02:01 23 November 2019
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    Flugzeug Tu-214 (Archiv)

    Erster Flug über USA: Das kann Russlands neues Spähflugzeug

    © Sputnik / Nikolaj Chischnjak
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    Ein russisches Beobachtungsflugzeug Tu-214ON hat seinen ersten Flug über den USA absolviert. Die Zeitung „Iswestija“ berichtet, warum es sich dabei um einen äußerst wichtigen Durchbruch im Bereich der russisch-amerikanischen „Militärdiplomatie“ handelt.

    Erstmals im Rahmen des Vertrags über den offenen Himmel (Open Skies) hat ein russisches Aufklärungsflugzeug Tu-214ON einen Überwachungsflug absolviert. Russische Flugzeuge sind im Rahmen dieses Vertrags bereits mehrere Male über die USA geflogen. Doch statt der modernisierten Tu-154 war dieses Mal die neue Aufklärungsmaschine im Einsatz.

    Spielregeln

    Der Vertrag über den offenen Himmel wurde 1992 in Helsinki ins Leben gerufen. Es ermöglicht den Teilnehmerstaaten gegenseitige Aufklärungsflüge (delikate Bezeichnung: Überwachungsflüge) über das Territorium des jeweils anderen Landes. Die Materialien der Beobachtungen sollen dabei auf Anfrage anderen Teilnehmerstaaten zugänglich sein.

    Die Flugquoten werden jedes Jahr bei einer Sitzung der konsultativen Kommission verteilt. Die russische Quote beläuft sich 2019 auf bis zu 42 Flüge (darunter acht Flüge über den USA, die anderen über den europäischen Nato-Mitgliedern). Die USA haben insgesamt das Recht auf 19 Flüge, 16 davon über Russland, was doppelt so viel wie umgekehrt ist, weil die Nato faktisch ihre Quoten den Amerikanern übergibt, indem „gemeinsame Flüge“ absolviert werden.

    Russland, das im Rahmen des Vertrags sehr aktiv ist, führt in der Regel mehr Flüge aus als es ausführen lässt, weil viele Teilnehmerstaaten ihre Quoten nicht komplett nutzen. Einige Staaten haben einfach nichts, womit sie fliegen können.

    Natürlich sind auch Regeln und Beschränkungen festgeschrieben – der Anflug des „Spions“ muss mindestens drei Tage im Voraus angekündigt und der Flugplan mehr als einen Tag im Voraus gebilligt werden. Außerdem müssen die konkreten aufnehmenden Flugplätze, Entfernungen und die minimale Flughöhe abgesprochen werden. Besondere Aufmerksamkeit ist der Beschreibung der Möglichkeiten der Aufklärungsapparate gewidmet. Erlaubt ist die Ausstattung der Flugzeuge mit folgenden Geräten:

    • Schwarz-weiß-, vertikale und Panoramakameras mit einer Auflösung auf minimaler Höhe nicht mehr als 0,3 Meter pro Pixel und Reichweite der Panoramabilder von nicht mehr als 50 Kilometern abseits der Flugbahn;
    • Videokameras mit einer Auflösung nicht besser als 0,3 Meter die außer der Aufnahme von Videos noch den restlichen Aufklärungskomplex steuern;
    • Infrarot-Panoramakameras mit einer Auflösung nicht besser als 0,5 Meter;
    • Seitsicht-Radaranlage mit einer Auflösung max. 0,5 Meter und Deckung von max. 25 Kilometern.

    Allerdings ist ein solcher Aufklärungskomplex fast bei niemandem installiert. Die meisten setzen mit Fotokameras ausgestattete Verkehrs- bzw. Passagierflugzeuge ein. So sind die amerikanischen OC-135B nur mit Foto- und Videokameras ausgestattet und stellen umgebaute WC-135 dar, die in den 1960er Jahren auf Grundlage der Verkehrsflugzeuge C-135 gebaut wurden.

    Nur ein Flugzeug der Teilnehmerstaaten des Vertrags verfügt über einen vollständigen erlaubten Aufklärungskomplex – die russische Tu-214ON.

    Zu gutes Flugzeug

    Der Ausdruck „hat keine Analoga“ hat sich derweil dermaßen verbreitet, dass er oft als Ironie wahrgenommen wird, doch in diesem Fall ist er nicht fehl am Platz.

