16:04 25 Juni 2018
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    Behälter der Tomahawk-Raketen auf einem Kriegsschiff

    Trophäenjagd in Syrien: Wie Nato-Geheimnisse an die Russen gelangen

    CC BY-SA 4.0 / Steven Fine / eigenes Werk (cropped)
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    Nikolai Protopopow
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    Kriegstrophäen landen selten im Museum. Viel häufiger gehen erbeutete Maschinengewehre, Panzer, Flugzeuge und Raketen in die Entwicklungszentren von Rüstungsfirmen. Fachleute erklären, wie wertvoll so ein Fang ist – und wie man ihn in die Hände kriegt.

    Zwei Tomahawk-Raketen sind bei dem Angriff der West-Koalition gegen Syrien im April dieses Jahres wegen technischer Defekte als Blindgänger abgestürzt. Die syrischen Regierungstruppen bargen die Flugkörper geborgen und übergaben sie an die russischen Kollegen. Der russische Generalstab erklärte sogleich: Die amerikanischen Lenkwaffen würden eingehend untersucht, um das so gewonnene Wissen bei der Weiterentwicklung neuer Waffenmuster zu verwenden. Beim besagten Syrien-Angriff kam die letzte Version der Tomahawks zum Einsatz: Block IV.

    „Dass wir nun über diese Flugkörper verfügen, ist eine gute Gelegenheit, die letzten Errungenschaften US-amerikanischer Ingenieure etwas genauer kennenzulernen“, schmunzelt der Militärexperte Michail Chodarenok, langjähriger Offizier der russischen Flugabwehrtruppe. „Unsere Spezialisten werden sicherlich großes Interesse daran haben, wie der Antrieb aufgebaut ist, wie die Navigationssysteme arbeiten, wie sie ihre Daten erhalten. Für unsere Rüstungsindustrie ist das natürliche ein echtes Geschenk. Wir werden jetzt noch besser verstehen, wie die Bordsysteme der Tomahawks lahmgelegt werden können.“

    Besonders relevant dürften die neuen Erkenntnisse für den russischen Elektronikkonzern KRET sein. Dieses Unternehmen entwickelt unter anderem Systeme zur elektronischen Abwehr sowie die Bordelektronik für russische Flugzeuge und Raketen.

    Das neugewonnene Wissen könnte dafür verwendet werden, den „elektronischen Kern“ derzeitiger russischer Waffensysteme zu modifizieren, sagt der Militärexperte Alexej Leonkow. „Die elektronischen Komponenten der heutigen Tomahawks – das sind vor allem das Zielsuch- und das TERCOM-System der neuesten Generation“, sagt der Fachmann. Letzteres ist ein Navigationssystem, das die Rakete durch einen Abgleich gespeicherter Geländekonturen mit der überflogenen Landschaft ins Ziel führt. „Die Auswertung dieser Komponenten wird die Möglichkeiten der russischen EloKa-Systeme bei der Bekämpfung der Tomahawks erweitern“, so Leonkow.

    Die Amerikaner werden gegen diesen für die Russen so wertvollen „Leak“ erstmal nichts tun können, erklärt der Experte Chodarenok: „Tausende Tomahawks stehen heute im Dienst der US-Armee. So schnell lassen sie sich nicht überarbeiten. Sie werden sicherlich weiter modernisiert und optimiert, aber die russischen Spezialisten wissen jetzt besser, worauf sie sich einstellen müssen.“

    Trophäenjagd mit langer Tradition

    Die Tomahawks, die vom syrischen Himmel fielen, sind nicht der erste Fall eines so wertvollen Geschenks für die russischen Rüstungsentwickler. Im Vietnam-Krieg etwa kehrte ein Kampfjet der Vietkong mit einer im Flügel steckenden amerikanischen Luft-Luft-Rakete auf die Heimatbasis zurück. Die Sowjetunion entwickelte gerade einen neuen Wärmesuchkopf für ihre Luft-Luft-Raketen – da kam der unbeabsichtigte Fang wie gerufen.

    Manchmal wurden bestimmte Waffenmuster auch gezielt gejagt. Im Afghanistan-Krieg setzten die Mudschahedin amerikanische Stinger-Raketen gegen russische Hubschrauber und Jagdbomber ein. Die russische Luftwaffe erlitt ständig schwere Verluste. Erst nachdem eine Spezialeinheit der sowjetischen Militäraufklärung GRU bei einem Sondereinsatz einige Exemplare dieser gefürchteten Waffe erbeutet hatten, konnten die Ingenieure den Schutz sowjetischer Flugzeuge spürbar verbessern.

    Und hier ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Bei der Friedensmission in Georgien im August 2008 fielen den russischen Truppen US-amerikanische Hummer-Jeeps in die Hände. So wertvoll wäre dieser Fang sicherlich nicht gewesen, wären die fünf erbeuteten Geländewagen nicht vollgespickt gewesen mit modernster Elektronik: modernste Kommunikations- und Aufklärungssysteme samt dazugehörigen Codes. Die US-Führung hat die Rückgabe dieser Jeeps bereits mehrmals gefordert. Doch Trophäen verbleiben bekanntlich beim Finder, so will es die Tradition.

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    Tags:
    Raketenangriff, US-Koalition, Terroristen, Marschflugkörper, Hummer, Tomahawk-Marschflugkörper, Stinger, GRU, Konzern Radioelektronische Technologien (KRET), Verteidigungsministerium Russlands, NATO, Vietnam, Georgien, Syrien, USA, Russland
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