selbstfahrenden Artilleriewaffen mit universalen Bordanlagen ausgerüstet und in das einheitliche taktische Waffenlenksystem integriert, das rund um die Uhr die jeweilige Gegend kontrolliert, die Schießeinstellungen autonom berechnet und das Feuer automatisch steuert.

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    Tags:
    Technik, Militär, Kanone, Artillerie, Iskander-M, Mehrfachraketenwerfer Totschka-U, Selbstfahrlafette Koalizija-SW, Russland
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