19:45 19 April 2018
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    Stapellauf des U-Bootes Noworossijsk (Archivbild)

    „Man hört uns nicht, aber wir sind hier“ – Reportage vom leisesten U-Boot der Welt

    © Sputnik / Igor Russak
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    „Schwarze Löcher im Weltozean“ – so werden im Westen die neuesten russischen Diesel-Elektro-U-Boote des Projekts 636.3 genannt, weil sie beispiellos leise Triebwerke haben. Selbst wenn Nato-U-Boot-Zerstörer genau wissen, dass irgendwo unweit ein solches Mehrzweck-U-Boot ist, können sie es nicht entdecken.

    Ein russischer Korrespondent besuchte in Sewastopol die „Noworossijsk“,  das Flagg-U-Boot dieses Projekts, und erfuhr, in welchen Situationen Diesel-U-Boote effizienter sind als Atom-U-Boote.

    Ein U-Boot mit Charakter

    Auf den ersten Blick scheint die „Noworossijsk“ am Pier in Sewastopol ruhig und friedlich zu „schlafen“. Aber dieser Eindruck täuscht. Innerhalb des U-Bootes sitzen Wachoffiziere; die Diesel-Generatoren klopfen gemessen; die zahlreichen Mechanismen grummeln.

    Der einzige Eingang in das U-Boot ist ein langer und enger senkrechter Schacht mit einer Leiter. Der Korrespondent, der einen ziemlich großen Rucksack mit seiner Fotokamera bei sich hatte, brauchte etwa zwei Minuten, um in das U-Boot zu gelangen. Zum Vergleich: Bei einem dringenden Untertauchen haben die sechs Wachhabenden 20 Sekunden, um die Brücke zu verlassen. Der Kommandeur ist dabei immer der letzte und hat die Luke dicht zu machen. Da muss man sehr schnell handeln: In 20 Sekunden verschwindet die Kanzel unter dem Wasser.

    Der senkrechte Schacht führt in die zweite Abteilung mit dem zentralen Posten. Von hier aus werden alle wichtigsten Bordsysteme geleitet. Hier befinden sich unter anderem die „Augen“ des U-Boots – das drehbare optische Sehrohr. Ganz nebenan liegen die Pulte zur Lenkung der Bordwaffen. Waffen gibt es wirklich viele: auf dem Torpedodeck der „Noworossijsk“ kann ein ganzes Arsenal von Minen, Torpedos und Raketen „Kalibr-PL“ untergebracht werden, die gegen Wasser- und Bodenziele geeignet sind. Sechs Torpedo-Anlagen (Kaliber 533 Millimeter) am Bug sind universal und können alle möglichen Ziele treffen.

    Die „Noworossijsk“ ist das erste von insgesamt sechs U-Booten des Projekts 636.3. Sie lief im Juni 2014 vom Stapel und ist in Noworossijsk stationiert. Später erhielt die Schwarzmeerflotte auch die U-Boote dieses Typs „Rostow-na-Donu“, „Stary Oskol“, „Krasnodar“, „Weliki Nowgorod“ und „Kolpino“. Die „Rostow-na-Donu“ ist das erste U-Boot in der Geschichte Russlands, das seine Raketen gegen reale Gegner eingesetzt hat: im Dezember 2015 in Syrien. Dieses Modell erwies sich als dermaßen erfolgreich, dass beschlossen wurde, sechs weitere solche U-Boote für die Pazifikflotte zu bauen.

    „Jedes Schiff hat seinen eigenen Charakter“, zeigte sich der Kommandeur der „Noworossijsk“, Fregattenkapitän Konstantin Tabatschny, überzeugt. „Wir haben eine Abteilung aus sechs U-Booten, und wenn wir auf See fahren, spüren die Kommandeure gewisse Unterschiede, obwohl es sich um U-Boote desselben Projekts handelt. Selbst das Festmachen erfolgt unterschiedlich, und das hat nichts mit dem Niveau der Ausbildung der Besatzung zu tun.“

    Innerhalb des U-Boots wimmelt es von verschiedenen Schaltern, Drehern und Anzeigeschildern. Die Seeleute sagen allerdings, sie seien nur als Versicherung nötig und würden sehr selten eingesetzt, denn die meisten Systeme würden entweder von den zentralen Pulten betätigt oder seien völlig automatisch.

