00:11 18 November 2018
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    Bomber Tu-22M3

    Ein Stich ins Herz: Warum Nato-Strategen Tu-22 für einen Todesbringer hielten

    © Sputnik / Michail Woskresenski
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    Andrej Koz
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    Kurzer Anlauf auf der Startbahn, und die 85-Tonnen-Maschine hebt ab. Das markante Flugzeug mit der langen spitzen Nase düst hoch und verschwindet hinter den Wolken. Vor genau 60 Jahren – am 21. Juni 1958 – erhielten die Sowjets ein stichhaltiges Argument, das die Nato nicht ignorieren konnte: Der Überschallbomber Tu-22 startete zu seinem Erstflug.

    Seiner markanten Nase wegen hatten die Sowjetpiloten schnell einen Spitznamen für den neuen Bomber gefunden: „Schilo“ – ein Vorstecher, eine Ahle. Das Herz des Überschalljets waren die beiden Düsentriebwerke mit je 11.000 kp Schubkraft im Marschflug, je 5.500 kp konnte man zusätzlich aus den Nachbrennern herausholen. Die waren auch nötig: Die Sowjetunion brauchte einen schnellen, wendigen und universell einsetzbaren Bomber, der die Fähigkeit hätte, die Luftverteidigung der Nato zu überwinden. Es ging ums Überleben, denn in den 1950er Jahren verfügten weder die UdSSR noch die USA über Interkontinentalraketen – in einem Atomkrieg galten Bomber als Hauptwaffe.

    Mit bis zu 1.600 Stundenkilometern – ein mit den damaligen Düsenjägern vergleichbares Tempo – konnte die Tu-22 in den Luftraum des Gegners eindringen. Ihre Hauptwaffe waren Flugbomben unterschiedlichen „Kalibers“, auch solche mit nuklearen Sprengköpfen. Eine schlichte Bombenkarre war das Flugzeug aber sicherlich nicht. Die sowjetischen Ingenieure entwickelten weitere Varianten auf dessen Grundlage: Einen Fernaufklärer, ein Störflugzeug und einen Schiffsjäger, der mit der Überschall-Lenkrakete Ch-22 bewaffnet wurde. Die Flugkörper konnten mit einem konventionellen ebenso wie mit einem nuklearen Gefechtskopf bestückt werden, womit die Tu-22 selbst für die größten Nato-Schiffe eine ernsthafte Gefahr darstellte.

    Schwerer Start

    Lange Zeit galt die Tu-22 als das Sorgenkind der sowjetischen Luftwaffe. Und das völlig zurecht. In den Jahren 1958-1991 verloren die Sowjets 70 von insgesamt 311 in Serie gebauten Maschinen. Selbst der Erstflug endete mit einer Bauchlandung, buchstäblich: Bei der Landung konnte das Bugrad nicht ausgefahren werden, weshalb der Bomber mit dem Rumpf auf der Betonpiste aufsetzen musste. Dieses Vorserienflugzeug wurde ausgemustert, und der Testpilot Juri Alaschejew übernahm die zweite Versuchsmaschine. Mit dieser zweiten Tu-22 (Werknummer 105A) durchbrach er am 21. Dezember 1959 die Schallmauer. Und bezahlte dafür mit dem Leben: Das Höhenruder und die Stabilisatoren hielten die hohe Geschwindigkeit nicht aus, das Flugzeug geriet ins Trudeln – nur der Funker konnte sich gerade noch mit einem Fallschirm retten.

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    Auch später, im Dienst bei der Luftwaffe, entdeckten die Bomberpiloten Konstruktionsmängel bei der Tu-22. Die Position der Triebwerke unterhalb der Heckflosse führte dazu, dass die Maschine im Überschallbereich schwer kontrollierbar wurde, die Vibrationen des Fahrwerks brachten die Besatzung bei Starts und Landungen richtig ins Schwitzen, und das Bodenpersonal brauchte – wegen der anspruchsvollen Konstruktion der Tu-22 – einen halben Tag, um den Bomber auf den Einsatz vorzubereiten. Längst nicht alle Piloten konnten sich mit dieser schweren, schnellen und ziemlich zickigen Maschine anfreunden. Nur die Erfahrensten übernahmen das Ruder; in ihren Händen offenbarte der Bomber allerdings sein volles Potential.

    Fliegende Fata Morgana

    Am 22. September 1980 war es so weit: Es kam zur Feuertaufe der Tu-22. Aber nicht dort, wo der Eiserne Vorhang verlief, sondern im Nahen Osten. Ein Viergespann irakischer Tu-22 machte einen iranischen Militärflugplatz dem Erdboden gleich: Die Start- und Landebahn wurde durchgesiebt, etliche Kampfjets zerstört. Auch danach nutzte Bagdad den Überschallbomber für schwere Luftangriffe gegen iranische Ziele und verlor in den Kampfeinsätzen innerhalb von acht Jahren nur vier seiner zwölf Maschinen.

    Die Überlebensfähigkeit dieses Flugzeugs basierte auf dessen fortschrittlichen Systemen zur elektronischen Kampfführung. Einige der Maschinen, die der letzten Serien, wurden mit Störsendern ausgerüstet. Selbst wenn es iranischen Abfangjägern gelang, eine Tu-22 einzuholen, konnten sie ihre Raketen nicht gegen sie richten. Und dass die Kampfjets nah genug heran fliegen, um die Bordkanone einzusetzen, ließen die Crews der Tu-22 nicht zu. Wie zum Ausgleich der hohen Unfallrate war der Überschallbomber für die Abfangjäger und die Luftverteidigung des Gegners unerreichbar.

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    Am 23. März 1983 kam eine sowjetische Tu-22 bei einer Übung vom Kurs ab und drang für kurze Zeit in den iranischen Luftraum ein. Die Maschine flog, der Übungslage entsprechend, mit eingeschalteten Störsendern. Die iranische Luftwaffe alarmierte ihre F-14 Tomcats aus US-Fertigung. Den Bomber kriegten die Jäger nicht, dafür gerieten sie beinahe in einen Luftkampf gegeneinander.

    Die letzte Tu-22 wurde 1994 in Russland ausgemustert. Auf Grundlage der Erfahrungen, die mit diesem Bomber gesammelt wurden, ist die Tu-22M gebaut worden. Deren neueste Variante, die Tu-22M3, flog mehrmals Luftangriffe gegen IS-Stellungen in Syrien. Und das künftige Modell, die Tu-22M3M, die derzeit noch entwickelt wird, wird in der Lage sein, die neueste russische Luft-Boden-Lenkwaffe einzusetzen, die Ch-32.

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    Tags:
    Konflikt, Strategie, Waffen, F-14, Ch-22, Ch-32, Tu-22, NATO, Russland