09:34 14 Dezember 2018
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    Autoverkehr in Hamburg

    Autofahren in Städten: „Subventionierte Asozialität“

    © REUTERS / Fabian Bimmer
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    Bolle Selke
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    In mehreren deutschen Städten wurden von Gerichten Dieselfahrverbote für Diesel der Euronorm 4 und 5 festgelegt. Diese seien aber kein wirklicher Lösungsansatz, sondern nur eine Taktik zum Verkauf neuer Automodelle, so Hermann Knoflacher. Der renommierte Experte für Verkehrsplanung fordert tiefer greifende Maßnahmen.

    Zahlreiche Gerichte ließen in deutschen Städten Dieselfahrverbote für 2019 verhängen. Betroffen sind unter anderem Hamburg, Stuttgart, Aachen, Frankfurt am Main, Berlin, Köln, Bonn und Essen. Für Hermann Knoflacher, emeritierter Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien, ist dies nur eine Taktik für den Verkauf neuer Modelle. Er fordert im Sputnik-Interview:

    „In Wirklichkeit müsste man die Autos aus den Städten entfernen und nicht nur bestimmte Fahrzeuge. Das Problem ist das Auto an sich.“

    Keine Randbedingung für Autofahrer

    Pendler sind allerdings schon bei den bevorstehenden Fahrverboten auf Teilstrecken für ältere Diesel verärgert. Bei weitestgehend autofreien Städten würde die Empörung höchstwahrscheinlich weit stärker ausfallen. Unter den gegeben Umständen kann dies Knoflacher, globaler Fußgeher-Vertreter der Vereinten Nationen, nachvollziehen. Das liege an der aktuellen Verkehrspolitik. Die sei keine Verkehrspolitik für die Menschen, sondern „eine Quälerei“:

    „Denen, die glauben auf das Auto angewiesen zu sein, oder es wirklich brauchen, werden keine klaren Randbedingungen gesetzt. Es fängt ja schon damit an, dass die Leute gezwungen werden Abstellplätze für die Autos bei den Wohnungen mitzukaufen. Dann klagt man über die hohen Mieten, wo das Auto, oder die Automiete dabei ist, die kann bis zu 25 Prozent der Gesamtmiete ausmachen.  Das ist wirklich keine sachlich fundierte Art der Verkehrspolitik. Das führt logischerweise zu Unmut bei denen, die sich gefühlsmäßig diesbezüglich überholt fühlen. Was ja auch nicht ganz falsch ist.“

    Verkehrspolitik für die Autoindustrie

    Um die Problematik unseres Verkehrswesens aufzuzeigen, entwickelte Knoflacher 1975 das „Gehzeug“. Dabei handelt es sich um einen Holzrahmen, den sich Fußgänger umhängen können, um dieselbe Fläche wie PKW-Fahrer in Anspruch zu nehmen. Es wird vor allem in Österreich bei Protesten gegen den Autoverkehr eingesetzt. An der Verkehrspolitik kritisiert er, dass diese vor allem auf die Autoindustrie Rücksicht nehme/nimmt. Man würde nur dann agieren, wenn die Autoindustrie „ihr okay dazu gegeben hat.“ Durch die Dieselverbote quäle man Autofahrer solange die Autoindustrie noch daran verdienen kann, bis sie mit den E-Autos bessere Geschäfte macht. 

    Alternative Angebote verbessern

    Das werde aber an Staus und anderen Problemen des heutigen Autoverkehrs nichts ändern.  

    Knoflacher dazu:

    „Richtig wäre es, alternative Angebote zu machen, für den öffentlichen Verkehr, den Radverkehr und zwangsläufig die Situation für den Fußverkehr zu verbessern. Dann geben die Leute den Autobesitz und die Autobenutzung auf, und zwar freiwillig – wie das in Wien schon seit über zwanzig Jahren der Fall ist.“

    Knoflacher hat in Wien seit den Siebzigerjahren den öffentlichen Nahverkehr gegenüber der Fahrt mit dem Auto gepriesen. Als Mitautor des dortigen Verkehrskonzepts zogen einige Aktionen bewusst den Ärger von Autofahrern und ihren Interessenvertretern auf sich.

    Drei Abstellplätze pro Auto

    Aktuell habe in den meisten Städten jedes Auto mindestens zwei oder drei Abstellplätze in der Stadt – beispielsweise nahe der Wohnung, dem Arbeitsplatz und Einkaufsmöglichkeiten. Das ruiniere den gesamten öffentlichen Raum und verstärke die Probleme des Verkehrs. Diese behandelt die zuständige Politik dann meist symptomatisch ohne eine grundlegende Lösung zu finden.  

    Das Kernproblem sei:

    „Man muss die Bauregeln ändern, man muss die Zahl der Stellplätze in der Stadt reduzieren. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Aber man muss auch Alternativen schaffen. Für die Leute, die sich unbedingt ein Auto leisten wollen, muss man die Möglichkeit schaffen, dass sie das Auto in irgendeiner Garage eines öffentlichen Verkehrsanbieters abstellen können, wo sie dann den Garagenpreis bezahlen. Wir haben ja bisher im letzten Jahrhundert eigentlich den wertvollen öffentlichen Raum an die Autofahrer verschenkt.“ 

    Bis zu 600 Euro im Monat geschenkt

    Ein Autoabstellplatz als Fläche in einer größeren Stadt würde je nach Bodenpreis bis zu 600 Euro pro Monat kosten. Diesen Betrag würde die Öffentlichkeit jedem Autofahrer durch Subvention schenken. „Wenn man diese Art der Struktur beibehält ist es logisch, dass die Menschen Autos ad Infinitum kaufen, weil sie durch keine andere Leistung so viel an Qualität und Zuwendung geschenkt bekommen“, betont Knoflacher. So würde also asoziales Verhalten  unterstützt, wenn man es „aus egozentrischen Gründen“ ablehnt, den öffentlichen Verkehr zu nutzen. Das alles natürlich unter den Umständen, dass es ein ordentlicher öffentlicher Nahverkehr angeboten wird:

    „Ein soziales, richtiges Verhalten sollte ja dazu führen, dass die Leute die richtigen Verkehrsmittel wählen können. Man soll sie nicht dazu zwingen, sondern ihnen die Möglichkeit dazu geben.“ 

    Das komplette Interview mit Hermann Knoflacher zum Nachhören:

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    Tags:
    Fahrverbot, Stadtentwicklung, Parkplatz, Verkehrspolitik, Dieselgate, Diesel, Verkehr, Stadt, Verbot, Auto, Wien