14:01 27 Juni 2019
SNA Radio
    Das US-amerikanische unbemannte Kriegsschiff Sea Hunter (Archivbild)

    „Geisterflotte“: Pentagon plant massiven Drohneneinsatz gegen russische U-Boote

    © Foto: U.S. Navy / John F. Williams
    Technik
    Zum Kurzlink
    Nikolai Protopopow
    1818197

    Eine Superwaffe gegen russische U-Boote – das soll der „Sea Hunter“ sein: ein teilautonomes Kriegsschiff, das die US Navy entwickelt hat. Über zwei Monate kann die Drohne in küstennahen Gewässern patrouillieren – ferngesteuert, ohne Besatzung. Wenn die Tests erfolgreich verlaufen, will das Pentagon Dutzende dieser U-Boot-Jäger beschaffen.

    Um sowjetische U-Boote aufzuspüren, hatten die Amerikaner einst ein weltumspannendes Lauschsystem aufgebaut, ein Netz von Sensoren, verlegt auf dem Grund der Weltmeere. Es handelte sich um akustische Schranken: Fuhr ein U-Boot durch, schlugen Messgeräte an. Wurde ein U-Boot an mehreren Messtellen registriert, konnte dessen Kurs errechnet werden. Fernaufklärer und U-Boot-Jäger kamen zum Einsatz. Dieses Sensornetz zu überlisten, „war nicht einfach“, sagt der ehemalige U-Boot-Kapitän Igor Kudrin.

    Dann kamen die Neunziger, eine für Russland katastrophale Zeit: „Russlands Marine stellte die U-Boot-Patrouillen nahezu vollständig ein. Die Amerikaner dachten, sie könnten sich entspannt zurücklehnen. Wenn die russische U-Boot-Flotte roste, müsse man auch die U-Boot-Abwehr nicht sonderlich weiterentwickeln. Doch Überheblichkeit rächt sich“, sagt der Kapitän. „Russlands Marine wird wieder stark, bekommt neues Gerät mit neuen Möglichkeiten. Es zeigt sich, dass das alte Sensornetz dem nicht gewachsen ist. Plötzlich muss die US Navy nach neuen Lösungen suchen.“

    Ein ferngesteuerter Trimaran, der „Sea Hunter“, soll Teil der Lösung werden. Die hochseetaugliche Drohne entstand im Rahmen des ACTUV-Programms – „Anti-Submarine Warfare Continuous Trail Unmanned Vessel“ (so etwas wie ein „Unbemanntes Dauereinsatz-Uboot-Abwehr-Waffensystem“). 2010 hat das Rüstungsprogramm begonnen, seit 2014 fährt der „Sea Hunter“ im Testbetrieb.

    40 Meter lang und 145 Tonnen schwer ist das Vehikel, angetrieben von zwei Dieselmotoren. Spitzentempo: 30 Knoten. Über zwei Monate kann die Drohne auf Patrouille bleiben und dabei rund 10.000 Seemeilen zurücklegen. Einsatztauglich ist der Trimaran auch bei sehr schwerer See.

    Noch hat der „Jäger“ keine Waffen an Bord. Erst die nachfolgenden Muster sollen bewaffnet werden: mit Artilleriegeschützen, Raketen, ja sogar mit Laserwaffen und starken Störsendern, erklärt das Pentagon. Torpedos oder Wasserbomben? Weiß man nicht.

    Doch ist der Haupteinsatzzweck des „Sea Hunters“ die Ortung und Verfolgung von diesel-elektrischen U-Booten. Dafür ist das Kampfschiff mit einem kräftigen Sonar ausgerüstet – und mit einer Vielzahl an Sensoren und Radaren, mittels derer das teilautonome Vehikel seinen Kurs je nach Umständen selbstständig korrigieren und halten kann.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Grund zur Freude für die Bundeswehr: U-Boote einsatztauglich<<<

    Diesel-elektrische U-Boote – das sind in Russland vor allem die Boote der Klasse 636.3 (auch bekannt als „Paltus“ oder „Warschawjanka“). Sie sind der wahrscheinliche Gegner, den der „Sea Hunter“ laut Einsatzauftrag bekämpfen soll. Das schlagkräftigste Argument der russischen U-Boote sind (neben den 533-mm-Torpedos) die Lenkraketen „Kalibr-PL“.

