18:03 19 Februar 2019
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    US-Militär-Raumgleiter X-37B (Archivbild)

    Geheimmission ins All: Wofür die USA den Raumgleiter X-37B brauchen

    © Foto: Secretary of the Air Force Public Affairs / Michael Martin
    Technik
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    Iswestija
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    Der geheime US-Militär-Raumgleiter X-37B hat im Orbit bereits mehr als 500 Tage verbracht. Was treibt er da? Was kann man im Weltraum so lange machen? Ist er eine Gefahr für Russland? Die Zeitung „Iswestija“ hat versucht, die Situation um die US-Geheimmission ins All zu klären.

    Mit der Bezeichnung „X“ werden in den USA Flugzeuge und Raketen markiert, die beim Durcharbeiten der Technologien entwickelt wurden. Fast alle Apparate mit diesem Index gelten als geheim, Informationen über ihre wahren Möglichkeiten kommen zumeist viel später zutage.

    Zu solchen Apparaten gehört der legendäre Bell X-1, der als erster in der Geschichte die Schallgrenze überwand, und das Raketenflugzeug  X-15, das eine für das Jahr 1960 rekordmäßige Höhe von 100 km und die Geschwindigkeit von 6 Ma erreichte. Bei X-Modellen handelt es sich also immer um einen Prototyp neuer Technik zum Durcharbeiten der aussichtsreichen Technologien, die in der Zukunft in Serien-Systemen genutzt werden (oder nicht).

    In diesem Artikel geht es um den Weltraumapparat X-37B Orbital Test Vehicle, der von Boeing für das US-Militär entwickelt wurde. Es handelt sich dabei um einen unbemannten, wiederverwendbaren Raumgleiter, der für seine langen Flüge und anschließenden Landungen im autonomen Betrieb bekannt ist. Er absolvierte seinen ersten Flug im Jahr 2010. Seit fast zehn Jahren wird darüber diskutiert, wie seine Möglichkeiten seien und ob dieser Apparat für den friedlichen Weltraum und andere Länder ungefährlich sei.

    Der Grund ist einfach: Es gibt fast keine Informationen dazu. Das US-Militär hüllt sich in Schweigen bzw. spricht von experimentellen Zielen des Gleiters.

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    In der Pilotausgabe der Zeitschrift „Russki Kosmos“ (Russischer Weltraum) von November 2018 ist dieser Raumgleiter beinahe als größte Gefahr für die Raumfahrt dargestellt worden. Zudem wurde ihm die Fähigkeit zugeschrieben, Atomwaffen zu tragen und auf der 300-km-Höhe über Nordafrika, dem Nahen Osten und China zu schweben und den Raum abzufliegen.

    Verkehrsregel im  Weltall

    Alle Weltraumapparate und Objekte bewegen sich mit einer riesigen Geschwindigkeit im Orbit. Nur die erreichte Geschwindigkeit lässt sie angesichts der Anziehungskraft nicht zurück auf die Erde fallen.

    Der Übergang von einem Orbit in den anderen erfordert sehr viel Kraftstoff und Oxydator, was mit der Menge für den Start und Ausstieg in den offenen Weltraum vergleichbar ist. Die Änderung des Neigungswinkels um 45 Grad erfordert so viel Energie wie für den Raketenstart und Ausstieg in den offenen Raum.

    Im Falle des Starts von X-37B in den Orbit, der dem notwendigen Apparat nahe ist, kann der Gleiter sich an ihn zur Wartung bzw. Vernichtung annähern, allerdings wird er es nicht schaffen, in einen anderen Orbit zu gleiten bzw. über der Erdoberfläche in schwebender Position zu verharren.

    Dauerhaft schweben kann man nur in einem hohen geostationären Orbit – 35 787 km über der Erdoberfläche oder bei einem Verbrauch des Kraftstoffs, der bei einer Trägerrakete nur für ein paar Minuten ausreichen würde.

    Wenn also gesagt wird, dass X-37B im Weltraum manövrieren kann, sollte man sich nicht ein Raumschiff vorstellen, das während eines Fluges gleich mehrere Satelliten in verschiedenen Orbiten besucht. Die meiste Zeit verbringt der Raumgleiter wie andere Weltraumapparate in seinem Orbit gemäß physikalischen Regeln.

