09:24 22 August 2018
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    Vorbereitungen auf den Start der Rakete RS-20 (Archivbild)

    Unterirdischer „Satan“: Warum Russland auf Atomraketen in Bunkern nicht verzichtet

    © Sputnik . Sergej Kasak
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    Nikolai Protopopow
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    Das schlagkräftigste Argument der strategischen Raketentruppen Russlands waren im Laufe von mehr als 40 Jahren die schweren ballistische Raketen R-36M Wojewoda (Nato-Code SS-18 Satan).

    Diese 200 Tonnen schweren Interkontinentalraketen in befestigten unterirdischen Silos sorgen für Kopfschmerzen bei US-Raketenabwehrexperten. Selbst ein präventiver Atomschlag würde diese in tiefen Schächten stationierten Raketen nicht zerstören können. In diesem Artikel berichten wir über die wichtigsten Vorteile der silogestützten Raketenkomplexe.

    Atom-Gigant

    Die Strategischen Raketentruppen Russlands können gleichzeitig mehrere Dutzend Raketen R-36M abfeuern. Jede Rakete ist mit zehn unabhängig steuerbaren Mehrfachgefechtsköpfen ausgestattet und kann in das gegnerische Gebiet ein thermonukleares Geschoss mit einer Kapazität von fünf bis acht Megatonnen abfeuern. Neben den realen Geschossen sind die Satana-Raketen mit mehreren schweren und leichten Täuschkörpern ausgestattet, die die Raketenabwehrsysteme des Gegners beim Anflug der Gefechtsköpfe zu den Zielen desinformieren.

    Die Last von fast neun Tonnen auf eine Distanz von mehr als 10.000 km bringen – das kann nur eine starke Rakete wie die Satana. Die Feststoffraketen des Typs Topol und Jars würden das nicht schaffen. Es ist nicht erstaunlich, dass die USA beim Abschluss des START-Vertrags den Schwerpunkt gerade auf die Reduzierung der Zahl der schweren silogestützten Flüssigstoffraketen legten.

    Die Sowjetunion verfügte damals über mehr als 300 Satan-Raketen. Laut dem Vertrag sollte genau die Hälfte davon vernichtet werden.

    Tief unter der Erde

    Bis in die 1960er-Jahre wurden die strategischen Raketenwaffen in der Sowjetunion in offenen Startkomplexen stationiert, die Startanlagen wurden fast nicht versteckt. Doch mit der Entwicklung der Aufklärungs- und Beobachtungssysteme wurden Raketen und die ganze technologische Ausstattung unter die Erde gebracht. Die ersten Silokomplexe waren für die langfristige Lagerung der Raketen R-12U und R-14U bestimmt. Diese Mittelstrecken-Einstufen-Raketenkomplexe  lieferten „atomare Post“ auf Entfernungen von jeweils 2000 und 4000 km.

    Das Silo war ein 30 Meter tiefer Brunnen mit einem Durchmesser von etwa sechs Metern. Unter der Erde wurden die Startrampe, Trägerkonstruktionen und Ventilationssysteme installiert, die für eine ständige Temperatur und Feuchtigkeit sorgten. Darüber wurde alles mit einer tonnenschweren Betondecke geschützt, die bei Bedarf per Schiene zur Seite geschoben werden kann. In solchen Bunkern wurden Raketen mehrere Jahre in ständiger Gefechtsbereitschaft gelagert.

    Die Silos wurden für jeden neuen Raketentyp modernisiert, ihr Schutzniveau wurde erhöht. Die moderneren unterirdischen Startrampen für ballistische Raketen UR-100 hatten bereits scharnierartige Öffnungssysteme – vor dem Start öffnete sich die mehr als 100 Tonnen schwere Decke innerhalb von 30 Sekunden. Die Raketen wurden im Herstellerwerk mit Treibstoff beladen, in spezielle Transport-Start-Container geladen und anschließend in die Silos gebracht. Sie befanden sich dort bis zum Ende ihrer Betriebsfrist.

    Undurchdringbarer Bunker

    Die Siloanlage des strategischen Komplexes Wojewoda ist eine noch mehr komplizierte Konstruktion. Zum ersten Mal in der Welt wurde das Schema des so genannten Minenwerferstarts eingesetzt. Der Feststoff-Gasgenerator sorgt für einen erhöhten Druck im unteren Teil des Transport-Start-Containers und stößt die 200 Tonnen schwere Rakete auf die Höhe von rund 20 Metern. Danach wird das Triebwerk der ersten Raketenstufe gezündet, und die Rakete geht in den Gefechtsmodus.

    Laut dem Raketenexperten Pjotr Below sind die R-36M-Raketen vor allem für die US-Raketenabwehr gefährlich, weil es fast unmöglich ist, sie in den Silos zu vernichten. Die Wojewoda-Raketen sind so gut geschützt, dass selbst ein massiver Atomschlag gegen das Stationierungsgebiet für sie keine Auswirkung hat.

