19:33 12 Dezember 2019
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    An-124 (Archiv)

    Cargo-Gigant An-124: Wer schafft den Neubau? Braucht jemand den Riesenjet wirklich?

    © CC BY 2.0 / M&R Glasgow / 2Antonov An-124-loading ramp
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    Nach dem Umsturz in Kiew mussten Firmen miteinander brechen, die einst gemeinsam das größte serienmäßige Frachtflugzeug der Welt entwickelten, schreibt die Zeitung „Wsgljad“. Seitdem erklären Russland und Ukraine, die An-124 aus eigener Kraft bauen zu wollen. Doch selbst wenn sie das Zeug dazu hätten, fragt man sich immer noch: Wozu?

    Eigentlich arbeitete die gesamte Sowjetunion zusammen an der An-124 „Ruslan“. Die Rechte an dem Großfrachter erhielt nach dem Zerfall der Sowjetunion aber die Ukraine, schreibt die Zeitung. Das in Kiew ansässige Konstruktionsbüro Antonow hatte das Flugzeug entwickelt. Gebaut wurde die Maschine wiederrum im russischen Uljanowsk. In dem Flugzeugwerk wurden denn auch die heute noch einsatzfähigen An-124 generalüberholt und wieder flugfähig gemacht.

    Jedenfalls erklärt Antonow, dieses Jahr mit dem Bau der An-124 zu beginnen – ohne Zusammenarbeit mit russischen Unternehmen, versteht sich. Man kooperiere eng mit internationalen Firmen, um die russischen Bauteile zu ersetzen, die in dem Flugzeug verwendet wurden, sagte der Vize-Chef des ukrainischen Rüstungskonzerns Ukroboronprom, Sergej Omeltschenko.

    „Es ist natürlich so: Wenn man die Komponenten nicht ersetzt, die in Russland hergestellt wurden, wird man dieses Flugzeug unmöglich ohne Russland zusammenbauen können“, so der ukrainische Manager. Schon in diesem Jahr soll aber die erste An-124 im Kiewer Antonow-Werk montiert werden.

    Die Firma bearbeite momentan die Bordelektronik, „damit mit der Montage des Flugzeugs begonnen werden kann, dass kein einziges Bauteil aus Russland enthalten wird“, versichert der Vize-Konzernchef laut der Zeitung.

    Interessant ist, dass Russland schon im letzten Jahr angekündigt hatte, den Bau des Riesenfrachters wiederaufzunehmen – natürlich ohne die Ukraine. Die An-124 würde „in neuer Form“ entstehen, erklärten der russische Luftfahrtkonzern UAC und das russische Verteidigungsministerium laut dem Blatt.

    Mehr noch: Russland verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen im Flugzeugbau, russische Firmen könnten auf der Basis der An-124 eine völlig neue Transportmaschine entwickeln – unter der Marke Iljuschin zum Beispiel. Die nötigen Fachleute und Technologien hat Russland auch, so die Zeitung. Dann müsste sich Russland nicht mehr mit der Ukraine um die Rechte an der An-124 streiten.

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    Wird es also bald zwei An-124 geben: eine russische und eine ukrainische?

    Die Krux ist, dass Russland diesen Kraftakt tatsächlich bewältigen könnte. Die Ukraine schafft das aber nicht, sagt der Luftfahrtexperte Roman Gussarow vom Fachportal „Avia.ru“ laut der Zeitung: „Was soll die Ukraine wiederaufbauen, wenn das Flugzeug in Russland produziert wurde? Die Ukraine müsste die Maschine von Null auf neuentwickeln. Alle Zulieferer waren ja auch in Russland. Was die Ukraine heute aus eigener Kraft bauen könnte, ist nur das Triebwerk der An-124.“

    Der technische Faktor ist in der Tat ein großes Problem: „Das Flugzeug ist schon so alt, dass viele seiner Komponenten gar nicht mehr hergestellt werden, nirgendwo auf der Welt. Die komplette Elektronik müsste ausgetauscht werden, die Avionik, die Steuerung. Es müsste von Grund auf neu entwickelt, integriert, getestet werden. Im Grunde würde eine neue Modifikation der An-124 entstehen. Vom finanziellen und zeitlichen Aufwand her wäre es das Gleiche, als würde man ein völlig neues Flugzeug konstruieren“, sagt Experte Gussarow.

    Und ob sich der Aufwand lohnt, ist die zentrale Frage. Der Fachmann sagt: „Laut einer Studie, die von russischen Firmen durchgeführt wurde, wird die Nachfrage nach Flugzeugen dieser Größenordnung in den kommenden Jahrzehnten 20 Stück nicht übersteigen. Diese Stückzahl ist absolut ausreichend, um den Bedarf des russischen Verteidigungsministeriums und der zivilen Luftfahrt zu decken.“

    Es existiert also allerhöchstens ein Nischenmarkt für die An-124. Die nötigen Investitionen, um die Produktion eines neuen Großfrachters zu starten, belaufen sich indes auf Milliarden Rubel, so die Zeitung.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Frachtriesen unter russischer Flagge: Wer hat Kiew die Flugzeuge „geklaut“?<<<

    Dazu zwei Beispiele: Die Entwicklung und der Produktionsstart des russischen Regionaljets SSJ-100 kostete 44 Milliarden Rubel. Bis der neue russische Mittelstreckenjet MS-21 die Serienreife erreicht hat, werden insgesamt über 100 Milliarden Rubel ausgegeben.

    Wird die ukrainische Regierung vielleicht einspringen, um den Bau einer neuen An-124 im Antonow-Werk zu finanzieren? „Definitiv nicht“, sagt Experte Gussarow. „Dazu wäre sie gar nicht in der Lage. Selbst die russische Regierung sieht in dieser Investition keinen Sinn. Westliche Regierungen werden ein ukrainisches Projekt sicherlich auch nicht finanzieren. Sie geben das Geld lieber ihren Rüstungskonzernen.“

    Es hat ja schließlich auch einen Grund, warum weder Boeing noch Airbus ein vergleichbares Transportflugzeug entwickeln. „Nicht, dass sie das technisch nicht könnten. Sie sehen einfach keinen Markt dafür. Die An-124, die jetzt noch fliegen, reichen völlig aus, noch für die nächsten zwei Jahrzehnte“, sagt Gussarow laut der Zeitung.

    Außerdem: Die russischen Flugzeugbauer haben im Moment freilich Wichtigeres zu tun. Die MS-21 muss serienreif werden. Und dann ist da noch die Zusammenarbeit mit den Chinesen am neuen Großraumflugzeug CR929.

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    Tags:
    Streit, Bau, An-124, Antonov, UdSSR, Ukraine, Russland