09:07 17 Dezember 2018
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    Präsentation von dem Smartphone FlexPai

    Flop vorprogrammiert: Darum haben faltbare Smartphones keine Zukunft

    © AP Photo / Ng Han Guan
    Technik
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    Anfang November 2017 hatten gleich zwei Konzerne neue faltbare Smartphones angekündigt. Andere Hersteller entwickeln derzeit auch Modelle dieser Art. Ob es sich dabei um einen neuen Trend oder um eine neue „technologische Sackgasse“ handelt, analysierte die Online-Zeitung Gazeta.ru.

    Zusammenfalten

    Zwei faltbare Smartphones, die im November 2018 dem Publikum präsentiert wurden, haben die Experten in zwei Lager gespalten. Einige von ihnen halten faltbare Smartphones für einen neuen Trend. Die anderen zeigen sich eher skeptisch und erwarten, dass Gadgets mit biegsamen Displays bestenfalls „Spielzeuge“ für „Geeks“ werden könnten. Und im schlimmsten Fall werden sie bald in Vergessenheit geraten — genauso wie 3D-Fernsehgeräte, Google-Glass-Brillen oder Smartphones mit dem Betriebssystem Windows Phone.

    Der Smartphone FlexPai der kleinen chinesischen Firma Royole wurde nur wenige Tage vor dem Modell Infinity Flex des koreanischen Riesen Samsung vorgestellt. Das war keine einfache Koinzidenz: Die Chinesen wollten unbedingt vom Hype um den neuen Formfaktor profitieren —  und hatten dabei auch Erfolg. Der mediale Effekt von dieser „Doppel-Präsentation“ der flexiblen Smartphones war durchaus spürbar.

    Laut Informationen von Gazeta.ru bemühen sich auch die Konzerne Huawei und LG mit der Entwicklung von Falt-Smartphones.

    Aber worum handelt es sich dabei eigentlich?  FlexPai hat ein hervorkehrbares 7,8 Zoll großes Display. Dieses hat gleich drei Seiten: die Vorder-, die Hinter- und die Randseite.

    Infinity Flex ist ein komplizierteres Gerät, das gleich zwei Displays hat. Das erste, 7,3 Zoll große, kann nach innen gefaltet werden, aber auf der Randseite des gefalteten Geräts gibt es noch einen üblichen OLED-Bildschirm.

    Manche Branchenkenner halten faltbare Smartphones für die einzige Richtung, in der ein qualitativer „Sprung“ bei der Entwicklung der mobilen Elektronik für einfache Verbraucher möglich wäre.

    Der Chefanalyst von Mobile Research, Eldar Murtasin, verwies darauf, dass der Haupttrend der letzten Jahre in der Vergrößerung des Displays und des so genannten „Screen-to-body“-Verhältnisses bestand.

    „An diesem ‚Rennen‘ beteiligten sich alle Hersteller, und inzwischen beträgt das ‚screen-to-body-ratio‘ beinahe 100 Prozent, und Displays sind inzwischen 6,5 bis sieben Zoll groß. Jetzt ist es unmöglich, die Displays noch weiter zu vergrößern, ohne der Ergonomie zu schaden. Ein faltbarer Bildschirm wäre der einzige Weg, seine Oberfläche zu vergrößern, ohne dass das Smartphone noch größer wird“, betonte Murtasin.

    Er vermutete, dass Falt-Smartphones in den kommenden zehn Jahren zum „Mainstream“-Trend werden könnten.

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    Wichtig sei auch, dass das Seitenverhältnis bei Infinity Flex ungefähr 4:3 ausmache, so dass die Nutzfläche seines 7,3 Zoll großen Displays wesentlich größer als die der Geräte mit 6,5 Zoll großen Bildschirmen mit dem Seitenverhältnis 18:9 sei. Das bedeute, dass der Flächenunterschied bei üblichen und faltbaren Smartphones beträchtlich sei, so Murtasin.

    Er vermutete, dass faltbare Smartphones zunächst enorm teuer (etwa 1600 Dollar) sein werden. Mittelfristig würde der Preis aber auf etwa 1000 Dollar und in fünf Jahren auf 500 Dollar sinken, prognostizierte der Experte.

    Zwar High-Tech, aber unbequem

    Der Trend der letzten Jahre zur Display-Vergrößerung ließ sich großenteils darauf zurückführen, dass Nutzer immer öfter Videos auf ihren Smartphones sehen, dass soziale Netzwerke immer populärer werden – und dafür ist nun einmal ein größerer Bildschirm besser geeignet.

