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02:56 23 Juli 2019
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    Absturzort des Flugzeuges Boeing 737 Max 8 in Äthiopien (Archivbild)

    Aufstand der Maschinen: Warum die Boeing 737 MAX Menschen tötet

    © AP Photo / Mulugeta Ayene
    Technik
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    Maxim Rubtschenko
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    Boeing-Generaldirektor Dennis Muilenburg hat einen offenen Brief veröffentlicht und darin betont, dass sichere Flüge mit unseren Flugzeugen „der ewige Wert und die absolute Priorität“ seines Unternehmens seien.

    Experten aus aller Welt sprechen derweil von technischen Probleme des Modells 737 MAX, die in den letzten Monaten zum Tod von 346 Menschen geführt haben. Über die Gründe, warum gleich mehrere Boeing-Maschinen abgestürzt sein könnten, schreibt RIA Novosti in diesem Beitrag.

    Das Programm der Katastrophe

    „Wir wissen, dass von der Arbeit, die wir leisten, das Leben der Menschen abhängt, und unser Team leistet seine Arbeit jeden Tag mit großer Verantwortung“, behauptete der Boeing-Chef in seinem Brief an Fluggesellschaften, Fluggäste und die ganze Welt. „Die tragischen Abstürze des Flugs 302 der Ethiopian Airlines und des Flugs 610 der Lion Air treffen uns alle und vereinigen Menschen und ganze Völker, die von Trauer erfasst sind.“

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    Muilenburg zufolge befasst sich Boeing „schon seit mehr als 100 Jahren“ mit dem Thema Flugsicherheit und bemüht sich darum, „sichere Flugzeuge noch sicherer zu machen“.

    „Unser ganzes Team gibt alles für die Qualität und Sicherheit der Flugzeuge, die wir entwickeln bauen und bedienen“, so der Konzernchef. „Und wir werden auch weiterhin unsere besten Produkte auf den Markt liefern, unsere Kunden und die Piloten aller Fluggesellschaften der Welt ausbilden und unterstützen.“

    Muilenburg beteuerte, dass Boeing demnächst „eine neue Software und ein entsprechendes Programm der Pilotenausbildung“ für das Modell 737 MAX herstellen werde, damit die nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine entdeckten Probleme beseitigt werden.

    Damit räumte der Boeing-Chef indirekt ein, dass die Katastrophen wegen der mangelhaften Software passiert waren. Allerdings sind viele Experten geteilter Meinung: „Das ist kein Software-Problem – das war vor allem ein wirtschaftliches Problem, denn Triebwerke der Boeing 737 verbrauchten viel zu viel Brennstoff“, findet beispielsweise der Software-Experte und CEO der Firma Mentality.ai, David Kammayer.

    Gerade deshalb habe sich Boeing für neue, stärkere und effizientere Motoren entschieden, die einen größeren Turbinendurchmesser haben, so der Experte. So sei 2016 die Modifikation 737 MAX entstanden. Aber wegen ihrer Größe konnten die neuen Triebwerke nicht auf dem Platz der alten montiert werden – und mussten deshalb nach vorne und etwas nach oben verschoben werden. Dadurch habe sich allerdings die Schwerpunktlage verändert, und die Flugzeugnase zog es in der Luft immer nach oben.

    Um diesen Defekt zu beseitigen, wurde ein spezielles Computerprogramm entwickelt: MCAS, mit dem die Nase automatisch nach unten gedrückt wurde.

    Geheime Waffe

    Allerdings hatten sich die Boeing-Entwickler anfangs ziemlich eigenartig verhalten: Sie beschlossen, über das MCAS-Programm niemanden zu informieren. Und bis zum Absturz der indonesischen Maschine hatten weder Piloten noch technische Dienste noch die Fluggesellschaften darüber gewusst.

    Wie der Pilot Denis Okan, der seit 2005 verschiedene 737-Modifikationen (auch die 737 MAX) fliegt, sagte, werde die Abkürzung MCAS in der Gebrauchsanweisung dieser Maschine ein einziges Mal erwähnt – in der Liste der Abkürzungen.

    Mehr noch: Das System ist so eingerichtet, dass sich das MCAS-Programm kaum entdecken lässt – es wurde geräuschlos eingeschaltet, wenn der Computer glaubte, dass die Nase zu stark nach oben gezogen wurde, funktionierte nur wenige Sekunden und schaltete sich wieder aus – bis zum nächsten Mal.

    Praktisch alle Branchenkenner müssen sich wundern, warum Boeing-Vertreter das MCAS-System verheimlicht hatten, denn sie sind sich einig, dass die Katastrophen großenteils gerade dadurch verursacht wurden. Denn wenn die Piloten davon gewusst hätten, hätten sie die Automatik ausschalten und die Maschine manuell leiten können.

    Manche Experten in Amerika sind aber überzeugt, dass Boeing das neue System absichtlich geheim gehalten hatte: einfach um Zeit und auch Geld für seine Zertifizierung zu sparen.

    ​Und jetzt stelle man sich vor, wie die Katastrophen der 737-MAX-Maschinen geschehen konnten. Beim Abheben beschloss der Computer, dass sich die Nase der Maschine zu hoch befindet, und das MCAS-System wurde eingeschaltet. Die Piloten sahen, dass sich die Nase nach unten senkte, verstanden nicht, was los war, und zogen das Steuer an sich. Einige Sekunden später schaltete sich MCAS aus, der Widerstand am Steuer blieb aus, und die Nase der Maschine ging nach oben – jetzt schon richtig. Dann „wachte“ die Automatik wieder „auf“ und führte die Maschine quasi nach unten.

