16:08 19 November 2019
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    Stappellauf des U-Boots in Russland (Archiv)

    Kampf der Generationen: U-Boot-Flotten der USA und Russlands

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    Während die US-Seestreitkräfte das Programm zur Entwicklung eines Atom-U-Boots der 4. Generation beginnen, tauchten in Russland Pläne zum Bau eines atomgetriebenen Mehrzweck-U-Boots der 5. Generation auf, schreibt das vom russischen Verteidigungsministerium betriebene Portal „Swesda“.

    Das Kommando der US-Marine berichtete im Juli 2016 vom Start des Programms zum Bau eines Atom-U-Boots, das die strategischen Atom-U-Boote der 3. Generation der Ohio-Klasse (SSBN/SSGN) ersetzen sollen. Der Start dieser neuen Modelle war mit dem Wunsch der USA einhergegangen, die Überlegenheit gegenüber Russland bei der Entwicklung neuer U-Boote wiederzuerlangen. Moskau hatte Washington mit dem Bau der geräuschlosen Atom-U-Boote der Typen "Jassen" (Projekt 885 und 885M) und "Borej" (Projekt 995 und 995A) in diesem Bereich hinter sich gelassen. Der ehemalige Kommandeur der Unterwasserkräfte der US-Marine, Konteradmiral Joseph Tofalo, sagte: „Wir versäumten die Entwicklung einer ganzen Generation der SSBN, nun dürfen keine Fehler mehr machen“.

    USS Columbia vs. USS Virginia

    Die neue Generation erhielt den Namen "USS Columbia". Das Kommando der US-Seestreitkräfte beantragte beim Kongress 128 Milliarden Dollar für die Entwicklung und den Bau von zwölf U-Booten. Bei der Entwicklung eines neuen Atom-U-Boots wurde die Erfahrung genutzt, die bei der Entwicklung eines anderen U-Boots genutzt wurde: "USS-Virginia" (Klasse Hunter/Killer).

    Eine USS Columbia wäre nach Wasserverdrängung und Abmessungen größer als U-Boote der Ohio-Klasse, doch mit weniger Interkontinentalraketen bestückt sein – 16 statt 20 wie bei dem Vorgänger.

    Dafür sollen die neuen U-Boote mit neuen Interkontinentalraketen des Typs "Trident II D5" bewaffnet werden können, die nicht nur nukleare Gefechtsköpfe mit variabler, sondern auch konventionelle mit höherer Kapazität tragen können. Dabei liege die Abweichung vom Ziel bei diesen Raketen bei gerade mal 90 Meter, was sie zu einer Hochpräzisionswaffe macht.

    Eine weitere Besonderheit der Columbia-Klasse  ist der absolut elektrische Hauptantrieb, der direkt von der elektrischen Kernanlage (WW-Reaktor S9G) gespeist wird. Damit werden Dampfturbinen als Bestandteil des Triebwerk-Abschnitts aus der Konstruktion ausgeschlossen. Dank der x-förmigen Kielflossen am Heck und pulsierenden Wasserstrahlantriebs würde das U-Boot geräuschloser während der Fahrt sein. Dadurch sei es manövrierfähiger und erreiche eine höhere Geschwindigkeit unter Wasser als die USS Virginia-Klasse.

    Die ersten Columbia-Modelle sollten der US-Flotte nach 2021 übergeben werden, um die 14 U-Boote der Ohio-Klasse zu ersetzen. Allerdings wurden diese optimistischen Pläne in der letzten Zeit wegen der Änderungen am Projekt der acht sich im Bau befindlichen U-Boote des Typs Virginia korrigiert, die ein neues Segment für die Tomahawk-Startanlagen bekommen sollen. Mit den neuen Behältern soll die Zahl der Startanlagen von zwölf auf 40 steigen.

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    Die neue Modifikation heißt VPM und sorgte für mächtig Wirbel bei den Vorhaben des Kommandos der US-Seestreitkräfte, die nun gleichzeitig zwei Programme für U-Boote der 4. Generation stemmen müssen – USS Columbia und USS Virginia, schreibt das Portal "Swesda".

    Es geht darum, dass die Stationierung von VPM in der USS Virginia von Anfang an nicht geplant war. Die letzten sich im Bau befindlichen acht U-Boote hätten ohne VPM hergestellt werden sollen. Doch der Stapellauf der russischen U-Boote (Projekt 885 und 885M) führte zu diesem Kurswechsel der Amerikaner.

    Natürlich führten diese Änderungen im Rahmen des gebilligten Haushalts 2019-2021 für US-Flotte für bedeutende Korrekturen.

    Erstens würde die Hinzunahme des VPM-Blocks die Fristen der Übergabe der U-Boote an die Flotte um vier bis sieben Monate verschieben. Doch die Finanzexperten der US-Kriegsflotten sprechen von noch größeren Verzögerungen, die mit Problemen mit Zulieferern verbunden sind. Laut Dokument der US-Marine soll das U-Boot USS Virginia, das 2020 fertiggestellt werden sollte, erst 2023 der Flotte übergeben werden.

