14:23 18 Oktober 2018
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    Produktion der Unterkalibermunition in RusslandPanzer T-72B während der Übungen (Symbolbild)

    Diesem „Pfeil“ ist keine Panzerung gewachsen: Was Wuchtgeschosse so gefährlich macht

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    Andrej Koz
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    Vielmehr als eine Delle würde an der Einschlagstelle wahrscheinlich nicht bleiben, wenn man einen Kampfpanzer von heute mit einem Geschoss aus dem Zweiten Weltkrieg beschießt. Moderne Panzerplatten muss man im wahrsten Sinne des Wortes durchstechen – durch Härte, Wucht und Hitze. Die sogenannte Unterkalibermunition macht es möglich.

    Anhand der Bezeichnung wird schon deutlich: Unterkalibergeschosse haben ein kleineres Kaliber als das Rohr, aus dem sie verschossen werden. Aufgebaut ist solcherart Munition aus einem Treibkäfig vom Durchmesser einer Panzerkanone, in dessen Mitte sich ein Pfeil aus Wolfram oder abgereichertem Uran befindet, das dann auch die Platten des gegnerischen Kampfpanzers durchschlägt.

    Den Treibkäfig muss man sich als eine Art Ummantelung vorstellen, die nur dazu dient, das eigentliche Projektil auf die erforderliche Geschwindigkeit zu beschleunigen. Beim Austritt aus der Rohrmündung zerfällt der Treibkäfig durch den hohen Luftwiderstand – übrig bleibt nur der harte spitze Pfeil, der mit enormer kinetischer Energie auf das Ziel zusteuert. Durch geringeren Widerstand durchdringt dieser Penetrator die Zieloberfläche wesentlich wirksamer als ein stumpfes Faustgeschoss.

    Die Wirkung des Pfeils auf der Rückseite der durchdrungenen Zielfläche ist verheerend. Dank der relativ geringen Masse von dreieinhalb bis vier Kilogramm erreicht das Projektil unmittelbar nach dem Mündungsaustritt eine Geschwindigkeit von circa 1500 Metern pro Sekunde. Beim Aufprall bohrt der Penetrator eine kleine Öffnung in die Panzerplatte: Die kinetische Energie des Pfeils verformt die Panzerung teils durch Druck, teils durch Umwandlung in Hitze.

    Die glühenden Pfeil- und Panzerungssplitter breiten sich fächerartig im Inneren des Kampfpanzers aus, treffen die Besatzung, schlagen auf Systeme ein, entfachen Feuer. Durch einen präzisen Treffer eines Wuchtgeschosses können wichtige Systemkomponenten beschädigt, die Panzercrew getroffen, die Treibstofftanks durchgeschlagen, der Munitionsvorrat an Bord gesprengt, der Antriebsstrang des Panzers zerstört werden.

    Panzerbrechendes flügelstabilisiertes Unterkalibergeschoss (APFSDS)
    Panzerbrechendes flügelstabilisiertes Unterkalibergeschoss (APFSDS)

    Die Projektile können unterschiedlich ausgelegt sein: mit nur einem oder mehreren Penetratoren innerhalb des Treibkäfigs, mit mehreren Arten der Flügel- und Finnenstabilisierung. Die Treibkäfige weisen unterschiedliche aerodynamische Eigenschaften auf, sind aus Stahl, Legierungen oder Verbundwerkstoffen gefertigt, aus Kohlefasern oder Aramiden zum Beispiel. An der Spitze des Projektils kann eine Kappe oder ballistische Haube für die Optimierung der Aerodynamik montiert sein. Kurzum: Für jede Kanone, jedes Ziel und jede Umgebung gibt es das passende Unterkalibergeschoss.

    Ein 120-mm-Geschoss der israelischen Waffenfirma IMI. Im Vordergrund: Das US-amerikanische M829-Geschoss – das von IMI in Lizenz gefertigt wird.
    Ein 120-mm-Geschoss der israelischen Waffenfirma IMI. Im Vordergrund: Das US-amerikanische M829-Geschoss – das von IMI in Lizenz gefertigt wird.

