14:57 12 Dezember 2018
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    Raketenabwehr (Symbolbild)

    Russland vs. USA: Wessen Raketenabwehr bedroht wen – und welche schützt besser?

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    Konstantin Bogdanow
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    In Kasachstan haben weitere Tests einer modernisierten russischen Abfangrakete stattgefunden. Um welche Rakete es sich dabei konkret handelt und in welchen Systemen sie eingesetzt wird, darüber schreibt am Mittwoch der russische Militärexperte und Analyst Konstantin Bogdanow für die Zeitung „Iswestija“.

    Auf dem Gelände Saryschagan am westlichen Ufer des kasachischen Balchaschsees ließ sich bereits vor mehr als 60 Jahren die russische Raketenabwehr-Wissenschaft nieder. Hier wurden Frühwarnradare, Abfangraketen und sogar experimentelle leistungsstarke Laser getestet. Zudem befindet sich zwischen Kapustin Jar und Saryschagan die sogenannte „innere Bahn“, an der „aussichtsreiche Kampfausrüstungen“ von Interkontinentalraketen getestet werden, darunter Mittel zur Überwindung der Raketenabwehr.

    „Amur“ und „Samoljot“

    Das einzige Objekt in Russland zur Abwehr von ballistischen Interkontinentalraketen ist das System A-135 „Amur“ im Gebiet Moskau, das das sogenannte Moskauer Verwaltungs- und Industriegebiet schützt. Es wurde 1995 in Betrieb genommen, davor hatte es ein System der früheren Generation namens A-35M gegeben.

    „Amur“ besteht gemäß den Projektvorgaben aus einer multifunktionalen Radaranlage mit 360-Grad-Abdeckung, Don-2N, in der Ortschaft Sofrino bei Moskau, Kommandoinfrastruktur und silogestützten Antiraketen zweier Typen.

    Radaranlage Don-2N des Moskauer Raketenabwehrsystems nahe Sofrino-1 im Kreis Puschkino.
    © Sputnik / Kirill Kallinikow
    Radaranlage Don-2N des Moskauer Raketenabwehrsystems nahe Sofrino-1 im Kreis Puschkino.

    Die erste Stufe bilden exoatmosphärische Abfanglenkwaffen 51T6 mit nuklearen Gefechtsköpfen (32 Stück). Ihre Aufgabe ist es, die Blöcke noch vor dem Eintritt in die Atmosphäre abzufangen. Im Moment sind diese Raketen allerdings nicht im Bereitschaftsdienst. Die zweite Stufe stellen 68 Hochgeschwindigkeitsabfangraketen 53T6 mit nuklearen Gefechtsköpfen dar, die Ziele schon in der Atmosphäre attackieren.

    Die Gesamtzahl der Antiraketen liegt bei 100 Stück gemäß dem ABM-Vertrag von 1972. Seit 2002 ist der Vertrag zwar außer Kraft gesetzt, allerdings gab es keinen Ausbau der Kampfmittel.

    Gerade diese Abfangraketen für innerhalb der Atmosphäre werden auf dem Gelände Saryschagan regelmäßig getestet. Die Tests wurden Mitte der 2000er Jahre wiederaufgenommen, seitdem gab es bereits etwa 150 Starts. Die letzten erfolgten mit den modernisierten Raketen 53T6M.

    Seit den 1980er Jahren wird die nächste Version der Raketenabwehranlage für das Gebiet Moskau entwickelt – „Samoljot-M“ (A-235). Das System wird auch über mehrere Abfangraketen verfügen, darunter 53T6M. Zudem sind neue Antiraketen geplant, voraussichtlich auf mobilen Plattformen (anscheinend ist damit auch das in Entwicklung befindliche Projekt „Nudol“ verbunden, das seit 2014 getestet wird). Darüber hinaus kann das System auch als Antisatellitensystem funktionieren. Dazu war schon A-35M in der Lage, doch das System A-135, das es ersetzte, hatte diese Möglichkeiten nicht mehr.

