18:50 20 September 2018
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    Im Cockpit eines Atom-Flugzeugs: Sowjet-Projekt aus Sicht eines Insiders

    Im Cockpit eines Atom-Flugzeugs: Sowjet-Projekt aus Sicht eines Insiders

    © Sputnik / Yuri Iwanow
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    In der Sowjetunion ist an einem atombetriebenen Bomber gearbeitet worden. Mit dabei war Physiker Nikolai Kucharkin, derzeit Berater des Präsidenten des Kurtschatow-Instituts in Moskau. Seine Erfahrungen ermöglichen auch spektakuläre Einblicke in die allgemeine Gestaltung der Forschungsarbeit zu jener Zeit.

    In der Sowjetunion ist an einem atombetriebenen Bomber gearbeitet worden. Mit dabei war Physiker Nikolai Kucharkin, derzeit Berater des Präsidenten des Kurtschatow-Instituts in Moskau. Seine Erfahrungen ermöglichen auch spektakuläre Einblicke in die allgemeine Gestaltung der Forschungsarbeit zu jener Zeit.

    Wie Kucharkin der Zeitung „Iswestija“ erzählte, hatte er ursprünglich an der Marine-Hochschule in Leningrad (heute St. Petersburg) studieren wollen. Einmal saß er am Flussufer und las Lehrbücher, um sich auf seine Hochschulreifeprüfung vorzubereiten. Da kam ein Bekannter auf ihn zu, der ein Jahr älter war und bereits am Moskauer Energie-Institut studierte.

    „Komm lieber zu uns. Wir haben eine neue Fakultät, die weltbeste. Dort wird man nach der ersten Prüfungsperiode aufgenommen, nur mit ausgezeichneten Noten. Keiner weiß aber, womit man sich dort beschäftigt“, soll jener Bekannte gesagt haben. 

    Tatsächlich wurde Kucharkin dank seinen Leistungen von dieser „mysteriösen“ Physikalisch-Energetischen Fakultät aufgenommen. Viele von deren Studenten wurden später renommierte Forscher und trugen zum Aufbau der sowjetischen Atombranche maßgeblich bei. Kucharkin selbst machte 1952 nach seinem vierten Studienjahr ein Praktikum bei einer geheimen Forschungsanstalt im Nordwesten Moskaus.

    „Zwar begriffen wir Reaktor-Fachleute inzwischen, worauf man uns vorbereitet. Doch da wurden wir plötzlich in ein niemandem bekanntes Labor für Messgeräte entsandt. Was soll das? Den Namen Kurtschatow (‚Vater‘ der sowjetischen Atombombe – Anm. d. Red.) kannte damals noch keiner (…) Wir haben nur gehört, dass es jemanden mit dem Spitznamen ‚Bart‘ gibt, der laut Gerüchten die Atomindustrie kommandiert. Sein Name wurde aber geheim gehalten“, sagte Kucharkin dem Blatt. 

    Erst vor Ort erfuhr er damals, mit welchen „Messgeräten“ sich das Labor beschäftigt (dieses wurde später übrigens ins Institut für Atomenergie umbenannt). Aus mehreren Diplomanden wurde ein Team organisiert, das mit der Entwicklung atombetriebener Fluggeräte beauftragt wurde.

    Kucharkin skizziert, wie der damalige sowjetische Forschungsstand auf diesem Gebiet generell aussah und welche Top-Konstrukteure damit zu tun hatten: „Zunächst wurde Tupolew eingeladen, die Entwicklung eines strategischen atombetriebenen Bombers zu übernehmen, er lehnte das Angebot aber ab. Dann wurde Mjassischtschew ernannt und machte sich energisch an die Arbeit. Es wurde an einem Vorentwurf gearbeitet, Attrappen wurden gebaut. Ich saß selbst einmal in der Cockpit-Attrappe eines Atom-Flugzeugs. Man fing schon damit an, den Reaktor zusammenzubauen.“

    Doch nach dem ersten bemannten Raumflug am 12. April 1961 beschloss die sowjetische Führung, auf ballistische Raketen zu setzen. Die Entwicklung jenes atombetriebenen Bombers wurde eingestellt, der zuständige Betrieb an die Raketenindustrie übergeben.

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    Tags:
    Versuche, Entwicklung, Atomkraftwerk, Flugzeug, Atomwaffen, Kurtschatow-Institut, Sowjetunion, UdSSR