    Was kann er?

    Was kann solch ein Weltraumapparat tatsächlich und wofür kann er real genutzt werden? Sein größter Vorteil ist die mehrfache Verwendung und mögliche Rückkehr auf die Erde. Nachdem der Raumflieger mithilfe einer einfachen Trägerrakete (ursprünglich war es Atlas 5 und letztes Mal die kostengünstigere Falcon-9) in den Orbit gebracht worden ist, kann er sich tatsächlich einem Weltraumapparat in einem nahen Orbit annähern, dort erforderliche Arbeiten vornehmen und danach zurück auf die Erde fliegen.

    Mit Hilfe dieses Raumgleiters könnte man möglichst präzise und in einem Arbeitsgang einige kleinere Satelliten (z.B. Aufklärungssatelliten) stationieren.

    Der Gleiter X-37B selbst kann bei Aufklärungs-Missionen eingesetzt werden, doch das ist aufwendig.  Viel einfacher wäre es, speziell dafür geeignete Weltraumapparate zu starten, obwohl sie auch nur einmalig verwendet werden können. Ähnlich sieht auch die Situation um die Beförderung eines nuklearen Gefechtskopfes in den Orbit aus – technisch ist solch eine Aufgabe umsetzbar, doch sinnlos. Zudem ist die Nutzlast von X-37B mit 800 kg gar nicht groß.

    Doch warum bleibt er so lange im Orbit? Das ist bereits sein fünfter Flug. Der erste Flug dauerte 224 Tage, der vierte 718 Tage. Es gibt nur eine vernünftige Erklärung – mithilfe der Raumgleiter werden tatsächlich militärische Experimente zum Langzeit-Aufenthalt im Weltraum durchgeführt. Am wichtigsten ist, dass die Ergebnisse ohne Verletzung der Geheimhaltung zurück auf die Erde gebracht werden können. Auf der ISS ist es schwieriger, Experimente dieser Art durchzuführen.

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    Wie früher bekanntgegeben wurde, findet im Rahmen des aktuellen Fluges das Experiment Advanced Structurally Embedded Thermal Spreader (ASETS-II) für die Tests von experimenteller Elektronik und schwingender Wärmeröhre statt. Bei den früheren Flügen wurde vor allem ein Hall-Effekt-Antrieb der Firma Aerojet Rocketdyne XR-5A getestet.

    Der Hall-Effekt-Antrieb ist ein Ionentriebwerk. Diese Triebwerke haben eine sehr geringe Schubkraft und werden zur Steuerung der Ausrichtung der Raumfahrzeuge bzw. bei Reisen ins tiefe All eingesetzt.

    Am wichtigsten ist etwas anderes – die Möglichkeit, die X-37B zu starten, deren Flug und Landung zu kontrollieren, bietet den Amerikanern sehr viel nützliche und wichtige Informationen. Es handelt sich um nützliche Erkenntnisse, die anschließend für die Entwicklung von militärischer Raumfahrttechnik verwertet werden können. Wie funktioniert der Wärmeschutz des Raumfahrzeugs während des Flugs und bei der Landung, welche Schäden hinterlässt der Raumschrott?

    Diese Erfahrung kann dann in den Raumgleitern der Zukunft implementiert werden, während wir bei einigen Experimenten aus der Sowjetzeit und dem einzigen (obwohl auch glänzenden) Flug des Buran-Raumfahrzeugs bleiben werden.

    Es hat keinen Sinn zu versuchen, die US-Projekte zu verbieten. Anscheinend wird alles tatsächlich gemäß Gesetz gemacht. Ja, sie werden zur Schaffung von Aufklärungssatelliten und anderer Militärtechnik genutzt, doch so sehen die Spielregeln aus. Wir können sie nicht ändern. Und die russische Raumfahrtbehörde muss  ihre Entwicklungen beschleunigen, doch bislang gibt es nichts Sehbares am Horizont.

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    Raumstation, Drohne, Weltraumtruppen, US-Weltraumdrohne X-37, Internationale Raumstation ISS, X-37, US Air Force USAF, USAF, Boeing, NASA, USA