16:29 13 Dezember 2019
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    Produktion von Langstreckenbomber des Typs Tu-160 in Russland

    Für mögliche Gegner ein Horror: Fliegende russische Festung mit Nuklearantrieb

    © Sputnik / Maxim Bogodwid
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    Ein Langstreckenbomber oder Fernaufklärer mit nahezu endlosem Antrieb – für die strategischen Streitkräfte in Ost und West war das ein Traum, an dessen Umsetzung schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts gearbeitet wurde. Serienreife erreichte die Technik nicht. Aber die Idee ist noch lange nicht tot, schreibt das Portal „Swesda“.

    Ein nuklearer Antrieb hätte es den Flugzeugen nicht nur ermöglicht, unbegrenzt lange in der Luft zu bleiben. Hypothetisch wäre es mit dieser Technik auch möglich, Überschallgeschwindigkeiten nicht nur zu erreichen, sondern dauerhaft zu halten. Selbst der schnellste Langstreckenbomber von heute – die russische Tu-160 – übersteht einen Überschallflug mit Mach 2 höchstens 40 bis 45 Minuten lang. Und das im Nachbrennermodus, was zusätzlichen Treibstoffverbrauch bedeutet.

    Erste Kernreaktoren für Fluggeräte wurden in den USA und der Sowjetunion in den Sechzigerjahren entwickelt. Die Anlagen zeichneten sich aus durch relativ kleine Abmessungen und geringes Gewicht. Bestimmt waren die Kompaktreaktoren für Raumsonden – als Antrieb für Flugzeuge waren sie aufgrund unzureichender Leistung ungeeignet.

    Um einen Kernreaktor für den Einsatz an Bord eines Flugzeugs zu entwickeln, hatte das Pentagon in den Fünfzigerjahren das ANP-Programm gestartet: ANP steht für Aircraft Nuclear Propulsion, Kernenergieantrieb für Fluggeräte. Experimentiert wurde mit dem strategischen Bomber Convair B-36 Peacemaker.

    Der 16 Tonnen schwere Kernreaktor wurde in der hinteren Sektion des Bombenschachts untergebracht. Hinzu kam eine 14 Tonnen schwere Bleikapsel zur Abschirmung vor Radioaktivität, die für die Piloten der Riesenmaschine sonst tödlich gewesen wäre.

    US-Bomber Convair B-36 Peacemaker im Museum
    US-Bomber Convair B-36 Peacemaker im Museum

    Für den Betrieb der Flugzeugmotoren wurde der Reaktor jedoch nicht gestartet: Die Forscher untersuchten hauptsächlich die Auswirkungen der radioaktiven Strahlung auf die Bordsysteme der Maschine. Letztlich kamen sie zu dem Ergebnis, dass eine fliegende Festung mit Nuklearantrieb für die Besatzung und im Falle eines Crashs auch für die Zivilbevölkerung zu gefährlich sei. In den USA wurde kein Flugzeug mit Kernenergieantrieb gebaut.

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    In der Sowjetunion war das Programm zur Entwicklung eines Nuklearantriebs für Flugzeuge 1955 gestartet. Auf der Basis einer Tu-95 entstand ein fliegendes Labor mit der Bezeichnung Tu-95LAL. Zeitgleich entwickelten die sowjetischen Ingenieure spezielle Werkstoffe zum Schutz der Mannschaft und der Maschine vor Radioaktivität. Der Reaktor wurde im Bombenschacht montiert und mit Bleiplatten abgeschirmt.

    B-1B Lancer der U.S. Air Force
    © Foto : U.S. Air Force/Senior Airman Benjamin Stratton

    Von Mai bis August 1961 absolvierte das fliegende Labor 34 Testflüge. Die Versuche zeigten, dass die sowjetischen Fachleute die Aufgabe, die Crew vor Strahlung zu schützen, besser bewältigten als ihre amerikanischen Kollegen. Die neuentwickelten Werkstoffe waren leichter, und die Besatzung hatte die Möglichkeit, die Schutztechnik zu regulieren.

