00:32 19 Juli 2018
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    Übung der Panzertruppen im westlichen Wehrbezirk

    Schießen nonstop: Das russische „Panzerkarussell“ löst die klassische Offensive ab

    © Foto: Verteidigungsministerium Russlands
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    Dröhnende Dieselmotoren, rasselnde Laufketten, grollender Kanonendonner – vor wenigen Tagen haben Panzertruppen des russischen Militärbezirks West in einer Übung neue Einsatztaktiken ausprobiert. Auch Erfahrungen aus dem Syrien-Krieg sind in die neuen Verfahren eingegangen.

    Überraschend leichtfüßig stürmen stämmige Kampfkolosse auf einen steilen Hang. Geschossen wird auf Anhieb, nahezu unterbrechungsfrei. Circa drei Kilometer von der Schusslinie entfernt wird sonnenversengter Boden hochgeschleudert: Einschlag, einer nach dem anderen. Dort im freien Feld stehen Holzattrappen, die feindliche Panzer imitieren. Die Geschosse kommen dichtgedrängt herunter. Durch das Fernglas ist zu sehen, dass die allermeisten „Feindkräfte“ entweder zerstört oder schwer beschädigt sind.

    Die Panzertruppen der 20. Gardearmee des Militärbezirks West trainieren auf dem Truppenübungsplatz Pogonowo nahe der Stadt Woronesch neue Einsatzmethoden. „Dieses Verfahren heißt ‚Panzerkarussell‘. Es ist uns dadurch möglich, unbeschränkt lange den Gegner zu beschießen“, erklärt Hauptmann Roman Schtschegolew, Chef der Panzerkompanie.

    „Es sind drei, sechs, neun oder mehr Panzer gleichzeitig im Einsatz. Während einer schießt, lädt ein anderer in seinem Rücken nach, und der dritte fährt schon auf die Schussposition. So geht es immer weiter, ohne Unterbrechung, immer im Kreis. Das ist ein Schießen nonstop, solange die Munition reicht.“

    Die Panzerkompanie von Schtschegolew fährt auf altbewährten T-72-Panzern – allerdings in ihrer neuesten Variante T-72B3, die mit neuem Geschütz, digitalem Feuerleitsystem, stärkerem Motor und Reaktivpanzerung nachgerüstet wurde. Dem Fahrer steht in dieser Version ein Sprachassistent zur Verfügung. Der größte Vorteil der T-72-Familie ist die absolute Zuverlässigkeit unter allen Bedingungen, ob Hitze, Kälte oder hohe Luftfeuchtigkeit. Wenn mal was kaputtgeht, kann der Kampfpanzer mitten im Feld wieder fitgemacht werden. „Im Vergleich zu amerikanischen Abrams hat der T-72 noch einen Trumpf. Das ist die Ladeautomatik, die die Schussfrequenz deutlich erhöht“, sagt der Hauptmann.

    Das „Panzerkarussell“ funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie eine Revolvertrommel, nur dass statt den Patronen Panzer und statt der Kugeln Panzermunition zum Einsatz kommen. Das Verfahren wird angewendet, wenn die Lage unklar ist und die Panzertruppen nicht wissen, womit sie rechnen müssen. Hat der Gegner auch Panzer in Stellung gebracht? Oder ist er mit Panzerabwehrraketen und Granatenwerfern bewaffnet?

    Die intensive Einwirkung mit bis zu acht oder zehn Schuss pro Minute zwingt den Gegner irgendwann zurückzuschießen. Dafür muss er aber seine Tarnung aufgeben. „Stellen Sie sich vor, die Panzer schießen 10, 20, 30 Minuten lang ohne Unterbrechung“, sagt Schtschegolew. „Die Gegenseite hält das nicht aus, eröffnet auch das Feuer und zeigt so ihre Waffen. Da kommen dann unsere getarnten Scharfschützen-Panzer zum Einsatz. Das sind speziell ausgebildete Panzer-Teams, die die enthüllten Ziele durch Präzisionsschläge ausschalten – eins nach dem anderen.“

    Syrien: Lektion gelernt

    Lokale Konflikte haben klar gezeigt, dass Stellungskriege und klassische Offensiven längst überholt sind. Die Terroristen in Syrien haben keine Zeit darauf verschwendet, einen strategischen Angriffsplan auszuhecken, das Vorgehen in seinen Einzelzügen auf einer Karte aufzuzeichnen und dann zuzuschlagen. Vielmehr halten sie sich an die Taktik hochmobiler Guerillas: Die Stellungen der Regierungstruppen aufklären, überraschend mit hochagilen Dschihad-Trucks angreifen und genauso schnell wieder verschwinden.

    Zur Abwehr solcher Attacken ist ein „Panzerkarussell“ sehr effektiv, besonders in Verbindung mit dem „syrischen Wall“, einer hohen Aufschüttung aus Erde oder Sand mit größeren Auslassungen. Die Panzer bewegen sich permanent an diesem Erdwall entlang. Sobald sie wieder ein „Fenster“ erreicht haben, schießen sie durch. Nach jedem Schuss verstecken sie sich wieder hinter der Aufschüttung. Da das Kampfgerät sich ständig bewegt, ist es sehr schwer, darauf zu zielen. Und um die gegnerischen Beobachter vollends zu verwirren, bestimmt der Kommandant der Panzereinheit die Schussfolge aus den „Schießscharten“ im Schutzwall willkürlich. Diese Unregelmäßigkeit erweckt beim Gegner den Eindruck, als wären mehr Panzer im Einsatz als es wirklich sind.

