12:45 25 September 2018
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    Militärtechnik wird per Fallschirm abgeworfen

    Das können nur die Russen: Wie bemannte Panzer aus Flugzeugen fliegen

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    Technik
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    Nikolai Protopopow
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    In 800 Metern öffnet sich die Heckklappe, ein Schützenpanzer rollt aus dem Bauch der Transportmaschine. Bis die Fallschirme sich geöffnet haben, vergehen wenige Sekunden im freien Fall. Plötzlich zünden Booster: Landung. Das tonnenschwere Kampfgerät setzt sanft auf dem Boden auf – und stürmt gleich ins Gefecht. Das macht den Russen keiner nach.

    Russische Fallschirmjäger sind die einzigen weltweit, die bei Landeoperationen an Bord ihrer Schützenpanzer aus Flugzeugen abgeworfen werden. Ist der Panzer einsatzbereit in der Transportmaschine verladen, steigen die Kämpfer ein, gurten sich auf speziellen Sitzen fest und warten auf den Befehl zum Absetzen. Kaum aus dem Flugzeug abgeworfen sinkt das Kettenfahrzeug jäh ab. Erst, wenn die Fallschirme geöffnet sind, geht der Schützenpanzer mit den Fallschirmjägern an Bord in die Waagerechte. Dass sie gelandet sind, spüren die Soldaten am dumpfen Stoß. Der Fallschirm wird sogleich abgesprengt, die Crew macht sich an ihren Auftrag. So läuft das heute, so war das allerdings nicht immer.

    Luftlandung der Militärtechnik bei einer Übung (Archivbild)
    © Sputnik / Nikolaj Hischniak
    Luftlandung der Militärtechnik bei einer Übung (Archivbild)

    Zu Beginn der 1970er Jahre funktionierte jeder Luftlandeeinsatz noch so, dass erst das gepanzerte Gerät von schweren Transportmaschinen abgesetzt wurde und dann die Fallschirmjäger auf anderen Flugzeugen nachzogen. Diese Einsatzordnung hatte einen gewaltigen Nachteil: Der Kampftrupp konnte bis zu fünf Kilometer weit weg von seinem Einsatzfahrzeug landen. Kostbare Zeit ging dafür drauf, das Gerät zu suchen und einsatzbereit zu machen.

    Auf jede Sekunde kommt es an

    Klar, dass darunter die Effektivität eines Einsatzes litt: Für die Gegner waren die gelandeten Einheiten ein leichtes Ziel. Deshalb befahl General Wassili Margelow, seinerzeit Oberbefehlshaber der sowjetischen Luftlandetruppen, die Rüstzeit der Einheiten deutlich zu verkürzen. Die einzige Lösung: Die Mannschaft musste zusammen mit dem Gerät aus dem Transportflugzeug abgesetzt werden.

    Luftlandung der Militärtechnik bei einer Übung (Archivbild)
    © Sputnik / Nikolaj Hischniak
    Luftlandung der Militärtechnik bei einer Übung (Archivbild)

    So geschehen bei einem Versuch 1973 unweit der Stadt Tula. Aus einer zweimotorigen An-12 wurde zum ersten Mal ein bemannter Schützenpanzer abgeworfen.

    „Der Ausziehschirm fiel auf Kommando des Bordnavigators heraus, ging auf und entfaltete langsam den Hauptschirm“, erinnert sich Alexander Margelow, Sohn des legendären Generals. „Für einen kurzen Moment hingen wir kopfüber. Die Landung war hart, mit kräftigem Ruck. Unsere Köpfe, von Helmen geschützt, trommelten gegen die Kopfstützen. Dann war alles still.“

    Damals wurde das Absetzsystem unter dem Codenamen „Kentawr“ verwendet, „Zentaur“ also: Fünf runde Fallschirme mit einer Fläche von je 760 Quadratmetern bremsten den Schützenpanzer in der Luft ab. Dieser war dabei auf einer Plattform befestigt. Um die Stoßkräfte zu vermindern, wurden für die Fallschirmjäger spezielle Sitze in den Kampffahrzeugen verbaut, die sonst nur in der Raumfahrt verwendet wurden. Eingehende Tests an Dummies und Hunden zeigten gute Ergebnisse.

    Übung der russischen Luftlandetruppen (Archivbild)
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    Übung der russischen Luftlandetruppen (Archivbild)

    Das System funktionierte, doch das sowjetische Verteidigungsministerium hielt die Risiken für zu hoch. Erst als General Margelow seinen eigenen Sohn zu einem Landeeinsatz in einen Schützenpanzer abkommandierte, war der damalige Verteidigungsminister Andrej Gretschko überzeugt. Für einen echten Kampfeinsatz war der „Zentaur“ dennoch ungeeignet: Zu schwer, zu groß – um es zu transportieren, wurden mehrere Lastwagen benötigt. Und das Verladen ins Transportflugzeug dauerte bis zu fünf Stunden.

    Militärtechnik nach einer erfolgreichen Luftlandung während des gemeinsamen Manövers von russischen, weißrussischen und serbischen Streitkräften (Archivbild)
    © Sputnik / Nikolaj Hischniak
    Militärtechnik nach einer erfolgreichen Luftlandung während des gemeinsamen Manövers von russischen, weißrussischen und serbischen Streitkräften (Archivbild)

    Bis Ende der 1990er Jahre wurde für das Verteidigungsministerium das Landesystem „Bachtscha“ entwickelt. Dessen größter Vorteil: Es trägt einen vollbesetzten BMD-3 sicher und sanft zu Boden. Die tragenden Fallschirme sind deutlich kompakter, weshalb die Last schneller sinkt. Damit sie auch unversehrt landet, bremsen Hilfsraketen den Fall kurz vor dem Aufsetzen ab. Als modernisierte Version ist dieses System auch heute bei den russischen Fallschirmjägern im Einsatz, ausgelegt für die neuesten Schützenpanzer BMD-4 und BTR-MD.

    Luftlandung der Militärtechnik bei einer Übung (Archivbild)
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    Luftlandung der Militärtechnik bei einer Übung (Archivbild)

    Andere Armeen nehmen bislang Abstand davon, bemannte Kampfpanzer samt Crew aus Flugzeugen abzuwerfen. Die französischen Truppen hatten mal versucht, das sowjetische Experiment von 1973 nachzuahmen. Als Testperson wurde ein zum Tode verurteilter Häftling eingesetzt, dem im Falle des Erfolgs eine Begnadigung versprochen wurde. Bei der probeweisen Landeoperation verstarb der Gefangene aber.

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    Tags:
    Panzerwagen, Crew, Panzer, Militärtechnik, Luftlandung, BMD-4M, Luftlandetruppen, Sowjetunion, Russland