    Aber auch auf der Tu-95LAL diente der Kernreaktor nicht zum Betrieb der Motoren. Erst auf der Tu-119, der Nachfolgerin des fliegenden Versuchslabors, sollte es soweit sein. Geplant war, den Kernreaktor an zwei der insgesamt vier Propellertriebwerke zu koppeln. Die restlichen zwei Motoren sollten auf herkömmliche Weise mit Kerosin betrieben werden.

    Die Tu-119 wäre also nicht nur das weltweit erste Flugzeug mit einem Kernenergieantrieb geworden, sondern auch das erste Flugzeug in Hybrid-Ausführung. Die sowjetischen Konstrukteure planten, in den Siebzigerjahren bereits eine voll einsatzfähige Maschine dieser Bauart herzustellen.

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    Umgesetzt wurde das Vorhaben bekanntlich nicht. Die Sowjetführung stoppte den Bau der Tu-119 – wohl aus Kostengründen, wie Fachleute vermuten: Die Entwicklung eines Nuklearantriebs für die Luftfahrt hätte zu großen Aufwand erfordert, ohne dass ein positives Ergebnis sicher war.

    Die Einstellung des Tu-119-Programms bedeutete nicht, dass es kein Interesse an einem Kompaktreaktor für den Antrieb von Fluggeräten mehr gab. Ganz im Gegenteil, sagt Militärexperte Juri Knutow laut dem Portal: „Russische Ingenieure können es schaffen, ein nukleargetriebenes Fluggerät zu entwickeln.“

    Das wird laut dem Fachmann daran deutlich, dass es in Russland die Technik für den Bau eines Kernenergieantriebs für Weltraumgeräte gibt. Und dass der russische Präsident Putin im vergangenen Jahr den Marschflugkörper Burewestnik mit einem kompakten Hochleistungsreaktor vorgestellt hat.

    Die kompakte Anlage wurde in einem Marschflugkörper Ch-101/102 verbaut, erklärte Putin bei der Präsentation laut dem Portal. Das ermöglicht einen nahezu unbegrenzten Einsatzradius. Der Marschflugkörper fliegt in geringer Höhe auf einer für den Gegner unberechenbaren Flugbahn. Dabei weicht der Flugkörper der Raketenabwehr des Gegners aus. 2017 fand der Start dieser einmaligen Rakete auf einem Testgelände des russischen Verteidigungsministeriums statt.

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    Am Kernenergieantrieb für die Raumfahrt arbeiten die russischen Ingenieure indes seit 2010. Der Antrieb soll interplanetare Flüge möglich machen. Die Entwicklung läuft auf Hochtouren und befindet sich laut dem Portal im Endstadium.

    Fluggeräte mit dieser Technik müssen jedenfalls als Hybride konzipiert werden, wie einst bei der Tu-119 geplant. Starten würde ein solches Vehikel mit konventionellem Antrieb, erst in großer Höhe würde der Reaktor eingeschaltet werden: Nur so lässt sich das Risiko einer radioaktiven Verstrahlung am Boden geringhalten.

    „Die größte Schwierigkeit bei der Entwicklung eines Flugzeugs mit Nuklearantrieb ist immer noch das Risiko eines Crashs und der damit einhergehenden Verseuchung der Umgebung“, sagt Experte Juri Knutow laut dem Portal. „Dennoch bin ich optimistisch. In Russland werden derzeit Technologien entwickelt, die es möglich machen, einen Kernreaktor vor Beschädigungen und Explosionen zuverlässig zu schützen. Es ist deshalb durchaus möglich, dass die Ära der Atomflieger nicht mehr fern ist.“

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    Tags:
    Experimente, Atomantrieb, Bomber, Langstreckenbomber, Flugzeug, Tu-95, Tu-142, Tu-160, Flugzeugbauer Tupolew, Sowjetunion, UdSSR, USA, Russland