02:41 20 September 2018
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    Atomkraftwerk in Juschnoukrainska

    Gefahr für ganz Europa: Abbruch des Atom-Deals zwischen Ukraine und Russland

    © AFP 2018 / Genya Savilov
    Technik
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    Natalia Pawlowa
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    Probleme in ukrainischen AKWs sind mit der Installation der Kernblöcke des US-Unternehmens Westinghouse und mit dem Missverständnis aller technischer Details des Prozesses vonseiten des offiziellen Kiews verbunden.

    In einem Sputnik-Interview schließt ein Rosatom-Experte Unfälle in ukrainischen AKWs mit negativen Folgen für die Nachbarländer nicht aus.

    Für die Ukraine sind Deals mit Westinghouse ein politischer Schritt, der darauf abzielt, eine Energieabhängigkeit von Russland zu vermeiden. Für seinen amerikanischen Partner bedeute das die Möglichkeit, einen neuen vorteilhaften Markt zu betreten, sagt Valeri Menschikow, Mitglied des öffentlichen Rates vom russischen Energiekonzern Rosatom, im Gespräch mit Sputnik.

    „Alle nach dem sowjetischen Muster gebauten Reaktoren waren nur für den vom russischen Unternehmen TVEL produzierten Kernbrennstoff geeignet. Die Zirkonium-Röhren, in die Tabletten mit Uran eingelegt werden, sind russisches Know-how. Das amerikanische Unternehmen Westinghouse Electric Corporation versucht, mit seinem teureren Kernbrennstoff in den ukrainischen Markt einzudringen. Aber man sollte sich an den Unfall im tschechischen Kernkraftwerk Temelin erinnern, wo dieser Brennstoff verwendet wird. Russische Fachkräfte waren an der Beseitigung der Havarie beteiligt. Die Lage war dort einfach bedrohlich. Man denke auch an den Unfall in Fukushima in Japan, der den Ruf von Westinghouse verschlechtert hat. Auch in den ukrainischen AKWs gab es Vorfälle. Der Versuch, russischen Brennstoff vom ukrainischen Markt zu verdrängen, kann gefährliche Ereignisse zur Folge haben.“

    Die Ukraine bezieht mehr als 50 Prozent der gesamten Energie aus Atomkraftwerken – das ist eine wichtige Energiequelle für ein Land in einer Wirtschaftskrise. Vier Atomkraftwerke mit 15 Reaktorblöcken sind in Betrieb. Das Kernkraftwerk Saporischschja mit sechs Reaktorblöcken ist das größte Kernkraftwerk in Europa. Alle Reaktorblöcke wurden in der Sowjetunion entwickelt. Alle Konstruktionsbüros und Institute befinden sich in Russland. Sie haben auch alle technischen Unterlagen. Deswegen droht ein Abbruch der Beziehungen zu Russland mit Vorfällen in ukrainischen Reaktoren, die nach Ablauf der 30-jährigen Betriebszeit eine Modernisierung erfordern. Permanente Ausfälle von Energieblöcken, gefährliche Experimente mit US-amerikanischen Brennelementen und der immense Personalverlust zeugen vom Zerfall der ukrainischen Atomenergiewirtschaft.

    „In der Ukraine gab es tolle Spezialisten und Leiter von Kernkraftwerken. Nach Tschernobyl wurde viel für ihre Sicherheit getan. Es ist sehr beunruhigend, dass qualifizierte Ingenieure und Techniker die Ukraine aus verschiedenen Gründen verlassen. Sie gehen nach Russland oder in andere Länder. Es kommt dann eine junge Generation, die jedoch ohne jene hochtechnische Schule geblieben sind, die sich nach Tschernobyl entwickelte. Heute ist die Sicherheit in der Ukraine ins Wanken geraten, und das sollte nicht nur Russland beunruhigen.“

    Im Jahr 2017 hat die Ukraine in Russland für 369 Millionen Dollar und bei Westinghouse für 164 Millionen Kernbrennstoff gekauft. Die US-amerikanischen Brennelemente sind viel kostspieliger als der russische Brennstoff. Trotzdem hat die Ukraine den Vertrag bis 2025 verlängert und damit deutlich gemacht, auf russische Lieferungen endgültig verzichten zu wollen. Bei 60 Prozent der ukrainischen Reaktoren wird heute der russische Brennstoff verwendet, und bei 40 Prozent kommen die Westinghouse-Brennelemente zum Einsatz. Und das ist schon Realität. Ukrainische AKWs seien geographisch so gelegen, dass sie im Falle eines schweren Unfalls benachbarte Länder treffen können, so der Atomenergieexperte.

    Tschernobyl und Fukushima haben uns eine Lehre erteilt. Offenbar wurde ein riesiger Raum verschmutzt, weit über die Grenze hinaus. Die Situation in der Ukraine droht mit eventuellen Vorfällen, wenn auch nicht vergleichbar mit Tschernobyl. Aber die Strahlung kennt keine Grenzen – sie wird einfach durch den Wind verbreitet. In Schottland gibt es immer noch Verschmutzungszonen nach Tschernobyl, umgeben von Stacheldraht, wo man keine Schafe weiden darf.“

    Dem Atomexperten zufolge sollten die Internationale Atomenergiebehörde IAEO und die Europäische Atomgemeinschaft EURATOM die heutige Lage der ukrainischen Kernindustrie im Fokus haben.

    „Es erscheint mir seltsam, dass die europäischen Behörden den ukrainischen AKWs wenig Aufmerksamkeit schenken. Die IAEO, so wurde uns gesagt, verfolgt aufmerksam die Ereignisse in der Ukraine, zieht aber keine Schlüsse und gibt lediglich höfliche Empfehlungen. Eventuelle Risiken werden aus irgendeinem Grund durch politische Invektiven ersetzt: Man müsse Russland als Aggressor ablehnen. Europa hat jedoch nichts zu bieten, um die ukrainischen Atomkraftwerke zu modernisieren. Das ist eine sehr gefährliche Situation.“

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    Tags:
    Explosion, Gefahr, AKW, Atomkraftwerk, Atomenergie, Brennstabhersteller TVEL, Fukushima, Tschernobyl, Ukraine