    Die wichtigsten Vorteile dieser Munition sind die hohe Anfluggeschwindigkeit und Durchschlagkraft, die geringe Anfälligkeit für die Abwehr durch Reaktivpanzerung, die relativ hohe Widerstandskraft gegenüber den Aktivschutzsystemen, die es einfach nicht schaffen, rechtzeitig auf den kleinen und schwer zu ortenden Pfeil zu reagieren.

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    Mango und Blei

    Für die 125-mm-Glattrohrkanonen der russischen Kampfpanzer sind noch zu Sowjetzeiten etliche flügelstabilisierte Panzerbrecher entwickelt worden. Als die Nato den M1-Abrams und den Leopard-2 in Dienst stellte, benötigten die Sowjettruppen eine Munition, die imstande wäre, die Reaktivpanzerung zu überwinden und die gehärteten Panzerschichten zu durchdringen. Seit 1986 sind die wesentlichen russischen Kampfpanzer T-72, T-80 und T-90 zu diesem Zweck mit dem Hochleistungsgeschoss ZBM-44 „Mango“ bewaffnet.

    „Mango“ hat eine ziemlich aufwendige Konstruktion: An der Spitze des Projektils ist eine ballistische Kappe installiert, darunter befindet sich eine panzerbrechende Kappe, hinter der wiederum ein panzerbrechender Dämpfer eingebaut ist, der beim Durchdringen der Panzerung auch eine wichtige Rolle spielt.

    Gleich nach dem Dämpfer folgen zwei Pfeile aus einer Wolframlegierung, die von einem Mantel aus einer Leichtmetalllegierung gehalten werden. Beim Aufprall auf die Zielfläche schmilzt der Mantel und setzt die beiden Pfeile frei, die sich in die Panzerung hineinbohren. Stabilisiert wird das Geschoss durch fünf hintere Finnen. Nur fünf Kilogramm wiegt diese „Brechstange“, doch durchbricht sie einen halben Meter Panzerung aus zwei Kilometern Entfernung.

    Russischer Panzer vom Typ T-90
    © Sputnik / Ramil Sitdikov
    Russischer Panzer vom Typ T-90

    Das neuere Wuchtgeschoss ZBM-48 „Swinez“ („Blei“) ist bei den russischen Truppen seit 1991 im Einsatz. Es ist das massivste russische Geschoss dieser Klasse: Der Aktivteil des Projektils weist eine Länge von 63,4 Zentimetern auf, was die Durchschlagwirkung erheblich steigert und gleichzeitig die Gegenwirkung der Reaktivpanzerung verringert. Denn je länger der Aktivteil des Projektils, desto kleiner ist jener Abschnitt, der in einer bestimmten Zeit mit den Schutzsystemen des Panzers in Kontakt kommt.

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    „Swinez“ ist das leistungsstärkste 125-mm-Geschoss der russischen Panzertruppe. Sein Penetrator wird aus einer Uranlegierung gefertigt, der Treibkäfig besteht aus Verbundwerkstoffen, Flügelstabilisatoren erhöhen die Treffgenauigkeit. Laut Werksangaben schlägt das Projektil aus zwei Kilometern Entfernung eine 650 Millimeter dicke Stahlplatte durch.

    Medien berichten indes, dass für den neuen russischen Kampfpanzer T-14 Armata bereits neue Wuchtmunition entwickelt wurde und nun getestet wird: „Wakuum-1“ heißen die Geschosse – bei 900 Millimetern Länge sollen sie fast eine Panzerplatte von knapp einem Meter Stärke durchbrechen können. Doch die Konkurrenz schläft auch nicht: Der Rüstungskonzern Orbital ATK hat 2016 bereits die Produktion eines Unterkaliberwuchtgeschosses der fünften Generation für den Panzer Abrams aufgenommen. Angeblich durchsticht dieser Pfeil bis zu 770 Millimeter Panzerstahl.

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    Rolle, Abwehr, Kanone, Panzer, Entwicklung, Munition, T-14-Panzer, Kampfpanzer T-90, T-80, T-72-Panzer, M1-Abrams, Russland