09:20 16 Juni 2019
SNA Radio
    Prototyp Radkampfwagen 90

    Lösung für die Bundeswehr: Auf Rädern statt auf Ketten in die Schlacht

    CC BY-SA 2.0 / Neuwieser / WTS Koblenz
    Technik
    Zum Kurzlink
    2929169

    Verdutzt stellen europäische Großmächte fest, ihre Streitkräfte jahrzehntelang vernachlässigt zu haben. Schwach sind die Armeen von EU-Ländern geworden, schreibt das Portal „vpk-news“. Um die Schlagkraftverluste wettzumachen, holen die Verantwortlichen Waffenkonzepte wieder hervor, die noch im Kalten Krieg entwickelt wurden.

    Die Ausstattung mit Kampffahrzeugen ist eigentlich für alle europäischen Nato-Länder ein Problem – besonders aber für Deutschland und seine Bundeswehr, schreibt das Portal „vpk-news“. Es fehlt an Kampf- und Schützenpanzern ebenso wie an gepanzerten Truppentransportern. Besonders dringlich ist das Ausstattungsproblem bei leichteren Gefechtsfahrzeugen, die für einen raschen Einsatz im Osten Europas unersetzlich, weil luftverlastbar, wären.

    Die USA etwa (sie haben das Problem auch) versuchen sich durch die Beschaffung von Radpanzern auf „Stryker“-Basis zu helfen. Nimmt Deutschland sich daran ein Beispiel, könnte die Bundeswehr ein Konzept reanimieren, das gegen Ende des Kalten Krieges entwickelt wurde, aber nie in Serie ging: den Radkampfwagen 90.

    Dieses Kampfgerät zu beschaffen, beschloss die Bundesregierung, nachdem Deutschlands Nachbar Frankreich 1981 den Radpanzer AMX-10RC (eigentlich ein „schweres Spähfahrzeug“) mit einem 105-mm-Geschütz in Dienst gestellt hatte. Die Verantwortlichen in Bonn wollten ein vergleichbares Fahrzeug für die Bundeswehr.

    Denn die Nachteile dieser Technik (schwächerer Schutz und geringere Feuerkraft als beim Kampfpanzer) wiegen weniger im Verhältnis zu den Vorteilen: Radpanzer sind sparsamer, ausdauernder, schneller als Kettenfahrzeuge. Sie können ohne Tieflader ins Einsatzgebiet verlegt werden, ohne den Straßenbelag zu zerfurchen. Und: Aufklärung ist nur ein möglicher Einsatzzweck von Radpanzern. Feuerunterstützung von mobilen Einheiten, auch in urbaner Umgebung, ist ein anderer.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Deutschland eine Waffenkammer der Welt“ — Das Leid der Rüstungsexporte<<<

    Mit der Entwicklung eines schweren Spähpanzers beauftragte die Bundeswehr den Daimler-Konzern. 1983 wurde ein Prototyp von Radpanzer 90 vorgestellt. Über 7 Meter lang, fast 3 Meter breit und rund 2,2 Meter hoch war das Gefechtsfahrzeug. Angetrieben von einem Turbodiesel mit 830 PS erreichte der Radpanzer auf befestigten Straßen ein Spitzentempo von 100 km/h.

    Da in den Achtzigerjahren niemand einen Einsatz der Bundeswehr gegen sowjetische Panzer ausschließen konnte, musste auch dieses Kampfgerät gut geschützt sein. Deshalb entschieden sich die Ingenieure den Motor im Heck des Radpanzers anzuordnen, wie für einen Kampfpanzer üblich. Die Front des Radpanzers wurde mit 50- bis 60-mm-dicken Stahlplatten versehen, die dem Beschuss aus der 30-mm-Kanone eines sowjetischen BMP-2 auf mittlere Distanz standhielten.

    Das relativ geringe Gewicht des Radpanzers von max. 36 Tonnen ermöglichte es den Ingenieuren, den Geschützturm des damaligen „Leopard“-Panzers auf dem Fahrgestell zu verbauen. Die Standard-Panzerkanone hatte ein Kaliber von 105 mm, hinzu kam ein 7,62-mm-MG. Die Besatzung bestand aus vier Mann.

    Der Auftraggeber war mit der Neuentwicklung zufrieden, doch in Serie ging der Radpanzer 90 nicht: Der Warschauer Pakt war zerfallen, Deutschland war wiedervereint, das Rüstungsprojekt war Anfang der Neunziger endgültig Geschichte.

    Doch: Die Erfahrung, die die Entwickler damals mit dem Radpanzer 90 gesammelt hatten, wurde in einem anderen Projekt umgesetzt. Anfang der 2000er Jahre präsentierte ein britisch-deutsch-französisches Konsortium das Gepanzerte Transportkraftfahrzeug (GTK) „Boxer“.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Waffenbau mit Ukraine verboten: Deutsche Politik beweist Umsichtigkeit – Experte<<<

    Dass das Rüstungsvorhaben doch noch erfolgreich sein würde, war nach dem Projektstart überhaupt nicht sicher. Erst Projektpartner Frankreich 1999 ausgestiegen, um einen eigenen Radpanzer zu bauen, den VBCI. 2001 kamen die Niederländer hinzu, 2004 verließen aber die Briten das Gemeinschaftsprojekt.

    Die Bundeswehr nutzt das gepanzerte Fahrzeug seit 2011. Und wer weiß: Vielleicht wächst der „Boxer“ über die Funktion eines gepanzerten Transporters noch hinaus, schreibt das Portal. Medienberichten zufolge zeigt die deutsche Armee nämlich Interesse an einem Gefechtsfahrzeug von der Art eines Radpanzer 90, der einst die Grundlage für den „Boxer“ gelegt hatte.

    Wie das Kampfgerät für die Bundeswehr aussehen könnte, hat Australien schon demonstriert: Die australische Regierung hat den Konzern Rheinmetall Mitte letzten Jahres mit der Lieferung von 211 Radpanzern im Gesamtwert von 2,1 Milliarden Euro beauftragt. Das mit einem 30-mm-Geschütz bewaffnete Fahrzeug wird als schwerer Spähpanzer kategorisiert.

    Indes melden sich die Briten steigen nach knapp 15 Jahren zurück und wollen wieder in das „Boxer“-Projekt einsteigen. Medien berichten, es sei sogar geplant, eigens ein Fertigungszentrum für gepanzerte Fahrzeuge in Großbritannien aufzubauen, sollte die britische Führung sich dem Rüstungsprogramm wieder anschließen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Entwicklung, Panzer, Waffen, Radschützenpanzer Stryker, Daimler AG, Bundeswehr, Deutschland, USA