    Der einzige Weg, sich gegen MCAS zu wehren, war, die Automatik auszuschalten und das Flugzeug manuell zu lenken. Auf diese Idee kam die Besatzung von Lion Air, die am 29. Oktober 2018 einen Flug nach Jakarta machte. Am Flughafen informierten die Piloten die Techniker über gewisse Probleme, die aber keine fanden – weil sie nichts über das MCAS-System wussten.

    Und am darauf folgenden Tag war eine andere Besatzung im Einsatz. Um 06.21 Uhr startete die Maschine nach Pankal Pinang. Vier Minuten nach dem Start begann die Maschine, die Flughöhe ständig zu wechseln, und sieben Minuten später stürzte sie in den Ozean ab. An Bord befanden sich 181 Fluggäste und acht Besatzungsmitglieder.

    Zwei Wochen später informierte Boeing ihre Kunden zum ersten Mal über das MCAS-System und erläuterte, wie es auszuschalten wäre.

    Die Piloten wurden gewarnt, dass MCAS nicht nur die Flugzeugnase nach unten drücken, sondern auch den Autopiloten ausschalten könnte, der sich nicht wieder einschalten ließe. Zudem könnte dabei das Steuer zittern, während das Computersystem über die kritischen Kennzahlen der Geschwindigkeit, des Angriffswinkels und der Querlage informieren könnte.

    Dabei konnten die Piloten immer noch nicht erfahren, wann sich das WCAS-System einschaltet – sie sahen einfach, dass die Flugzeugnase nach unten ging,  und zogen das Steuer an sich – und konnten den Widerstand der Automatik nicht überwinden.  Das ist voraussichtlich beim Absturz der Maschine der Ethiopian Airlines passiert.

    Und noch ein prekäres Detail: Boeing soll seinen Kunden eine Option für die 737-MAX-Maschinen angeboten haben – einen zusätzlichen Sensor des Angriffswinkels und einen Indikator, der die  Piloten über die Einschaltung des MCAS-Systems informieren würde. Doch dafür müssten die Fluggesellschaften zahlen, und viele wollten das nicht. Auch die Ethiopian Airlines und die Lion Air.

    Zurück in den Himmel

    Als die Ähnlichkeit der Katastrophen in Indonesien und Äthiopien bekannt wurde, wurde in vielen Ländern ein Verbot für Flüge der Maschinen Boeing 737 MAX verhängt. Besonders lange wurde das Problem natürlich in den USA ignoriert. Aber am 13. März musste auch Präsident Donald Trump die Flüge dieser Maschinen untersagen.

    Laut einer Version hofften die Amerikaner bis zum letzten Moment, den Skandal doch maximal zu mildern und Boeing vor gigantischen Verlusten zu bewahren. Und das wäre ihnen wohl auch gelungen, wenn sich an Bord der in Äthiopien abgestürzten Maschine nicht 22 UN-Mitarbeiter befunden hätten, die privilegierte Versicherungen hatten.

    Die Versicherungsgesellschaften, die mit der UNO zusammenwirken, setzten alle ihre lobbyistischen Möglichkeiten ein, um die an der Katastrophe schuldige Seite zahlen zu lassen. Und schuldig ist offenbar Boeing.

    Experten zufolge könnten die mit den beiden Katastrophen verbundenen Entschädigungen den Konzern bis zu drei Milliarden Dollar kosten. Noch mehrere Milliarden müsste er für die Abfindung der Fluggesellschaften für ihre Verluste wegen des Flugverbots für ihre Maschinen des Typs 737 Max ausgeben.

    Und falls sich herausstellen sollte, dass Boeing bei der Zertifizierung des WCAS-Systems auf faule Tricks zurückgegriffen hatte, kämen nicht nur rein finanzielle Verluste, sondern auch ein Gerichtsprozess gegen das Top-Management des Konzerns infrage.

    Aber das alles bedeutet nicht, dass 737-MAX-Maschinen nicht mehr abheben werden. Denn die Fluggesellschaften haben einfach keine andere Wahl.

    Airbus teilte in dieser Woche offiziell mit, dass der Konzern Aufträge für mehrere Jahre habe, so dass er beim besten Willen keine zusätzlichen Flugzeuge bauen könnte, die die Boeing-Maschinen ersetzen würden. Und andere Unternehmen, die ähnliche Flugzeuge bauen würden, gibt es in der Welt einfach nicht.

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    Also wird im April die neue Software für das Modell 737 MAX erscheinen, dank der das MCAS-System nicht so „eigenwillig“ werden soll. Die Piloten werden unterrichtet, wie sie den Moment, wenn sich MCAS einschaltet, bemerken und es eventuell ausschalten können. Möglicherweise wird Boeing seine Kunden mit den erwähnten Sensoren auch kostenlos versorgen.

    Passagiere in der ganzen Welt werden in wenigen Monaten wieder 737-MAX-Maschinen besteigen und damit fliegen. Und die Katastrophen in Indonesien und Äthiopien werden nichts als ein tragisches Kapitel in der Geschichte der Luftfahrt bleiben.

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    MCAS-System, Passagiere, Beitrag, Brief, Katastrophe, Pilot, Flugzeug, Flugzeugabsturz, Boeing 737 Max, Lion Air, Ethiopian Airlines, UN, Airbus, Boeing, Dennis Muilenburg, Äthiopien, Indonesien, USA