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14:36 20 Oktober 2019
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    US-Soldat während der Hyperschall-Forschungen (Archiv)

    Rüsten mit Hyperschall: Welche Waffenprogramme schickt das Pentagon ins Rennen?

    © Foto: U.S. Air Force/Joshua Armstrong
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    Auch die Vereinigten Staaten werden früher oder später über Hyperschallwaffen verfügen. Das Pentagon will seine Armee, Luftwaffe und Marine in spätestens zwei Jahren mit entsprechenden Gefechtsköpfen ausgerüstet haben. Aber: Werden diese Waffensysteme wirklich eine Bedrohung sein für potenzielle Gegner? Das Portal „Swesda“ berichtet.

    Washington will bis spätestens 2021 Waffen entwickelt haben, die mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit das Ziel angreifen können. Dafür hat das Pentagon im Oktober 2018 beschlossen, mehrere Rüstungsprogramme zusammenzulegen. Denn bis dato entwickelte jede Teilstreitkraft ihre eigene Hyperschallwaffe: die Armee und die Marine arbeiteten an der Advanced Hypersonic Weapon (AHW), die Luftwaffe entwickelte die Hypersonic Conventional Strike Weapon (HCSW) – und dann ist da noch das Prompt Global Strike-Programm.

    Unbestritten: Der Anlass für die Zusammenlegung der Programme ist die Furcht der US-Strategen vor dem Vorsprung, den Russland und China bei der Entwicklung von Hyperschallwaffen erzielt haben, schreibt das Portal.

    Die US Navy hat als erste eine Zusatzfinanzierung von 13 Mio. Dollar erhalten, um eine U-Boot-gestützte ballistische Rakete zu entwickeln, deren Gefechtskopf von der AHW abgeleitet werden soll. Mit der Entwicklung sind die Sandia National Laboratories beauftragt, eine F&E-Einrichtung, die schon an der bodengestützten Version der AHW gearbeitet hat. Die Raketen aus dem AHW-Programm sind als ballistische Mittelstreckenraketen einzustufen, deren Gefechtsköpfe das Ziel mit acht- bis zwölffacher Schallgeschwindigkeit ansteuern sollen.

    Ursprünglich war das AHW-Programm in ein anderes Rüstungsvorhaben integriert – jenes mit dem Namen FALCON (Force Application and Launch from Continental United States): eine Waffe zur Anwendung und zum Start vom US-Festland aus. Finanziert wurde es von der US Air Force und der DARPA, der Forschungseinrichtung des Pentagon.

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    Bis heute ist FALCON das erfolgversprechendste der amerikanischen Hyperschallwaffenprogramme, schreibt das Portal. Dennoch hat sich die US-Militärführung für das AHW entschieden, um möglichst schnell einen Gegenentwurf zur russischen Awangard-Rakete auf die Beine zu stellen.

    Auch die US Air Force hat Interesse an der AHW: „Der AHW-Gefechtskopf hat die Tests wesentlich besser absolviert als FALCON“, sagte die Air Force-Ministerin Heather Wilson laut dem Portal. „Deshalb haben wir vor, den Gefechtskopf auf einer Trägerrakete zu installieren und von einer B-52 abzufeuern. Währenddessen wird die Armee den Gefechtskopf weiter optimieren, und die Marine wird ihn auf ihren Schiffen stationieren.“

    Es sieht also fest: Nach dem Ausstieg aus dem INF-Vertrag will Washington bis 2021 drei Waffentypen entwickeln (je für die Armee, die Marine und die Luftwaffe), die mit dem hyperschallschnellen Gefechtskopf aus dem AHW-Programm bestückt werden sollen.

    Die US Air Force hat noch im August 2018 den Rüstungskonzern Lockheed Martin damit beauftragt, den zweiten Prototypen einer luftgestützten Hyperschallwaffe zu entwickeln, namentlich ARRW (Air-launched Rapid Response Weapon). Die Vertragssumme wird übrigens auf 480 Mio. Dollar beziffert.

