19:39 16 Juni 2019
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    Das ukrainische Raketensystem „Olcha“ auf dem Testgelände (Archivbild)

    Kiews neue Hochpräzisionswaffe: Das Schärfste daran ist die PR

    © AP Photo / Presidential Press Service Pool / Mykola Lazarenko
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    Andrej Koz
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    Kiews Truppe hat eine neue „Waffe der Superlative“. Ukrainische Politiker, Medien und Experten werden nicht müde, sie zu loben: Das Raketenartilleriesystem schießt so weit und so präzise wie kein anderes. Wie innovativ ist der neue Raketenwerfer wirklich?

    Es ist in der Tat rekordverdächtig, wie schnell ukrainische Spezialisten das neue Raketensystem „Olcha“ entwickelt haben. Im Januar 2016 hatte Präsident Poroschenko die ukrainischen Rüstungshersteller auf einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates mit den Arbeiten an der neuen Waffe beauftragt. Und schon im März fanden Schießtests statt – nach offiziellen Angaben erfolgreich.

    Die Tests wurden fortgesetzt. Im April 2017 veröffentlichte der Entwickler ein Video, auf dem zu sehen ist, wie ein von „Olcha“ abgefeuertes Geschoss ein Übungsziel trifft. Im November wurden dann Produktionsanalagen zur Herstellung der Munition für das neue Raketenartilleriesystem montiert.

    Die Öffentlichkeit bekam das „Olcha“-System bei einer Militärparade am Tag der Unabhängigkeit am 24. August 2018 in Kiew zu sehen. Nun ist der Raketenwerfer in Serie gegangen, erklärte der ukrainische Verteidigungsminister Stepan Poltorak.

    Alle Achtung! Die Umsetzungsfrist dieses Projekts ist wirklich beeindruckend. Nicht einmal die mit fettem Rüstungsbudget ausgestatteten US-Amerikaner schaffen es, „hochpräzise Zukunftswaffen“ in so kurzer Zeit zu entwickeln.

    Schauen wir uns das „Olcha“-System etwas genauer an. Um welchen Waffentyp es sich dabei genau handelt, haben bisher nicht einmal die Ukrainer selbst festlegen können. Olexander Turtschynow, Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, bezeichnet die Waffe als Raketenartilleriesystem. Präsident Poroschenko und das ukrainische Verteidigungsministerium sprechen von einem Hochpräzisionssystem. Manche Experten sind indes überzeugt, „Olcha“ sei ein operativ-taktisches Raketensystem wie das russische „Iskander“.

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    Tatsächlich jedoch ist „Olcha“ im Grunde nichts anderes als eine modernisierte Version des russischen Raketenartilleriesystems „Smertsch“, das vor über 30 Jahren in Dienst gestellt wurde. Das wird schon am Fahrgestell deutlich, auf dem die neue Waffe aufgebaut ist – und auch daran, dass „Olcha“ 300-mm-Geschosse verschießen kann, die für das „Smertsch“-System bestimmt sind.

    Das Besondere an „Olcha“ ist allerdings eine Lenkrakete, die speziell für dieses Waffensystem entwickelt wurde. Die Bezeichnung und die genauen Parameter des Flugkörpers werden geheim gehalten.

    Veröffentlicht wurden nur diese Angaben: Das Einsatzgewicht der Rakete beträgt 800 Kilogramm. Die 250 Kilogramm schwere Gefechtsladung besteht aus einem Splitter-, Streu- oder Aerosolsprengkopf. Von den Abmessungen her entspricht die Lenkrakete einem Standardgeschoss des „Smertsch“-Systems.

    Nach Herstellerangaben ist die „Olcha“-Rakete im Anfangs- und im Endstadium des Flugs lenkbar. Im vorderen Rumpfteil des Flugkörpers sind 90 kleine Booster eingebaut, die die Rakete steuern und stabilisieren. Im Zielanflug öffnet sich zusätzlich ein Leitwerk, welches die Rakete präzise ins Ziel führt. Zudem korrigiert ein inertiales Navigationssystem die Flugbahn der Rakete.

    Nach 48 Sekunden ist der gesamte Startbehälter leergeschossen. Das sind zwölf Raketen in weniger als einer Minute. Deren Höchstreichweite wird mit 120 Kilometern angegeben – was im Vergleich zum „Smertsch“-System nicht schlecht ist. Ein Vergleich mit neuen russischen Entwicklungen relativiert den Spitzenwert aber wieder.

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    Die modernisierte Version des „Smertsch“-Systems, genannt „Tornado-S“, steht seit 2016 im Dienst der russischen Streitkräfte. Wegen neuer Feuerleit-, Kommunikations- und Navigationssysteme verfügt die neue Waffe über einen deutlich höheren Einsatzwert. Herzstück des „Tornado-S“ ist das Lenkgeschoss 9M542 mit einem Aktionsradius von 120 Kilometern.

    Was ist noch im Zusammenhang mit dem „Olcha“-System wichtig? Man muss wissen, dass die Raketenartillerie der ukrainischen Streitkräfte hauptsächlich aus zwei Systemen besteht: „Tochka-U“ und besagtem „Smertsch“ aus den Siebzigerjahren.

    Dass der Einsatzwert dieser Systeme zu wünschen übriglässt, zeigt deren geringe Effektivität beim Einsatz im Donbass. Außerdem mangelt es der ukrainischen Armee an passender Munition für „Smertsch“. Verschlimmert wurde der Mangel durch zwei schwere Brände in Munitionsdepots im März und September 2017.

    Insofern kann man sagen, dass die ukrainischen Streitkräfte einfach keine vollwertig einsatzfähige Raketenartillerie hat. Daher rühren wohl auch die überhöhten Erwartungen an das „Olcha“-System – an eine im Grunde veraltete Waffe mit neuer Munition.

    Die ukrainischen Rüstungsbetriebe sind längst nicht mehr fähig, komplexere und präzisere Waffensysteme herzustellen. Die chronische Unterfinanzierung, die veralteten Produktionsanlagen, der Braindrain und der Mangel an Fachkräften zeitigen eben ihre Wirkung.

    Die große PR-Kampagne im Zusammenhang mit dem Serienstart des „Olcha“-Systems spiegelt die wirklichen Verhältnisse nicht wider. Sie hilft lediglich dem ukrainischen Präsidenten, seine Umfragewerte im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen etwas zu verbessern.

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    Tags:
    Militärtechnik, Waffen, Fakes, PR, Raketensystem, Iskander, Verteidigungsministerium der Ukraine, Petro Poroschenko, Alexander Turtschinow, Stepan Poltorak, Russland, Ukraine