16:27 06 Dezember 2019
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    Russlands Marine während der Übungen (Archiv)

    Wozu schafft sich Russlands Kriegsmarine universelles Landungsschiff an?

    © Sputnik / Witalij Ankow
    Technik
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    202004
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    Die russische Schiffbau-Holding OSK hat ein neues Expeditionsschiff für die Marine entwickelt, das als Flugzeug- und Hubschrauberträger, Landungsfahrzeug und sogar Kommandostelle eingesetzt werden kann. Es gibt noch keine Informationen dazu in offenen Quellen, aber es sieht so aus, dass in absehbarer Zeit ein solchen Schiff erscheinen wird.

    Die Flotte vereinigen

    Die Wichtigkeit eines universalen Schiffes, das aus eigener Kraft imstande wäre, Landungs-Einsätze zu sichern, haben die Amerikaner in den Jahren des Vietnam-Kriegs eingesehen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, mussten sie verschiedenartigste Mittel einsetzen: Dockschiffe transportierten Landungsschuten und Boote, Panzerlandungsschiffe beförderten schwere Panzertechnik,  die Marineinfanteristen befanden sich dabei auf Transportschiffen, und ihre Beförderung zur Küste war die Aufgabe für Hubschrauberträger. Den ganzen Prozess koordinierten „schwimmende Stäbe“.

    Natürlich war das selbst für die USA ein viel zu teurer Spaß, zwecks eines Landungseinsatzes Schiffe von gleich fünf verschiedenen Typen zu diesem oder jenem Ort zu schicken. Außerdem war diese ganze Armada zu anfällig gegen gegnerische Artilleriekräfte. Und schließlich sind die Panzerlandungsschiffe viel zu groß und viel zu langsam – und damit quasi Lieblingsziele für die gegnerische Artillerie. 

    Angesichts dessen begannen die USA 1976 mit der Entwicklung von universalen Landungsschiffen der Tarawa-Klasse, deren Wasserverdrängung bei 40 000 Tonnen lag. Jedes Schiff dieses Typs konnte bis zu 1900 Marineinfanteristen samt Flugapparaten an Bord nehmen.

    Landungsschiff der Tarawa-Klasse USS Belleau Wood (Archiv)
    © Foto : Officer 1st Class Bart A. Bauer, U.S. Navy
    Landungsschiff der Tarawa-Klasse USS Belleau Wood (Archiv)

    Im Grunde handelte es sich dabei um leichte Flugzeugträger. Ein Schiff hatte acht Decks. Auf dem Heck befand sich der Unterdeck-Hangar für Flugzeuge und Hubschrauber. Unter dem Hangar befand sich ein Dockmodul, an das Landungsboote halbautomatisch gekoppelt wurden.  Unmittelbar vor der Landung wurde es mit Wasser gefüllt, die Boote verließen es und starteten in Richtung Küste. Für die Wartung der Technik gab es an Bord eine spezielle Werkstatt.

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    Näher zum Vorschiff befanden sich die Kielräume für Bordtechnik. Panzer und Schützenpanzerwagen, mit denen die US-Marineinfanterie ausgerüstet war, konnten sich auf dem Deck selbstständig bewegen. Die Unterkünfte für die Marineinfanteristen lagen auf dem fünften und sechsten Deck. Unter anderem gab es an Bord einen Fitnessraum, eine Bibliothek, mehrere Kantinen und Lebensmittellager usw.

    Mistral und Wasp

    Dennoch gehören universale Schiffe der Tarawa-Klasse schon der Vergangenheit an – auf das letzte solche Schiff wurde 2015 verzichtet. Aktuell verfügt die US-Marine über acht universale Landungsschiffe der Wasp-Klasse mit einer Wasserverdrängung von 40 500 Tonnen. Ein solches Schiff kann neben 1100 Besatzungsmitgliedern 1600 Marineinfanteristen, ungefähr 30 Frachthubschrauber CH-46 und ungefähr zehn Senkrechtstart-Kampfjets Harrier II an Bord nehmen. In absehbarer Zeit sollen diese Maschinen durch neuere Mehrzweck-Kampfjets F-35B und Wandelflugzeuge V-22 Osprey ersetzt werden.

    Landungsschiff der Wasp-Klasse USS Essex
    Landungsschiff der Wasp-Klasse USS Essex

    Und die Schiffe der Wasp-Klasse werden schon durch einen neuen Schiffstyp –  USS America – abgelöst. Das vorerst einzige solche Schiff mit einer Verdrängung von 45 700 Tonnen verfügt über dieselben Möglichkeiten wie auch die früheren Modelle, ist aber mit modernsten funkelektronischen Anlagen ausgerüstet und kann die neuste Militärtechnik transportieren, darunter bis zu 40 schwimmende Schützenpanzerwagen AAV7, zwei Landungsboote LCU oder kompaktere Schwimmapparate – sechs Luftkissenboote LCM-8 oder drei Motorboote LCAC.

