11:05 11 Dezember 2018
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    Autoverkehr (Symbolbild)

    Unerhört – Elektroautos dürfen nicht mehr leise sein

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    Technik
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    Bolle Selke
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    Weil sie vor allem für Sehbehinderte und Radfahrer eine Gefahr darstellen, sollen Elektro-Autos mehr Lärm machen. Ab 2109 müssen sie in der EU mit sogenannten Acoustic Vehicle Alerting Systemen ausgerüstet werden.

    Bereits 2014 hat die Europäische Union die Verordnung 540/2014 erlassen. Demnach müssen ab nächstem Jahr alle neu entwickelten Hybrid- und Elektrofahrzeuge akustische Fahrzeug-Warnsysteme (Acoustic Vehicle Alerting System — AVAS) besitzen.

    Auch für Sehende eine Gefahr

    „Für einen sehr eingeschränkten Menschen, wie einen Blinden und Sehbehinderten, bedeutet ein lautloses Auto im Verkehr sehr große Unsicherheit“, sagt Gerhard Renzel vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Gerade akustische Wahrnehmungen von Fahrzeugen aller Art seien für die Sicherheit dieser Personen unheimlich wichtig. 

    Eine Studie der US-amerikanischen Verkehrsbehörde NHTSA ergab schon 2009, dass die Wahrscheinlichkeit eines Fußgängerunfalls bei Elektrofahrzeugen „doppelt so hoch“ sei wie bei ihren konventionellen Pendants. In der Folge erließ die US-Behörde eine Vorschrift, die einen akustischen Warnton bei Stromern vorschreibt – in den USA muss der Ton anhalten, bis die Schwelle von etwa 30 Stundenkilometern überschritten wird.

    In der EU müssen AVAS nur bis 20 Stundenkilometern eingesetzt werden.  Renzel, Leiter des Gemeinsamen Fachausschusses für Umwelt und Verkehr beim DBSV, kritisiert dies. Erst ab 30 Stundenkilometern seien Fahr- und Rollgeräusche so eindeutig, dass man das Fahrzeug auch ohne Zusatzeinrichtung erkennt:

    „Es hat ja auch schon mehrere Unfälle gegeben, nicht nur mit Blinden oder Sehbehinderten, sondern auch mit anderen Verkehrsteilnehmern, die sich unbewusst auf das Gehör verlassen, die Fahrzeuge nicht wahrnehmen und dann getroffen werden.“

    Wie klingt ein E-Auto?

    Welche Geräusche sollen die Stromer erzeugen? Die EU-Verordnung regelt lediglich, dass "das Schallzeichen mit dem Geräusch eines Verbrennungsmotors vergleichbar" sein müsse. Die ersten Geräuschentwürfe für die AVAS seinen erschreckend gewesen, sagt Renzel:

    „Vogelzwitschern und alle möglichen Geräusche aus dem Alltag. Die Automobilindustrie sagt ganz klar: Wir brauchen in dem Bereich auch ein Wiedererkennungsgeräusch unserer Fahrzeuge.“

    Ein Klangbeispiel findet man auf der Internetseite der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen. Für sehr problematisch hält Renzel die Festlegung auf eine obere Lautstärkengrenze von 56 Dezibel. Weil man im Verkehrsraum ganz unterschiedliche Lärmpegel habe, sei diese Entscheidung für Blinde „total negativ“, erklärt Renzel, selber vollblind ohne Lichtwahrnehmung:

    „Es gibt laute Umgebungen und Nebenstraßen, die ganz ruhig sind. In etwas lauterer Umgebung hört man dieses Singal nicht. Wenn es bei dieser Lösung so bleibt, besteht weiterhin eine große Gefahr für Blinde und Sehbehinderte im Straßenverkehr. Wir fordern von der Autoindustrie, dass das AVAS auch Geräuschabhängig geregelt werden kann.“

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    AVAS gegen Aufpreis

    Auch die technischen Veränderungen in der Fahrzeugentwicklung müsse man zeitnah mitbeachten und entsprechend nachbessern. Am meisten regt Renzel aber auf, dass die deutschen Automobilhersteller das AVAS-System nur gegen Aufpreis anbieten:

    „Das wäre, als wenn ich mir ein Auto kaufen würde und einen Aufpreis für einen Scheibenwischer, oder fürs Licht zahlen müsste.  Fahrzeuge, die in die USA ausgeliefert werden, müssen schon ein AVAS-System haben, Aufpreise gibt es da nicht.“

    Auch Zweiräder sind geräuschlos

    Seit Jahren bemühen sich die Entwickler Autos so leise wie möglich zu bekommen. Nun, wo Stromer so gut wie keinen Lärm mehr von sich geben, bekommen sie künstliche Geräuschgeneratoren eingebaut. Die Ironie der Situation ist auch dem Verkehrsexperten Renzel nicht entgangen:

    „Wir Betroffene unterscheiden uns da überhaupt nicht von den übrigen Verkehrsteilnehmern. Wenn man in so einem Elektroauto fährt, ist das ein Genuss. Gerade Nichtsehende stören solche Geräusche wie Motorheulen.“

    Fahrer oder Mitfahrer würden mitunter sehr belastet, wenn sie dauernd das auf- und abschwellende Geräusch der AVAS hören müssten. Während es bei den Wagen der Mittel oder Oberklasse dieses Problem nicht gebe, fordere der DBSV auch bei kleineren Fahrzeugen eine umfassende Lärmisolierung.

    Auch elektronische Zweiräder, wie Roller beispielsweise, sind aufgrund ihrer Geräuschlosigkeit sehr gefährlich. Diese wurden allerdings zurückgestellt, um mit den AVAS-Systemen für PKW, Busse und LKWs erst einmal die technischen Voraussetzungen zu schaffen.  Renzel sieht an dieser Stelle einen „großen Handlungsbedarf“.

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    Das komplette Interview mit Gerhard Renzel zum Nachhören:

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    Tags:
    Elektroauto, Fahrzeuge, System, Sicherheit, EU, Europa, USA