    Zweitens werden in den Werften "General Dynamics Electric Boat" und "Huntington Ingalls Newport" gleichzeitig nicht nur die Virginia-, sondern auch die neuen U-Boote der Columbia-Klasse gebaut, die auf den Vorrichtungen montiert werden, die erst nach der Montage der Virginia frei werden. So werden die Verzögerungen der einen Montage auch die Fristen die weiteren Projekte verschieben.

    U-Boot der USS Virginia-Klasse bei der Werft General Dynamics Electric Boat (Archiv)
    U-Boot der USS Virginia-Klasse bei der Werft "General Dynamics Electric Boat" (Archiv)

    Drittens beeinflusste das alles die Pläne der ersten Patrouillenfahrt der USS Columbia, die für 2031 geplant war. Wenn das U-Boot 2025 statt 2021 fertiggestellt wird, könnte die Erstfahrt erst 2035 stattfinden.

    Es ist also nicht erstaunlich, dass die Rechnungskammer der USA bereits im Dezember 2017 scharfe Kritik an dem Programm zum Bau der Atom-U-Boote der 4. Generation übte, wobei betont wurde, dass „ungeprüfte Technologien ein Risiko bezüglich der Fristen, Eigenschaften und Mehrkosten in sich bergen“, so „Swesda“.

    Im Laufe des vergangenen Jahres haben das Kommando der US-Seestreitkräfte und die Werften viele Probleme des Bauprogramms der USS Columbia nicht gelöst. Deswegen schlug der Berater des Ministers der US-Marine, James Geurts, im April vor, eine einzelne Einheit des Columbia-Typs fertig zustellen, die von Konteradmiral Scott Pappano geleitet wird. Verkürzen sich dadurch die Fristen zum Bau ? Vielleicht, doch eindeutig kann man behaupten, dass die Ausgaben für einen solchen „Bau“ mindestens um 20 bis 40 Prozent steigen werden.

    Borej vs. USS Columbia

    Im Unterschied zu den Amerikanern entwickelt Russland seine Atom-U-Boote nach Plan, ohne dass die Umsetzung der entsprechenden Projekte verzögert wird und die Ausgaben aufgestockt werden. Die russischen U-Boote seien die besten im Verhältnis „Preis-Qualität-Kampfpotenzial“, schreibt „Swesda“. Wenn das anders wäre, dann hätte sich das Kommando der US-Marinekräfte wohl nicht für eine grundsätzliche Veränderung des Programms zur Entwicklung von Atom-U-Booten entschieden. Das bedeutet, dass es einen Grund gab, den die Amerikaner berücksichtigen mussten, indem sie ihre U-Boote mit den russischen verglichen.

    Das Protal nimmt einen Vergleich der U-Boote der "Borej“- und der "Columbia"-Klasse vor. Zwar seien nicht alle technischen Daten der U-Boote in öffentlich zugänglich, dennoch lassen diese sich ungefähr vergleichen. Beide Boote sind nahezu gleich groß (jeweils 170 und 171 Meter lang, jeweils 13 und 13,5 Meter breit). Die Wasserverdrängung beträgt jeweils Unterwasser 24 000 und 23 100 Tonnen . Auf den ersten Blick liegt hier das amerikanische U-Boot vorne, aber der Unterschied liegt in der jeweiligen Konstruktionsphilosophie. In Russland haben U-Boote traditionell zwei Rümpfe (den äußern und den festen Rumpf), und die Amerikaner bauen ihre Modelle traditionell mit nur einem festen Rumpf.

    Die „Borej“ kann 400 Meter tief tauchen und dort eine Geschwindigkeit von 30 Knoten erreichen. Über das amerikanische Pendant können aus der Theorie heraus noch keine gernauen Angaben gemacht werden.

    Das US-Modell hat eine 157-köpfige Besatzung gegenüber 107 Besatzungsmitgliedern bei der „Borej“. Das zeugt aber offenbar davon, dass an Bord des russischen U-Bootes die meisten technologischen Prozesse automatisiert sind.

    Die beiden U-Boote sind mit ballistischen Interkontinentalraketen bestückt: R-30 „Bulawa“ bei der „Borej“ (wurde 2013 in die Bewaffnung aufgenommen) und "Trident II D5"-Raketen (seit 1990 in der Bewaffnung). Die Raketenzahl an Bord beider U-Boote ist identisch, aber ihre technischen Daten sind unterschiedlich. Zwar hat die US-Rakete Trident II D5 eine größere Reichweite und eine höhere Präzision, aber die „Bulawa“ hat sechs Sprengköpfe und kann heute bestehende und auch künftige Luftabwehrsysteme des potenziellen Gegners überwinden.