    Die stärkste Konkurrenz der Amerikaner ist dabei China. Im Juli 2017 verkündete die Volksrepublik den Plan zur Einrichtung eines Militärstützpunktes in Dschibuti. Nach Afrika wurden damals die neueste Landungsplattform MLP 868 Donghaidao und das universale Landungsschiff des Projekts 071 Jinggangshan geschickt.

    USS America (LHA-6)
    © Foto : US Navy
    USS America (LHA-6)

    Besonders viel Interesse rief die Donghaidao hervor: Über MLP-Schiffe (Mobile landing platform) verfügen neben dem Reich der Mitte nur die USA. In Amerika wurden die ersten solchen Schiffe 2013 gebaut – nur zwei Jahre früher als in China. Das Pentagon stuft die MLP-Schiffe als mobile Expeditionsbasen ein, die für große Landungseinsätze weit entfernt von der Küsteninfrastruktur bestimmt sind. Die Donghaidao ist faktisch eine autonome Marine-Einheit, die als Stützpunkt für die Hauptkräfte geeignet ist.

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    Ungefähr ähnliche Möglichkeiten hat auch die 2010 vom Stapel gelaufene Jinggangshan: Dieses Schiff ist gleich für vier verschiedene Aufgaben bestimmt: Es kann Marineinfanteristen und Hubschrauber an Bord nehmen sowie als Kommandostelle und Hospital dienen. An Bord findet sich Platz für 1000 Marineinfanteristen, vier Hubschrauber, vier Luftkissen-Landungsschiffe und 20 Schützenpanzerwagen. Die Schiffe dieser Klasse sind die zweitgrößten, die der chinesischen Marine zur Verfügung stehen – nach den Flugzeugträgern.

    Hubschrauberträger der Mistral-Klasse
    © AFP 2019 / JEAN-SEBASTIEN EVRARD
    Hubschrauberträger der Mistral-Klasse

    Auch Frankreich hat seit 2004 gleich fünf Hubschrauberträger der Mistral-Klasse gebaut. Zwei von ihnen waren übrigens für Russland bestimmt, aber dieser Deal wurde aus politischen Gründen annulliert. Die Verdrängung eines Mistral-Schiffes beträgt 32 300 Tonnen, und es kann vier Landungsboote des Typs CTM sowie zwei Katamaran-Boote EDAR befördern.

    Ihre eigenen universalen Landungsschiffe haben auch Spanien („Juan Carlos I“, Verdrängung von 27 000 Tonnen), Südkorea („Tokto“, Verdrängung von 18 800 Tonnen), Japan („Hyuga“, Verdrängung von 18 000 Tonnen) und auch andere Länder gebaut.

    Und was hat Russland zu bieten?

    Russland verfügt vorerst über keine solchen Schiffe. Mehr oder weniger ähnlich ist das große Landungsschiff des Projekts 11711. Das Flaggschiff „Iwan Gren“ (Verdrängung von 5000 Tonnen) wurde der Nordflotte im Juni übergeben. Seine Möglichkeiten sind wesentlich geringer als die der erwähnten westlichen Schiffe: An Bord gibt es kein Dockmodul, Platz für nur einen bzw. zwei Hubschrauber, bis zu 13 Kampfpanzer, bis zu 36 Schützenpanzerwagen und bis zu 300 Marineinfanteristen. Das ist zwar weniger als bei den US-Schiffen, aber vor der russischen Marine stehen immerhin auch andere Aufgaben.

    Das große Landungsschiff „Iwan Gren“ (Projekt 11711)
    © Sputnik / Igor Sarembo
    Das große Landungsschiff „Iwan Gren“ (Projekt 11711)

    Auf der internationalen Rüstungsmesse „Army 2015“ wurde ein Projekt des universalen Landungsschiffs des Konstruktionsbüros „Priboi“ präsentiert. Seine Wasserverdrängung könnte bei 24 000 Tonnen liegen; es könnte bis zu 500 Marineinfanteristen, bis zu 50 Einheiten Militärtechnik sowie 16 Hubschrauber befördern. Bei Landungseinsätzen kämen sechs Landungsboote des Projekts 11770 bzw. 02510 zum Einsatz.

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    Tags:
    Landungsschiff, Entwicklung, Flotte, Projekte, Landungsschiff Iwan Gren, Mistral-Schiffe, Frankreich, China, USA, Russland