    Die U-Boote der Klasse 636.3 sind die ersten in der jüngeren Geschichte der russischen Marine, die echte Ziele mit Raketen beschossen haben – beim Einsatz vor der syrischen Küste. Da kam der taktische Vorteil dieser Boote zur Geltung: Sie erfassen das Ziel aus einer Entfernung, die drei bis vier Mal größer ist als die Distanz, aus der der Gegner sie erfassen kann.

    Sechs solcher dieselelektrischer Kampfvehikel dienen bereits bei der russischen Schwarzmeerflotte, die nächsten sechs gehen an die Pazifikflotte. Außerdem ist die Klasse 636.6 ein Exporterfolg. China und Indien kauften je zehn Stück, Vietnam beschaffte sechs, mehrere Exemplare gingen nach Iran und Algerien.

    Bis heute haben die USA kein Waffensystem, welches die russischen nicht-atomaren U-Boote effektiv bekämpfen könnte, sagt Kudrin: „In den 1950ern dachten die Amerikaner, diesel-elektrische U-Boote hätten keine Zukunft. Sie entwickelten keine mehr. Stattdessen haben sie sich auf den Bau von Atom-U-Booten konzentriert. Inzwischen ist aber klar, dass diesel-elektrische Boote bei bestimmten Aufgaben unabdingbar sind. In bestimmten Bereichen haben sie große Möglichkeiten.“

    Dass ein unbemanntes Kriegsschiff die optimale Waffe zur Abwehr von diesel-elektrischen U-Booten sein soll, bezweifelt der Experte jedenfalls: „Selbst wenn die Drohne ein U-Boot orten würde, bekämpfen könnte sie es nicht.“

    Einen Kampfeinsatz des „Sea Hunters“ stellen sich die Pentagon-Strategen auch etwas anders vor: Die Drohne soll das U-Boot orten, verfolgen – und dessen Koordinaten an Kampfschiffe weiterleiten, die sich in der Nähe aufhalten. Die Entwickler sagen, das unbemannte Gefährt könne auch innerhalb eines Flugzeugträgerverbandes eingesetzt werden, als Schutzkomponente.

    Die US Navy hat 400 Millionen Dollar für das kommende Jahr beantragt, um zwei weitere Testdrohnen zu bauen. In den nächsten fünf Jahren sollen zehn solcher Schiffe entstehen, für insgesamt 2,7 Milliarden Dollar.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Russland präsentiert unbemannten Unterwassergleiter – VIDEO<<<

    Ob sie wirklich eine effektive Abwehrwaffe gegen russische und chinesische U-Boote sein werden, ist momentan unklar. Wohl aber eher nicht, sagt Militärexperte Sergej Sudakow, Mitglied der Akademie für Militärwesen: „Das Sonar ist relativ lahm. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Drohne präzise dorthin gelangen kann, wo sie das U-Boot geortet hat, ist gering“, sagt der Fachmann. „Ursprünglich wollten die Amerikaner ein satellitengestütztes Ortungsnetz aufbauen. Aber man braucht Billionen, um dieses Konzept in vollem Umfang umzusetzen.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Kriegsschiff, Waffensysteme, U-Boote, Kampfschiffe, Drohne, Verteidigung, Flotte, Waffen, Sea Hunter, Paltus (U-Boot), U-Boote vom Typ Warschawjanka, Kalibr-Rakete, Marine Russlands, US-Navy, Pentagon, Sergej Sudakow, USA, Russland