00:42 24 April 2019
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    das Cockpit des Flugzeuges Boeing 737 MAX 8 (Archiv)

    Boeing: Konstruktionsfehler, Kommunikationsfehler und eine Milliardenstrafe

    © REUTERS / Abhirup Roy
    Technik
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    Valentin Raskatov
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    Boeing hat die 737 Max 8 technisch mangelhaft konstruiert und die Käufer nicht über die Schwächen des Flugzeugs aufgeklärt. Außerdem habe der Flugzeughersteller viel zu spät reagiert, betont der Flugrechtsexperte Elmar Giemulla. Auf den Produzenten kommen einige Milliarden an Schadensersatzkosten zu und ein Imageschaden auf Jahre.

    Sonntag vorletzter Woche ist eine äthiopische Boeing 737 Max 8 abgestürzt und seitdem steht Boeing nicht nur allerorts in der Kritik – die Maschinen dieses Typs dürfen auch vielerorts nicht mehr fliegen. Denn es ist die zweite solche Maschine, die innerhalb weniger Monate abgestürzt ist. Zuvor war eine Maschine der Fluggesellschaft Lion Air im Oktober 2018 in Indonesien abgestürzt.

    Ausgangspunkt: Konstruktionsfehler

    Die Ursache für diese Unfälle sieht Flugrechtsexperte Giemulla in der Konkurrenz von Boeing mit der Airbus 320 Neo, die wegen des geringeren Verbrauchs auf dem Markt stark gefragt ist. „Deshalb hat Boeing die 737 neu gestaltet und mit Triebwerken ausgestattet, die viel zu groß waren für die Gesamtkonstruktion des Flugzeugs“, betont Giemulla gegenüber Sputnik. „Dann hat sich eine technische Fehlentscheidung an die andere gereiht.“

    Denn die größeren Triebwerke gepaart mit den niedrigen Tragflächen der Boeing hatten es erfordert, dass die Triebwerke weit vorne angebracht wurden, damit sie nicht auf dem Boden schleifen. Das wiederum habe einen „unerwünschten Auftrieb“ zur Folge gehabt, dem das Computersystem entgegenwirken musste. „Das ist eine Aneinanderkettung von Konstruktionsschwächen, die dann irgendwann eben schiefgehen“, kommentiert Giemulla die Problem-Konstruktion   .

    Zweiter Fehler: Keine Hinweise für die Piloten

    Der nächste Fehler von Boeing: Diese technischen Schwächen hätten eigentlich besondere Anweisungen an die Piloten erfordert, die allerdings nicht ausreichend geschult worden seien. „Boeing hat vernachlässigt, die Käufer und damit auch die Piloten darauf hinzuweisen, was die Besonderheiten sind und wie man mit dem Flugzeug im Krisenfall umzugehen hat“, so der Flugrechtsexperte.

    Dritter Fehler: Verzögerung

    Und der letzte Fehler von Boeing war es, viel zu lange zu warten: „Spätestens nach dem zweiten Absturz hätte Boeing die Reißleine ziehen müssen, eigentlich schon vorher. Jetzt kommt ja langsam durch Berichte anonymer Piloten ans Tageslicht, dass sie vorher schon Schwierigkeiten mit dem Flugzeug hatten, diese Schwierigkeiten allerdings beilegen konnten, aber auch nicht verstanden hatten, warum das Flugzeug auf diese Weise reagiert. Das ist an Boeing gemeldet worden. Boeing hätte an dieser Stelle schon die Nutzer und Käufer darauf hinweisen müssen, wie das Flugzeug konstruiert ist, damit die Piloten zumindest darauf eingestellt sind. Nach allem, was wir jetzt wissen, hätte nicht einmal der erste Unfall passieren müssen.“

    Interviewpartner Elmar Giemulla
    © Foto : Elmar Giemulla
    Interviewpartner Elmar Giemulla

    Milliarden Schadenersatz und Imageverlust

    Diese Fehler werden für Boeing Folgen haben, ist sich Giemulla sicher. Zunächst wäre da die Produkthaftung und die sieht vor, dass Boeing Zahlungen an die Hinterbliebenen der 350 Opfer leisten muss, die in den USA ausgehandelt werden. Hinzu komme eine Besonderheit des US-amerikanischen Rechts, die „punitive damage“. Wenn ein Schaden hätte verhindert werden können und man ihn sehenden Auges dennoch zugelassen hat, dann wird die Strafe deutlich verschärft und schlichtweg verdreifacht. Da Boeing mindestens den zweiten Absturz hätte vorhersehen können, kommt die „punitive damage“ zum Tragen. „Das ist eine Summe, die eine Firma schwer verkraften kann“, merkt Giemulla an.

    Aber hier hört die Rechnung nicht auf: „Hinzu kommen Probleme der Fluggesellschaften. 270 Flugzeuge sind aus dem Verkehr gezogen worden, weitere knapp 5000 stehen auf der Bestellliste. Das muss jetzt alles umgeplant werden, Ersatzflugzeuge müssen beschafft werden. Höchstwahrscheinlich werden diese Umsatzeinbußen, die die Fluggesellschaften weltweit dadurch haben, auch im Sinne eines Schadensersatzes von Boeing eingefordert werden.“ Summa summarum glaubt der Flugrechtsexperte: „Das wird mehrere Milliarden kosten.“

    Zu dem finanziellen Schaden, den Boeing davonträgt, kommt ein angekratztes Image hinzu. „Die Besteller werden sich jetzt natürlich sehr genau ansehen, was mit diesem neuen Modell ist“, sagt Giemulla etwa in Blick auf die eben erst präsentierte Boeing 777. Und weil das Vertrauen der Käufer in Boeing gesunken ist, „wird Boeing wahrscheinlich seine Flugzeuge auf dem Markt verscherbeln müssen“. Den Imageschaden zu reparieren, wird Jahre dauern, findet Giemulla und: „Ob das überhaupt gelingt, wird sich zeigen.“

    Das komplette Interview mit Elmar Giemulla in voller Länge:

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    Tags:
    Konstruktion, Defekt, Flugzeug, Boeing 737 MAX 8