06:12 25 Juni 2019
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    Russlands Flugabwehrsysteme S-400

    Russlands stärkste Waffe auf dem Weltmarkt: Das S-400 ist das nicht

    © Sputnik / Alexander Galperin
    Technik
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    Irina Alksnis
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    Es bleiben nur noch wenige Wochen, bis die russischen Flugabwehrsysteme S-400 in die Türkei geliefert werden. Schon im Juni könnte es soweit sein, hat Präsident Erdogan unlängst erklärt. Die Aufregung in Washington ist groß, die Position Moskaus ist dabei ganz simpel.

    Washington hat Ankara ein Ultimatum gestellt, sagten Insider dem Fernsehsender „CNBC“: Die türkische Führung habe zwei Wochen Zeit, um den Kauf der russischen Waffensysteme abzusagen. Türkischer Vize-Außenminister, Yavuz Selim Kiran, dementierte: auf „offizieller Ebene“ gebe es das nicht. Der Diplomatensprech gibt reichlich Anlass für Spekulationen. Es bleibt nur zu vermuten, wie hart Washington seine türkischen Partner auf „inoffizieller Ebene“ durch die Mangel dreht.

    Was die formellen Erklärungen angeht, so hat das US-Außenministerium Ankara gewarnt vor „sehr negativen“ Folgen, werde die Lieferung vollzogen. Parallel dazu erklärte Tod Walters, Oberbefehlshaber des United States European Command, die Vereinigten Staaten suchten weiterhin nach einer Problemlösung, weil sie „die Beziehung zu Ankara als einem wichtigen Verbündeten“ erhalten wollten.

    Angesichts dieser Hektik aufseiten Washingtons bleibt die Türkei in der Sache erstaunlich hart. Der Verteidigungsminister des Landes, Hulusi Akar, erklärte, das türkische Militär habe bereits Spezialisten nach Russland entsandt, damit sie am S-400 ausgebildet würden. Überhaupt: „Wir haben eine Vereinbarung mit Russland unterzeichnet, wir haben eine hervorragende Beziehung, wir sagen: Der S-400-Deal ist abgeschlossen“, so der Minister.

    Russlands einzige Reaktion auf den amerikanisch-türkischen Zank war die Erklärung der Föderationsratsvorsitzenden Walentina Matwijenko. Von einem Journalisten nach dem möglichen Ausstieg der Türken aus dem Deal gefragt, sagte sie etwas sehr Bezeichnendes: „Die Türkei schätzt ihre Souveränität sehr hoch, wie ich aus dem Treffen mit dem Präsidenten schließen konnte. Das Wichtigste für sie ist, dass sie ein souveräner Staat und berechtigt sind, Entscheidungen zu treffen, die für sie als Staat von Vorteil sind, ihren nationalen und den Sicherheitsinteressen entsprechen. Sie haben eine Vereinbarung unterzeichnet und sind Verpflichtungen eingegangen. Sie können sich unter wessen Druck auch immer nicht verantwortungslos verhalten.“

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    Es ist schon allzu häufig darauf hingewiesen worden, dass das Kernproblem des Westens in dessen tiefer Unkenntnis Russlands besteht. Versuche, Russland zu verstehen, werden unternommen. Nur neigen westliche Partner dabei dazu, die Lage übermäßig zu verkomplizieren. In den allersimplen und offenkundigen Fällen – dazu zählt auch die offene Aussprache der russischen Führung zu wichtigen Themen – wird nach vielschichtig verflochtenem Hintersinn gesucht.

    Das Ergebnis: Über Jahre ist eine törichte Legende entstanden, welcher immer mehr Flausen anhaften – eine Legende über das übernatürlich boshafte und mächtige Moskau. Dieses Moskau kriegt es immer wieder hin, die Pläne des Westens wie von Zauberhand zu vereiteln und mitten in das Herz seines Systems hybrid einzudringen.

    Die Erklärung von Walentina Matwijenko ist nur ein weiterer Fall dessen, dass Moskau offen und direkt die Wahrheit sagt – und die Hebel benennt, mit denen Russland auf der internationalen Arena agiert. Gemeint ist der Appell an die Souveränität und die nationalen Interessen.  Nicht nur an russische Nationalinteressen, sondern an jene jedes Landes.

    Moskaus Machiavellismus läuft letztlich nur darauf hinaus, der ganzen Welt eine Alternative zur außenpolitischen Position Washingtons aufzuzeigen. Eine Alternative zu dem Grundsatz: Was gut ist für die USA, ist auch für den Rest der Welt gut. Die Welt hat für die Ziele und Interessen der Vereinigten Staaten zu leben.

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    Diesem Grundsatz stellt Russland ein anderes Prinzip entgegen: Jedes Land hat seine eigenen Interessen. Das Land ist berechtigt, sie zu verteidigen. Die geopolitische Stellung eines Landes hängt maßgeblich von dessen Bereitschaft ab, für die eigenen Interessen einzustehen.

    In einer Welt, die der drei Jahrzehnte währenden, totalen und zunehmend verantwortungslosen US-Hegemonie überdrüssig ist, findet das russische Prinzip starken Zuspruch. Die Liste der Länder, die sich an Russland als einen Souveränitätslieferanten wenden, wird immer größer. Ob Nord Stream 2 oder die türkischen S-400 – ein wesentlicher Unterschied besteht da in diesem Sinne nicht.

    Als Russland und die Türkei vor zwei Jahren einen Vertrag über die Lieferung der S-400-Systeme schlossen, glaubten viele nicht an dessen endgültige Umsetzung. Der Vertrag wurde als Ankaras Instrument im Handel mit Washington gewertet. Was auch immer an dieser Einschätzung dran gewesen sein mag, heute kann man mit Sicherheit sagen: Die Amerikaner haben den Türken bis jetzt keinen Vorschlag gemacht, der jenseits des üblichen „Tut, was wir sagen, sonst Strafe!“ läge.

    Allein: In einer Welt, in welcher Russland mit seinem Alternativvorschlag immer kräftiger wird, verfängt diese Taktik nicht mehr. Diese Entwicklung ist soweit vorangeschritten, dass weder die Türkei noch Erdogan persönlich die Vereinbarung mit Russland aufheben können, ohne dabei schwere Ansehensverluste zu erleiden. Das war ja das, was Matwijenko gesagt hat.

    Unbestritten, noch ist der Liefervertrag nicht endgültig vollzogen – für eine Endbilanz ist es noch zu früh. Doch ändert das nichts daran, dass die Vereinigten Staaten zu zunehmenden Misserfolgen und Niederlagen verdammt sind, wenn sie weiterhin nicht erkennen, was in der Welt passiert. 

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    Tags:
    Türkei, S-400, USA, Recep Tayyip Erdogan, Markt, Rüstung, Russland