09:33 21 September 2018
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    der strategische Bomber Tu-95 im Norwegiens Luftraum (Archiv)

    „Wir haben fliegendes Atom-Labor“: Wetteifer UdSSR – USA

    © Sputnik / Luftwaffen Norwegiens
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    Sowjetische Forscher unter der Leitung von Igor Kurtschatow, die die Atomenergie auch im Flugzeugbau anwenden wollten, mussten bei ihrer Arbeit eine Vielzahl von Schwierigkeiten überwinden. Über einige Details berichtet nun der Physiker Nikolai Kucharkin, der damals auch zum Team gehörte.

    Kucharkin sagte der Zeitung „Iswestija“, nach der Inbetriebnahme des ersten sowjetischen Experimentalreaktors F-1 im Jahr 1946 sei unter anderem die Frage nach möglichen Atomantrieben ins Gespräch gebracht worden, insbesondere für Fluggeräte. Man sei davon ausgegangen, dass auf der Grundlage der damaligen Entwicklungsarbeiten an Bombern der Konstruktionsbüros Tupolew und Mjassischtschew auch ein atomgetriebenes Flugzeug gebaut werden könnte.

    fliegendes Atom-Labor
    © Foto : Screenshot
    fliegendes Atom-Labor

    „Das Problem der Strahlung erwies sich für uns als sehr schwierig. Geplant war ein bemanntes Flugzeug und es ging darum, die Besatzung vor der Strahlung des Reaktors möglichst besser zu schützen. Über manche Dinge von fundamentaler Bedeutung herrschte noch Unklarheit. Zwar war es klar, wie man sich vor einem direkten Strahlungsstrom schützen und ihn berechnen kann – ausgehend von der Konstruktion des Reaktors. Doch die Radiaktivität wird durch die Luft zerstreut, sie gelangt von allen Seiten ins Cockpit. Die von der Luft zurückgeworfene Strahlung ist ziemlich groß, deshalb muss entweder der Reaktor oder das Cockpit (oder auch beides) von allen Seiten abgesichert werden. Es gab eine Vielzahl von selchen fundamentalen Fragen“, so Kucharkin.

    Das Team von Kurtschatow habe sich zunächst mit theoretischen Berechnungen beschäftigt und an einem fliegenden Labor getüftelt. Dann habe Kurtschatow aber die Nachricht bekommen, dass in den USA ein solches System bereits zustande gekommen sei, hieß es.

    „Wir hatten aber keine konkreten Angaben, welchen Reaktor die USA nutzen und wie alles dort aufgebaut ist. Wir wussten nur, welches Flugzeug dort zum Einsatz kam: Von seiner Nutzlastkapazität her ähnelte es der Tu-95. Kurtschatow wandte sich sofort an Tupolew und fand bei ihm Unterstützung. In einem speziell umgerüsteten Tupolew-Flugzeug wurde ein fliegendes Atom-Labor eingerichtet. Man stellte dort einen Reaktor auf, der vom in Kuibyschew (heute Samara – Anm. der Red.) ansässigen Konstruktionsbüro entwickelt und gebaut wurde, und es begannen experimentelle Arbeiten“, berichtete Kucharkin.

    Er unterstrich auch die besondere Bedeutung der damaligen medizinisch-biologischen Forschungen und erläuterte, es sei zu jenem Zeitpunkt etwa nicht ganz klar gewesen, wie die Gamma-Strahlung auf Lebewesen einwirke: „Man musste alles sorgfältig erforschen und messen. Um dosimetrische Geräte zu entwickeln, wurde das Spezialisierte Forschungsinstitut für Gerätebau gegründet. Das Institut für Biophysik fertigte für uns ebenfalls Ausrüstungen und stellte medizinisch-biologische Forschungen an. Für Forschungen im fliegenden Labor wurde bereits damals ein Vivarium eingerichtet – mit Hilfe von Fachleuten des Atomversuchsgeländes Semipalatinsk.“

    Auf den Bau atomgetriebener Flugzeuge wurde aber letztendlich sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA verzichtet. Kucharkin sagte, Kurtschatow habe die Atomenergie auch im Interesse der Raumfahrt anwenden wollen. Die damaligen Forschungsergebnisse seien auch heute noch von Bedeutung.

    Der Einsatz nuklearer Triebwerke in niedrigen Umlaufbahnen und beim Start sei zwar mit der Gefahr einer Verschmutzung verbunden, dies bedeute aber noch nicht, dass man in Sachen Raumfahrt keine anderen Nischen für solche Anlagen finden könnte. „Diese Forschungsrichtung darf man keineswegs schließen“, mahnte Kucharkin.

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    Tags:
    Atomantrieb, Labor, Strahlung, Atomenergie, UdSSR, USA