    S-500

    Alle anderen vorhandenen Systeme im Lande, die ballistische Raketen angreifen können (S-200W4, S-400), gehören zur sogenannten „Raketenabwehr des Kriegsschauplatzes“. Sie können maximal einige ballistische Mittelstreckenraketen abfangen (bis 3000-5000 Kilometer).

    Doch gerade aus dieser Reihe ergibt sich ein Bindeglied, das eine Brücke zwischen stationären Systemen des Typs A und Langstreckenraketen-Abwehrsystemen (S-300P, S-400) sein kann. Es handelt sich um das System S-500 Prometej.

    S-400 auf der Krim
    © Sputnik / Alexey Malhawko
    S-400 auf der Krim

    Es ist ein absolut mobiles System, das Langstreckenraketen 40N6 sowie weitere fortgeschrittene Modelle umfassen wird, die Ziele mit einer Geschwindigkeit von bis zu sieben km/s abfangen können und damit die Raketenabwehr im letzten Abschnitt der Flugbahn ermöglichen.

    Die Kommunikationsmittel der S-500 können mit denen der A-235 verknüpft werden, wobei Zielzuweisungen übergeben werden und ein einheitliches Raketenabwehrsystem geschaffen wird.

    Zudem sollen die Abwehrraketen von S-500 auch eine bordgestützte Version bekommen. Als Träger wurden Zerstörer der Klasse „Lider“ gewählt.

    Vergleich mit den USA

    Wodurch unterscheiden sich russische Raketenabwehrsysteme von denen der USA? Vor allem durch die Kontrolle des Raums. Russische Systeme werden nur auf dem Territorium des Landes stationiert, was de facto ein verteiltes und vielschichtiges Abfangsystem im letzten Abschnitt der Flugbahn ermöglicht.

    Indes setzen die USA auf eine mehrstufige Architektur der mobilen Mittel, darunter Mittel zum Abfangen auch im mittleren Abschnitt der Flugbahn sowie im aktiven Abschnitt (bei der Beschleunigung der Rakete). Dabei werden einzelne Bestandteile nicht nur auf dem Kontinentalteil des Landes stationiert (jetzt auch: Osteuropa, in Zukunft: Ostasien).

    Darüber hinaus bauten die USA von Anfang an ihr Raketenabwehrsystem so aus, dass die Abwehrraketen Standard SM-3 auf vertikalen Startanlagen Mk.41 eingesetzt werden können, mit denen all ihre Zerstörer und Kreuzer sowie einige Schiffe der Nato-Länder ausgestattet sind. Nach einer entsprechenden Modernisierung kann die Zusammensetzung der Angriffsmittel kostengünstig und schnell ausgebaut werden. Allerdings können die SM-3 keine Interkontinentalraketen bekämpfen und sind eher auf die Bekämpfung von Mittelstreckenraketen ausgerichtet.

    Die Seeherrschaft und ein umfassendes Netz von Verbündeten auf der ganzen Welt ermöglichen es den USA, sich auf eine solche Architektur zu stützen. Zudem wird auch von Plänen zur Installierung von orbitalen Abfangraketen gesprochen. Dieses Thema wird schon seit den 1980er Jahren diskutiert. Die jüngsten Tests von nordkoreanischen Interkontinentalraketen führten dazu, dass in vielen Artikeln, Berichten und Diskussionen die Entwicklung von orbitalen Abfangraketen wieder thematisiert wurde.

    Dabei sind die Möglichkeiten zur Bekämpfung von Interkontinentalraketen bei beiden Ländern vergleichbar. Die Amerikaner haben derzeit nur 44 Abfangraketen des Typs GBI, die in Alaska und Kalifornien stationiert und gegen Nordkorea gerichtet sind.

    Im Fall Russland vs. USA geht es nur um die Möglichkeit, einen (zufälligen) Einzelstart bzw. einen kleinen Gruppenstart abzuwehren. Vor einem mehr oder weniger massiven Raketenangriff werden diese Systeme nicht schützen.

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    Luftabwehrsysteme, Vergleich, Raketenabwehr, Don-2N, Raketenabwehrsystem S-400, Raketenabwehrsystem SM-3, Luftabwehr-Raketensystem S-500, USA, Russland