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11:56 20 September 2019
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    Ein Exoskelett-Anzug der russischen Pioniertruppen

    Mit Titan-Arm und Carbon-Rücken: Wozu die russische „Mensch-Maschine“ fähig ist

    © Sputnik / Ilya Pitalyow
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    Ob lange Laufmärsche bei voller Kampfmontur, Einsätze mit schwerem MG oder Verladen von Munitionskisten – bald wird den russischen Soldaten bei diesen Aufgaben unter die Arme und Beine gegriffen: Russlands Pioniertruppen erhalten in diesem Jahr ihr erstes Exoskelett. Das multifunktionale Hightech-Gerüst wird gerade getestet.

    Um es gleich klarzustellen: Ein Robocop-Anzug, wie man ihn aus den Filmen kennt, ist das russische Exoskelett wirklich nicht. Einen spektakulären Namen hat dieses Ding auch nicht: EO-01.02 heißt das Stützsystem des russischen Ausrüsters GB Engineering. Ein Soldat wird dadurch ebenso wenig in die Lage versetzt, mit unmenschlichem Tempo zu laufen oder dutzende Meter weit zu springen wie er unverwundbar wird. Das alles kommt erst in ferner Zukunft, wenn ein Akku verfügbar ist, der die Elektronik und die Servounterstützung des Exoskeletts ausreichend lange mit Energie versorgen kann.

    Was der Soldat durch den Einsatz des EO-01.02 heute schon bekommt, ist – vereinfacht gesagt – ein Zusatzrücken plus ein zusätzliches Paar Beine und Arme. „Das Exoskelett ist im Auftrag der Pioniertruppen entwickelt worden, für deren Spezialeinheiten und die Systemoperateure von Robotertechnik“, sagt der Generaldirektor von GB Engineering, Sergei Smagljuk.

    Es sei bereits im echten Einsatz getestet worden, in Syrien. „Als Beispiel: Ein mit dem Skelett ausgestatteter Offizier trug neun Stunden lang das 35 Kilogramm schwere Bedienungspult eines Minenräumroboters, war aber fast gar nicht erschöpft“, sagt der Firmenchef.

    Das mechanische Gelenkgerüst ahmt die Arm-, Bein-, Rücken- und Hüftgelenke des Menschen nach. Das entlastet den Soldaten – seine Muskeln, seine Gelenke, seine Wirbelsäule, kurzum: sein Skelett.

    Das Humanarsenal

    Sich das Exoskelett anzueignen, ist vielleicht nicht kinderleicht, aber sicherlich nicht kompliziert. Die Anpassung und Eingewöhnung dauert nach Herstellerangaben nicht länger als eine Woche. Es ist wie mit dem Fahrradfahren: Hat man das Prinzip einmal begriffen, ist alles Weitere nur eine Frage der Technik.

    Einschränkungen bei Bewegungen? Nein, gibt es nicht. „Der Träger kann sich verbeugen, umdrehen, schnellen Schrittes gehen und sogar laufen. Das Exoskelett kann auf der üblichen Uniform und auf Schutzwesten getragen werden. Einmal an die Körpergröße angepasst, braucht es kein Nachjustieren mehr. Es ist schmutz- und wasserfest, unempfindlich, einfach idiotensicher“, sagt Sergej Smagljuk.

    Keine eineinhalb Minuten braucht man, um das bewegliche Stützgerüst aufzusetzen und festzuschnallen. Es wiegt nur sieben Kilo. Gefertigt wird die Konstruktion aus Leichtmetallen und Carbonfasern – übrigens aus russischer Herstellung (anfänglich wurden deutsche Werkstoffe genutzt).

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Russlands Verteidigungsministerium zeigt Roboter bei Minenräumung – VIDEO<<<

    Mit diesem Hilfskonstrukt kann der Träger Lasten von bis zu 70 Kilogramm schleppen, auf einer Spezialplattform am Rücken. Das kann zum Beispiel der Kampfrucksack sein oder eine schwere Granatwaffe – oder ein Verwundeter.