    „Dieses Schema funktioniert auch bei geringer Panzeranzahl. Mit einem Panzerzug kann man eine Feuerintensität erzeugen, dass der Gegner denkt, er habe es mindestens mit einem Bataillon zu tun“, sagt Hauptmann Schtschegolew. „Wichtig ist außerdem, dass der Wall die schwächsten Stellen eines Panzers schützt, die Seitenwände. Es muss übrigens nicht unbedingt eine künstliche Aufschüttung sein, ein Straßendamm oder natürliches Gelände tun es auch.“

    Und auch wenn das „Karussell“ vorrangig eine Defensivtaktik ist, schafft sie die Voraussetzungen für einen raschen Wechsel zu einer Offensive: Die Panzer sind schon in Bewegung, die Crews sind aufgewärmt – ein Befehl und sie stürmen in der richtigen Formation los. „Der wichtigste Grundsatz einer Panzerbesatzung ist, dass sich alle ihre Mitglieder auch ohne Worte verstehen. Wir schauen uns von Anfang an genau an, wer wie mit wem kann. Wenn wir sehen, dass der Richtschütze und der Kommandant einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, kommen sie gleich in einen Panzer, müssen sich bei Schießübungen bewähren. Ein eingespieltes Team und eine lasche Mannschaft sind wie Himmel und Erde“, erklärt der Offizier.

    Noch ein interessanter taktischer Trick ist die „Hose“. Ein Panzer schießt abwechselnd aus zwei Schutzgräben, ohne sich länger als einige Sekunden an einer Stelle aufzuhalten: Rein in den Graben, Schuss, Rückwärtsgang einlegen, rein in den anderen Graben. Die Panzerabwehr des Gegners kommt da nicht mit, schafft es nicht, rechtzeitig darauf zu reagieren. Panzer-Crews können paar- oder kreuzweise agieren, auch in chaotischer Abfolge. „Das sind recht komplizierte Manöver, die Crews müssen darauf getrimmt sein“, erklärt Oberbefehlshaber Wladislaw Seliwestrow. „Wir üben ständig. Mindestens zwei Mal pro Woche Schießen, ein Mal pro Woche haben wir Fahrtraining.“

    In Deckung: Feuer!

    Außer dem „Karussell“, der „Hose“ und dem „syrischen Wall“ üben die Panzerfahrer der 20. Gardearmee auch den Klassiker: Schießen aus gedeckter Feuerstellung, wie man es schon im Großen Vaterländischen Krieg machte. Jetzt, da die Kampfpanzer mit Ferngeschützen und flugstabiler Munition ausgerüstet werden, bietet diese Taktik völlig neue Möglichkeiten. Der Punkt ist, den Gegner nicht direkt zu beschießen, sondern im Steilfeuer aus einem Versteck heraus, wie die Haubitzen.

    „Unsere Geschosse sind im Flug sehr stabil. Deshalb können wir aus langer Entfernung auf den Gegner einwirken“, sagt Oberstleutnant Seliwestrow. „Unsere Panzer sieht der Gegner dabei nicht, also kann er sie mit den üblichen Mitteln wie Granatwerfer oder Panzerabwehrraketen auch nicht bekämpfen. Er kann nur Artillerie oder Luftwaffe einsetzen, was aber Zeit erfordert. Diese Zeit lassen wir dem Gegner nicht: Unsere Panzer kommen, schießen und gehen.“

    Die Treffgenauigkeit ist bei richtiger Berechnung sehr hoch: Auf eine Distanz von acht Kilometern weicht das Geschoß nur um 15 bis 20 Meter von seinem Ziel ab. Was nicht verwunderlich ist, denn die T-72B3 bringen alles mit, was für den Erfolg solcher Einsatztaktiken nötig ist. Der neue Ballistik-Rechner zum Beispiel misst alle Parameter, die die Flugbahn des Geschosses beeinflussen können: die Geschwindigkeit des Ziels und des Panzers selbst, die Lufttemperatur, die Windverhältnisse und vieles andere mehr. Die Zielvorrichtung ist mit einem Nachtsichtgerät ausgestattet.

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    © YouTube / الاعلام الحربي

    „Das Nachtsichtgerät ist so leistungsstark, dass ich damit im Winter einmal einen Hasen aus zwei Kilometern erkannt habe“, scherzt der Oberstleutnant. „Klar, dass wir größere Ziele damit aus noch größerer Distanz erfassen können.“

    Doch wie leistungsstark ein Panzer auch ist, am Ende ist er auch nur ein Gerät, dessen Kampfwert von den Fähigkeiten und dem Teamgeist der Besatzung abhängt. Wie bei jeder anderen Waffe will auch die Bedienung eines Panzers gelernt sein. Bei den Einen wird ein Kampfpanzer zum leichten Ziel für den Gegner, in den Händen Anderer wird der Koloss zu einer ungreifbaren tödlichen Maschine.

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    Panzer, Militärübung, Modernisierung, Panzertechnik, Manöver, T-72-Panzer, Verteidigungsministerium Russlands, Woronesch, Russland
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