    Statt veralteter umgebauter Flugzeuge gibt es nun ein neues Flugzeug, das den Parametern des Vertrags über den offenen Himmel entspricht. Der erste Flug des ersten der beiden Flugzeuge fand am 1. Juni 2011 statt. Beide Maschinen wurden den Luftstreitkräften 2013-2014 übergeben. Visuell unterscheiden sie sich von der Tu-214 durch einen kleinen Container mit Aufklärungsgeräten, der sich hinten unter dem Flügel befindet. In dem Container befinden sich die Radaranlage und Infrarotkameras, im vorderen Teil sind digitale Foto- und Videokameras untergebracht.

    Russische Ingenieure des Konzerns Vega entwickelten diesen vollkommenen Aufklärungskomplex, der schwer zu zertifizieren war, weil die Kameras ein zu klares Bild übermittelten, sodass es bei der Bearbeitung künstlich verschlechtert werden musste. Die Kameras wurden gegen einfachere ausgetauscht, die bereits bei den Überwachungsflugzeugen auf der Basis der An-30 genutzt wurden. Allerdings zog sich die Zertifizierung des Flugzeuges in die Länge.

    Die angespannte politische Situation führte dazu, dass es 2018 überhaupt keine Flüge im Rahmen des Vertrags über den offenen Himmel gab – Anlass war der russisch-georgische Streit über Flüge nahe Abchasien und Südossetien. Russland beharrte darauf, dass man gemäß den Punkten des Vertrags nicht näher als zehn Kilometer an die Sperrzonen heranfliegen sollte. Georgien und die westlichen Länder waren damit natürlich nicht einverstanden. Zudem erhoben die USA Ansprüche gegen die von Russland eingeführte zusätzliche Beschränkung der Flugdistanz über dem Gebiet Kaliningrad.

    Die US-Gesetzgeber verboten im Gesetz über nationale Verteidigung für das Finanzjahr 2019 die Zertifizierung der Tu-214ON.

    Die Flugzeuge blieben allerdings nicht ohne Arbeit. Als Bildaufklärer wird die Tu-214ON bei Übungen genutzt oder bisweilen in Syrien und den grenznahen Regionen Russlands eingesetzt.

    Anfang September 2018 wurde das Flugzeug von allen Teilnehmern des Vertrags außer den USA zertifiziert, die sich am 12. September weigerten, ihre Unterschrift zu geben. Es schien, dass der Vertrag über den offenen Himmel das Schicksal anderer Verträge erwartet, doch am 24. September änderte die US-Seite ihre Position und unterzeichnete doch das Protokoll zur Zertifizierung der Tu-214ON.

    Das geschah beinahe in letzter Minute, denn am 1. Oktober begann das nächste Finanzjahr. So etwas kommt selten vor – die Seiten erreichten einen Kompromiss. Russland machte ein Zugeständnis bezüglich der Kaukasus-Frage und die USA bei der Kaliningrad-Frage.

    Am 22. April begab sich die neue Tu-214ON zum ersten Arbeitsflug in die USA. Zuvor hatte es im März bereits Überwachungsflüge mit der Tu-154 gegeben. Es wurden damals unter anderem Testgelände und wichtige Luftstützpunkte wie Edwards, Creech, Area 51 u.a. besucht.

    Die Tu-214ON konzentrierte sich auch auf den Besuch von auf dem Festland gelegenen Militärstützpunkten und verschiedener Sondergelände (wie das Zentrum für die Vernichtung von C-Waffen bei Pueblo). Sie flog am Nuklearzentrum in Los Alamos, Whiteman, dem Hauptstützpunkt der strategischen Fliegerkräfte, vorbei; die Felder der Interkontinentalraketen Minuteman III in Wyoming wurden aufgenommen. Die Beobachtermission dauerte eine Woche und endete am 27. April.

    Es ist wohl nicht die letzte Dienstreise des „Spions“ in die USA, weil die Situation um die Aussichten des Vertrags über den offenen Himmel etwas optimistischer werden. Ein gutes Zeichen kann dabei auch die Tatsache sein, dass das US-Militär Ausgaben für ein Analogon der neuen russischen Maschine als Ersatz für die veraltete OS-135B in die Haushaltspläne aufgenommen hat.

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    Tags:
    Überwachung, Tu-214ON, Aufklärungsflugzeug, Open Skies (Offener Himmel), Russland, USA