    Der erste Prototyp dieser Waffe entstand noch als Taktischer Boost-Gleiter im gleichnamigen Rüstungsprogramm: TBG (Tactical Boost Glide). Nun soll der ARRW-Prototyp bis November 2021 für erste Tests zur Verfügung stehen und selbstverständlich in das vereinte Hyperschallwaffenprogramm des Pentagon eingehen.

    Kernstück des ARRW-Programms ist ein Flugkörper mit der Fähigkeit, sechs Mal schneller zu fliegen als der Schall. Wird dieser Flugkörper mit dem Gefechtskopf aus dem AHW-Programm bestückt, erhält das Pentagon eine vollwertige Hyperschallrakete, deren Antriebsteil und Gefechtskopf mehrfache Schallgeschwindigkeiten erreichen können.

    Je nach Einsatzzweck – ob bei der Armee, der Marine oder Luftwaffe – soll die Rakete unterschiedliche technische Merkmale aufweisen. Etwa bei der Reichweite: Die luftgestützte Variante soll Ziele aus einer Distanz von 1.800 bis 1.900 Kilometer angreifen können. Die Hyperschallraketen der Armee und der Marine hätten einen Einsatzradius von 6.500 bis 7.000 Kilometer.

    Parallel zur Entwicklung der Raketen selbst arbeiten die Sandia National Laboratories hastig an der Steuerungssoftware für die Gefechtsköpfe aus dem AHW-Programm. Vor wenigen Wochen hat die Forschungseinrichtung bekanntgegeben, die Hyperschallwaffen würden mit demselben Trägheitsnavigationssystem ausgestattet, das auch bei Marschflugkörpern zur Anwendung kommt.

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    Eigens zur Entwicklung der Steuerungssoftware hat das Pentagon einen Forschungsverbund gegründet. Die Programmleitung übernimmt ein Spezialist für Künstliche Intelligenz. Ein halbautonomes Vehikel könne mithilfe der KI innerhalb von Millisekunden die eigene Flugbahn korrigieren, um auf unvorgesehene Einsatzlagen oder Standortwechsel der Ziele zu reagieren, sagen die Entwickler laut dem Portal.

    Ein AHW-Gefechtskopf soll auf einer im Fachjargon quasiballistisch genannten Flugbahn das Ziel anfliegen. Einen Algorithmus zu entwickeln, um ein Hyperschallvehikel auf einer solchen Flugbahn zu manövrieren, ist definitiv eine lösbare Aufgabe. Russische Entwickler haben die Lösung schon in den Neunzigerjahren erarbeitet, als sie am operativ-taktischen Raketensystem „Iskander“ arbeiteten.

    Ein Vorteil der russischen Rakete 9M723 ist der, dass sie im Flug von Zusatztriebwerken manövriert wird. Dadurch kann die Rakete Ausweich- und Ablenkungsmanöver mit einer Belastung von 20 bis 30g fliegen.

    Zudem ist es durch die Zusatztriebwerke möglich, sehr präzise auf das Ziel einzuwirken. Zum Beispiel die Anti-Schiffs-Rakete Kinschal (eine Weiterentwicklung der Iskander): Sie bekämpft ihre Ziele mit einer Abweichung von gerademal einem Meter.

    Indes haben russische Ingenieure nicht nur an hochpräzisen Hyperschallwaffen gearbeitet, sondern auch an zuverlässigen und reaktionsschnellen Schutzsystemen, so das Portal. Die Flugabwehrsysteme des Typs S-300 und S-400 verfügen über lenkbare Abwehrraketen mit der Fähigkeit, manövrierbare ballistische Ziele zu bekämpfen, die mit bis zu zwölffacher Schallgeschwindigkeit fliegen. Dass die Hyperschallwaffen, die das Pentagon bis 2021 entwickeln will, in der Lage sein werden, diese russische Technik zu überlisten, ist insofern eine mehr als optimistische Erwartung.

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    Tags:
    S-300, S-400, "Kinschal"-Raketen, Forschungen, Entwicklung, Falcon, Bedrohung, Hyperschallwaffen, Pentagon, USA