    Universal und unsichtbar

    In der Dieselabteilung ist es sehr laut, und es riecht nach heißem Maschinenöl. Hier kann man kaum sprechen und muss eher schreien. Denn hier stehen immerhin zwei Diesel-Generatoren von je 1,5 Megawatt. Der Haupt-Rudermotor ist 5500 PS stark. Hinter der Maschinenabteilung liegt die Elektroabteilung.

    Tabatschny ist ein großer Fan von Diesel-Elektro-U-Booten, auch wenn er einen großen Respekt vor seinen Kollegen auf Atom-U-Booten hat, unter denen er viele Freunde hat. „Atom-U-Booten gehört die Zukunft. Dort ist alles weiß, und die Besatzungsmitglieder tragen immer saubere Uniform. Bei uns gibt es so etwas nicht. Ich bin sicher, dass jeder U-Boot-Mann Diesel-U-Boot-Erfahrungen machen sollte. Wenn er diese engen Räume nicht gespürt, den Dieseltreibstoff nicht gerochen hat, kann er sich nicht als vollwertigen U-Boots-Mann bezeichnen. Und das Projekt 636.3 ist sehr erfolgreich. Wir haben dieselben Waffen wie die Mehrzweck-U-Boote“, so der Fregattenkapitän.

    Eigentlich haben Diesel-Elektro-U-Boote tatsächlich viele Vorteile: Sie sind kompakter, für flache Gewässer geeignet, können unweit von der Küste handeln, Kampftaucher auslassen, Minen in engen Fahrwassern legen usw. Dank ihren hochmodernen Lebensversorgungssystemen können sie bis zu fünf Tage unter Wasser bleiben, und ihre Seeausdauer erreicht 45 Tage.

    Darüber hinaus sind Diesel-U-Boote wesentlich leiser. Das Projekt 636.3 ist in diesem Sinne überhaupt der Weltrekordler – noch leisere U-Boote gibt es einfach nicht. Tabatschny erzählte, dass die „Noworossijsk“ oft von „Ehreneskorten“ aus Nato-Korvetten und —Fregatten begleitet werde, doch wenn das U-Boot auf einmal beschleunige, könnten sie dieses Tempo nicht mehr mithalten. Und im Mittelmeer konnte ein US-amerikanischer Zerstörer dem Kapitän zufolge drei Tage lang das U-Boot nicht finden.

    Es gibt die Meinung, dass man an Bord des U-Boots während solcher „Versteckspiele“ nicht laut sprechen darf – doch das stimmt nicht. Keine einzige Sonaranlage des Gegners kann Gespräche innerhalb des U-Boots, das einen dicken und gummierten Rumpf hat, hören. Normalerweise ist dabei nur der Lärm der zahlreichen Bordsysteme zu hören. Deshalb werden sie aber in solchen Situationen möglichst ausgeschaltet – nur die wichtigsten Anlagen funktionieren weiter.

    Unterwasser-Wohnheim

    Die Wohnabteilungen der „Noworossijsk“ sind kompakt und sogar gemütlich – auf ihre Art. Der kleine Gesellschaftsraum ist mit dem eines Geländefahrzeugs vergleichbar. Das ist der Raum für Offiziere, wo Beratungen und Versammlungen stattfinden. An einer Wand hängt hier ein Bild der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg. Darunter steht geschrieben, dass dies ein Geschenk des Verteidigungsministers Sergej Schoigu ist. An der anderen Wand hängen eine vergoldete Tafel mit den Namen aller Mitglieder der ersten „Noworossijsk“-Besatzung, eine zusammengefaltete Andreas-Flagge unter Glas und eine orthodoxe Ikone.

    Gegenüber dem Gesellschaftsraum befindet sich der Mannschaftsraum. Er sieht im Grunde wie ein Liegeabteil in russischen Zügen aus, aber die Liegebretter sind hier enger und kürzer. Hier verbringen die Matrosen fast die ganze Freizeit – anderswo gibt es einfach kaum Platz für sie.

    An Bord der „Noworossijsk“ gebe es keine Diskriminierung, behauptete der Kapitän. Für ihn seien alle gleich – ob ein alter Maschinenwärter oder ein junger Steuermann mit einem scharfen Stift und Universitätsausbildung. Für ihn sei wichtig, dass jedes Mitglied seiner Mannschaft ein großer Profi ist, betonte er. Solche Männer will er nach seinen Worten unter keinen Umständen verlieren und bedauert es immer sehr, wenn ihm das nicht gelingt. So sei vor kurzem ein erfahrener Assistent von ihm weggegangen, weil er zum Kommandeur des U-Boots „Krasnodar“ ernannt wurde.