    Die Logik der Hersteller, die sich mit dem Problem Ergonomik bei großen Smartphones befassen, ist zwar nachvollziehbar, doch die Anwendung des neuen Formfaktors ruft einige wichtige Fragen hervor.

    So findet Olga Babinina (IDC), dass die ersten Falt-Smartphones zu teuer seien und zudem viele technische Mängel haben, um wirklich populär zu werden. Sie verwies nämlich auf die enorme Größe und die entsprechend schlechte Ergonomie von FlexPai. Hinzu komme seine Brüchigkeit, wenn das Gerät aus der Höhe fallen sollte. Denn es habe immerhin gleich drei Displays auf verschiedenen Seiten.

    Zu den Mängeln des Modells Infinity Flex zählte  die IDC-Expertin die Dicke und den hohen Preis des Geräts. Außerdem zeigte sie sich überzeugt, dass Google für die effiziente Arbeit von Falt-Smartphones das Betriebssystem Android wesentlich vervollkommnen müsste.

    Auch Experte Denis Kuskow (Telecom Daily) glaubt nicht an die positiven Perspektiven von Falt-Smartphones. Nach seiner Auffassung geht es dabei um ein „Nischenprodukt“, und Nutzer haben vorerst keine offensichtlichen Gründe, gerade solche Smartphones zu wählen.

    „Vielleicht in der Zukunft wird es irgendwelche neuen Funktionen und Apps geben, die für solche Displays geeignet wären. Aber die Nutzer müssen sich daran noch gewöhnen“, so Kuskow.

    Zudem zeigte er sich überzeugt, dass die Hersteller sich für den neuen Formfaktor nicht umsonst entschieden haben: Auf dem Smartphone-Markt lasse sich schon seit einiger Zeit eine Stagnation beobachten.

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    Viele Experten, die die Präsentationen von Samsung und Royole besuchten, stellten fest, dass die dabei vorgestellten Modelle tatsächlich offensichtliche Mängel aufweisen. Zudem sehen sie in der Realität nicht so effektvoll wie auf Glanzbildern aus.

    Und noch ein Argument der Kritiker von Falt-Smartphones besteht darin, dass Tablet-PC mit sieben bis acht Zoll großen Bildschirmen in den letzten Jahren viel schlechter als früher verkauft werden. Laut Gartner ist der Tablet-PC-Markt von 229 Millionen 2014 auf „nur noch“ 163 Millionen 2017 geschrumpft.

    Dabei werden die meisten von diesen Geräten in der niedrigsten Preiskategorie verkauft und überwiegend von Taxifahrern, Lagermeistern, Verkäufern usw. genutzt. Es ist also unklar, wie Marktforscher Nutzer von Premium-Geräten für 1500 bis 2000 Dollar überzeugen könnten, dass ein Smartphone mit einem sieben oder acht Zoll großen Display ein prestigeträchtiges, modisches und im Allgemeinen cooles Ding ist. Mit dem entfalteten Bildschirm sieht ein solches Smartphone tatsächlich wie ein billiges Attribut eines Taxifahrers aus.

    Aber selbst wenn sich der neue Formfaktor am Ende als Flop erweisen sollte, bedeuten die neuen Nutzungsszenarien gute Nachrichten für die Verbraucher. Denn das Smartphone-Format gibt es schon seit zehn Jahren. Und solche Geräte wie Computermaus und Tastatur wurden schon vor 50 beziehungsweise 34 Jahren entwickelt.

    Experte Murtasin sagt, dass die Evolution der Digitalgeräte dazu führen werde, dass Smartphones, Desktops und Notebooks am Ende von irgendeinem universalen Digitalgerät abgelöst  werden könnten. „Dafür müssten neue Eingabegeräte, neue Interfaces, neue universale Displays für verschiedene Nutzungsszenarien entwickelt werden. Falt-Smartphones machen nicht die einzige Entwicklungsrichtung des Smartphone-Designs aus. Es gibt bereits Konzepte auf der Basis von OLED-Rolldisplays, Projektionstastaturen, Geräten für Toneingabe und Gestenverwaltung“, so der Analyst.

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    Falt-Smartphones, Display, Problem, Zukunft, Preis, Analyse, Entwicklung, Infinity Flex, FlexPai, LG, Huawei, Google