    „Sobald das Verteidigungsministerium das Exoskelett in Dienst gestellt hat, werden wir auch mit anderen Interessenten verhandeln“, sagt der Direktor von GB Engineering. „Die russische Nationalgarde und die Spezialkräfte des FSB haben schon Interesse gezeigt. Der FSB hatte eine Einheit zu Testzwecken geschickt – die sogenannten Schildträger, die beim Erstürmen von Gebäuden vorausgehen und ihr Team mit schusssicheren Schilden schützen. Die Männer hatten einen Übungs- und einen echten Einsatzschild dabei. Wir setzen also einem Kämpfer das Exoskelett auf, er rennt los und sagt: ‚Gebt mir den Einsatzschild‘. Es war so leicht für ihn, dass er die schwere Schutzplatte für den Übungsschild gehalten hat.“

    Nach den Tests haben die Entwickler alle Wünsche der Einsatzkräfte berücksichtigt und die Konstruktion optimiert. Ein Vorschlag war, ein Notabwurfsystem für die Lasten zu installieren. Deshalb gibt es an der rechten Schulter des Exoskeletts jetzt eine Schnur: ein Ruck – und die schwere Last fällt vom Rücken, damit der Kämpfer umso schneller in Deckung gehen kann.

    Für die MG-Führer von Spezialeinheiten wurde ein Munitionskorb in Rucksackform für 700 Schuss entwickelt. Die Munition wird über ein spezielles Band laufend dem Maschinengewehr zugeführt: Der Schütze kann längere Zeit unterbrochen wirken.

    Auf den Akku kommt es an

    Das Exoskelett für die russischen Pioniertruppen geht bald schon in Serie. Bis 2027 sollen Hunderte dieser Stützsysteme geliefert werden, das ist im staatlichen Rüstungsprogramm vorgesehen. Auch im Ausland gibt es Interessenten für den EO-01.02. Aber eine Exportlizenz erhält das Gerät erst, nachdem die russische Armee es in Dienst gestellt hat.

    GB Engineering arbeitet permanent an der Optimierung des Exoskeletts. Derzeit wird bereits eine modifizierte Variante getestet, die freiere Wendebewegungen ermöglicht. Geplant ist, die Kernkomponenten des Systems aus verstärktem Aluminium herzustellen, um das Schutzniveau des Trägers zu steigern.

    Und: Das Gerät soll mit Piezoelementen ausgestattet werden, die die Gehbewegung in Strom umwandeln, mit dem dann elektronische Tools aufgeladen werden können – das Funkgerät, das Tablet des Kommandanten oder das GLONASS-Navi.

    „Ein aktives Exoskelett mit Servounterstützung – das ist eine Technik nicht mal von morgen, sondern von übermorgen. Da kriegen wir es langsam mit Sciencefiction zu tun“, erklärt Smagljuk. „So eine Ausrüstung soll die Kraft und das Tempo des Soldaten erhöhen. Aber noch ist nirgends auf der Welt das Akku-Problem gelöst.“

    Deswegen experimentiert der Entwickler mit einem anderen Konzept für ein aktives Exoskelett. Geprüft wird, ob es praxistauglich wäre, das Gerät im Einsatz an die Stromversorgung eines Fahrzeugs etwa anzuschließen: „Angenommen, es kommt Nachschub mit einem Lastwagen an. Der Soldat setzt das Exoskelett auf, schließt es an den Lkw-Akku an und beginnt mit der Entladung. Für die Versorgungstruppen im Feld wäre das durchaus eine Möglichkeit“, so der Firmendirektor.

    Gut möglich, dass das Exoskelett von der militärischen Verwendung auf zivile Bereiche übertragen wird. Überall, wo schwere Lasten oder schweres Werkzeug getragen werden muss: Im Straßen-, im Tunnel-, im Bergbau gäbe es eine Verwendung dafür. Oder in der Industrie. Aber das alles kommt etwas später. Erst müssen die russischen Pioniere diesen Weg bahnen.

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    Exoskelett, Pioniere, Pioniertruppen, Munition, Anzug, Roboter, Verteidigungsministerium Russlands, Russland