    „Zur Zerstörung der Siloanlagen ist eine äußerst starke Wirkung nötig. Unsere Silos wurden für einen überhohen Druck bis 100 Atmosphären entwickelt. Zum Vergleich: Die Fensterscheiben in Häusern zerschlagen bei einem Druck von 0,05 Atmosphären, ein Gebäude wird bei 0,2 Atmosphären zerstört. Zudem wurden Situationen vorgesehen, wenn der Schutzkomplex mit Erde zugeschüttet sein sollte. Zur Säuberung gibt es spezielle Blasvorrichtungen, die per Pulverladung funktionieren – sie werden alles wegblasen, was über der Decke geblieben ist“, so der Experte.

    Die Silos für Atomraketen werden gewöhnlich in einem dichten Boden „gebohrt“. In einem Zylinder werden mit Pendeln ein Transport-Start-Container mit Kampfausstattung und Steuerungssystemen angehängt. Das wird gemacht, damit die Rakete bei der Beschädigung des Silos selbst unversehrt bleibt und nach draußen kommen kann. Beim Start wird das Dämpfungssystem hart blockiert.

    Ausstellung der Raketenmuster in der russischen Militärakademie
    © Sputnik / Pawel Gerassimow
    Eine ähnliche Konstruktion ist auch bei der Kommandostelle zu erkennen, aus der eine komplette Gruppe von Raketen gesteuert wird, die einige Kilometer voneinander entfernt sind. Die Kommunikation erfolgt via unterirdische Kabelkanäle. Ein bewohnbarer Container mit einem Durchmesser von drei Metern besteht aus 12 vertikal stationierten Sektionen mit verschiedener Ausstattung, Dieselgeneratoren, Ventilations- und Kühlsystemen. In den zwei unteren Sektionen befindet sich die Gefechtsbesatzung. Der Raketenkomplex funktioniert völlig autonom – bei Beginn von Kampfhandlungen kann er drei Tage autonom funktionieren.

    Selbst angesichts der Tatsache, dass die Stationierungsorte aller silogestützten Anlagen heute dem potentiellen Gegner bekannt sind, ist es nicht einfach, ein solches Silo mit einem direkten einzelnen Atomgeschoss zu treffen.

    „Die Amerikaner haben die höchste Waffenpräzision erreicht. Doch diese Präzision erfolgt bei den Starts, die parallel der Breitengrade erfolgen. Beim Flug über den Nordpol wird die ballistische Rakete von der Corioliskraft beeinflusst. Es ist unmöglich, diese einzuschätzen, denn weder wir noch die Amerikaner mit ihren ballistischen Raketen haben uns bisher gegenseitig beschossen“, sagte Below.

    Es habe keinen Sinn, mehrere Gefechtsköpfe gegen ein Silo zu lenken – sie werden nicht gleichzeitig am Ziel ankommen. Die Explosion des ersten Gefechtskopfs würde die nächsten anfliegenden Gefechtsköpfe zerstören.

    Was konventionelle Marschflugkörper betrifft, so ist deren Geschwindigkeit zu gering, um die silogestützten Komplexe im zentralen Teil Russlands zu erreichen – sie werden von Flugabwehrsystemen und Abfangflugzeugen aufgehalten. Auch wenn einige durchdringen können, sind für die Zerstörung allein der „Decke“ des Silos bis zu zehn Raketen erforderlich.

    Keine Alternative

    Nach dem Abschluss des START-Vertrags vernichtete Russland hunderte Silos mit schweren Raketen. Sie wurden mit Wasser geflutet, mit Beton zugeschüttet, die Raketen wurden ausgemustert. Jetzt verfügen die Strategischen Raketentruppen über rund 50 Raketen R-36M Wojewoda und mehrere Dutzend UR-100-Raketen sowie silogestützte Versionen der leichten Topol-M-Raketen.

    In den vergangenen Jahren setzen die Strategischen Raketentruppen auf mobile Jars-Komplexe. Die Mobilität soll auch eine hohe Standfestigkeit gewährleisten – die Raketenkomplexe sind getarnt und ständig auf Achse. Dank ihrer hohen Geländefähigkeit können sie ohne Straßen auskommen.

    Doch wenn ein Stahlbetonsilo nur mit einem direkten Schlag eines schweren Geschosses außer Gefecht gesetzt werden kann, kann ein mobiler Komplex selbst mit einer kleinen Kampfgruppe mit Granatwerfern bzw. einer starken Panzerabwehrmine vernichtet werden. Deswegen sind für jeden solchen Komplex spezialisierte Kampffahrzeuge und Überwachungseinheiten vorgesehen, die die Komplexe ständig begleiten.

    Allerdings hat man nicht vor, auf die unterirdischen Startanlagen vollständig zu verzichten – die Raketeneinheiten bekommen auch Siloversionen der Jars-Raketen. Zudem wird in den nächsten Jahren der Nachfolger von Wojewoda – der schwere Komplex der neuen Generation — RS-28 Sarmat — in Dienst genommen. Seine Reichweite liegt bei mehr als 11.000 km, die Rakete kann zehn bis 15 spaltbare Gefechtsköpfe mit einer Kapazität von jeweils 750 Kilotonnen tragen. Die Startsilos der neuen Raketen werden maximal geschützt sein – zur vollständigen Vernichtung eines Silos werden mindestens sieben hochpräzise Atomschläge erforderlich sein.

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    Tags:
    Waffen, Bunker, Atomwaffen, Rakete, START-Vertrag, Rakete RS-20W (SS-18 Satana), R-36M, USA, Russland
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