    Seinen Platz hat der 27-jährige Oberleutnant Alexander Dudukin eingenommen, der damit der jüngste Erste Offizier auf allen U-Booten der Schwarzmeerflotte ist. „Der Erste Offizier ist der zweite Mann an Bord – nach dem Kommandeur. Bisher war ich Steuermann und dann Assistent gewesen. Natürlich ist die Verantwortung riesig, und ich habe jetzt mehr Pflichten – aber ich freue mich über die Beförderung“, sagte Dudukin.

    Besatzungen von U-Booten halten üblicherweise enger zusammen als Besatzungen von Schiffen. Die Matrosen spüren sicherlich eine besondere Verantwortung und verstehen, dass von einem Fehler des einen das Leben von mehreren Dutzenden Männern abhängt. Dabei ist es völlig unwichtig, wem ein Fehler unterlaufen ist – einem einfachen Matrosen oder dem Kommandeur –, die Folgen können fatal sein. Absolute Subordination, gegenseitiger Respekt und Hilfsbereitschaft sind die drei „Stützen“ unter dem Wasser. Wer das nicht versteht, hat keine Chance, U-Boot-Matrose zu werden.

    „Jeder Matrose weiß, dass ich der Kommandeur bin und dass meine Worte nicht zu diskutieren sind“, sagte Tabatschny. „Der Matrose darf nicht einmal darüber nachdenken, ob er meinen Befehl erfüllen soll oder nicht. (…) An Bord eines U-Boots gibt es keinen Platz für Demokratie. Dennoch pflegen wir gute menschliche und freundliche Beziehungen. Wir haben keine ‚Parade-Leiter‘ und keine ‚Parade-Klos‘. Wir haben alles gemeinsam – wie in einer großen Familie.“

    Der 29-jährige Nikolai Sonin war früher Marineinfanterist, und jetzt ist er Besatzungsmitglied der „Noworossijsk“. Nach seinen Worten bedauert er diesen Wechsel keineswegs. „An Bord des U-Boots bin ich für Torpedowaffen zuständig. Die Ernährung ist hier eigenartig; hier gibt es mehr Arbeit; und es wird den Leibesübungen weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Dass es hier so eng ist, bemerke ich nicht – habe einfach keine Zeit dafür“, gab der Matrose zu.

    Alter Pullover

    Wie alle Seeleute, haben auch die U-Boots-Matrosen ihre besonderen Traditionen. Die größte ist die Weihezeremonie. Dieser werden alle unterzogen – da gibt es keine Ausnahmen. „Wir haben die technische Möglichkeit, Seewasser in jeder Tiefe zu sammeln“, erzählte der Kommandeur.

    „Wer zum ersten Mal taucht, wird zum zentralen Posten bestellt. Das Salzwasser aus der Tiefe wird in ein Leuchtenglas eingeschenkt – und man muss es trinken. Dabei darf man nichts verschütten – darauf achten wir sehr streng. Dann wird dem Neuling feierlich die Weiheurkunde überreicht, in der auch die Koordinaten des Ortes angegeben sind, wo die Weihe erfolgte.“ Auch bekomme der Neuling einen Stockfisch und eine Dose Kondensmilch. „So etwas vergisst man nie im Leben“, so der Kapitän.

    Tabatschny behauptete, an keine Vorzeichen zu glauben, räumte aber ein, dass er immer einen alten Wollpullover an habe, wenn er auf hohe See gehe. Auch möge er es nicht, montags auf hohe See zu gehen. Den zweiten Moment erklärte er dadurch, dass man sich am Wochenende erhole und nicht genug Zeit habe, schon am Montag wieder in den Arbeitsrhythmus zu kommen: Man könne manchmal nicht aufmerksam genug sein, was schlimme Folgen für die Arbeit haben könnte.

    Bald wird die „Noworossijsk“-Besatzung einen neuen Auftrag bekommen und  Sewastopol verlassen. Trotz der schwierigen Dienstbedingungen sind die U-Boot-Matrosen lebensfreudige Männer, die ihren Dienst wirklich lieben. Wenn hier einer scherzt, wird das nie als Leichtsinn wahrgenommen. Jeder erfahrene Seemann weiß immerhin, dass man es unter Wasser ohne Humor einfach nicht aushalten kann – genauso wie ohne Luft.

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    Diesel-Elektro-U-Boot, U-Boot, U-Boot Noworossijsk, Marine Russlands, NATO, Schwarzes Meer, Russland
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