    Bis 2021 sollen die russischen Seestreitkräfte fünf U-Boote „Borej-A“ (Projekt 995A) bekommen, so dass die Gesamtzahl der Atom-U-Boote der vierten Generation acht erreichen wird. In den USA wird bis dahin kein einziges U-Boot des Typs Columbia vom Stapel laufen. Das erste U-Boot wird voraussichtlich erst 2035 in Liste kampffähiger Schiffe aufgenommen. Allerdings wird es schon der fünften Generation sein.

    Jassen vs. USS Virginia

    Das Portal stellt auch die „U-Boot-Jäger“ vor: die „Jassen“ (Russland) und die USS Virginia. Stand 2019 haben die US-Seestreitkräfte 19 von 28 U-Booten USS Virginia erhalten. Die russische Marine verfügt vorerst über zwei U-Boote des „Jassen“-Typs („Sewerodwinsk“ (Projekt 985) und „Kasan“ (Projekt 885M)). Die russischen U-Boote unterscheiden sich voneinander nicht nur in der Bauzeit, sondern auch in ihrer Ausrüstung, den Waffen und den Automatisierungsmitteln. So wurde das erste U-Boot der „Sewerodwinsk“-Art 17 Jahre lang gebaut (wurde 1993 auf Kiel gelegt, um erst 2010 vom Stapel zu laufen). In dieser Zeit wurden die Technologien viel moderner, insbesondere die Waffen- und Ausrüstungstechnologien. Deshalb wurde das Atom-U-Boot „Kasan“ de facto zum Flaggschiff dieser Serie, die aus sechs U-Booten bestehen wird.

    Aber der Vergleich sollte jedenfalls korrekt sein: Die „Sewerodwinsk“ sollte man mit der USS Virginia ohne den VPM-Block vergleichen. Das russische U-Boot hat nach der Menge und Vielfalt der Waffen sowie nach dem Munitionsvorrat einen Vorsprung.

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    Das russische U-Boot ist mit 32 Marschflugkörpern des Typs „Kalibr“ bzw. „Onyx“ und mit 30 Anti-U-Boots-Torpedos bestückt, während die Virginia über zwölf Marschflugkörper „Tomahawk“ und 26 Torpedos verfügt. Die „Kasan“ hat mehr Waffen: 40 Marschflugkörper und 32 Torpedos; die Virginia mit dem VPM-Block wird ebenfalls 40 Marschflugkörper „Tomahawk“ und dieselbe Zahl von Torpedos haben. Es ist also offensichtlich, dass die Virginia-U-Boote genauso gut gerüstet wie die russischen „Jassen“ (Projekt 885) sein werden, aber es gibt eine kleine Nuance, so „Swesda“: Wenn Raketen „Zirkon“, die die jetzigen Raketen „Onyx“ ablösen sollen, in die Bewaffnung aufgenommen werden, wird sich die Schlagkraft der russischen U-Boote nahezu verdoppeln. Diese lenkbaren Anti-Schiffs-Waffen haben amerikanische Militärexperten verwirrt, die das U-Boot „Jassen“ zunächst als SSN (Mehrzweck-Torpedo-U-Boot) einstuften, dann aber zur SSGN-Klasse (Mehrzweck-Raketen-Torpedo-U-Boot) zählten, der auch US-amerikanische „Ohio“-U-Boote gehören, die mit 154 „Tomahawk“-Marschflugkörpern bestückt sind.

    Dank der umfassenden Automatisierung technologischer Prozesse konnte die Besatzung des „Kasan“-U-Boots auf 75 Mann reduziert werden, während die „Virginia“-Besatzung abhängig von Aufgaben zwischen 100 und 120 Mann betragen kann. Diese Kürzung wird aber keine negativen Folgen für die Schlagkraft des russischen U-Boots haben. Im Gegenteil: Wegen der Kürzung des Wohnraums können an Bord mehr Anlagen untergebracht werden.

    Während die USA ihre Pläne ausbalancieren, reißt Russland aus

    Während sich die Amerikaner mit der Ausbalancierung ihrer Pläne zum Bau der U-Boot-Serien Columbia und Virginia befassen, wurde in Russland vor kurzem über den Abschluss der Entwicklung des Mehrzweck-Atom-U-Boots der fünften Generation (vorläufiger Name: „Husky“) berichtet. Nach vorläufigen Angaben wird es nicht nur der SSGN-Klasse angehören, sondern nach seinen technischen Daten auch das Projekt 885M übertreffen. De facto wird das der leiseste „U-Boots- und Schiffsjäger“ in der ganzen Welt sein. Und es ist durchaus möglich, dass das US-Marinekommando angesichts dieser Nachrichten wieder seine Pläne zum U-Boots-Bau korrigieren müsste, wie damals mit den U-Booten des Typs "Seawolf": Von insgesamt 29 U-Booten wurden nur neun gebaut – wegen der enorm hohen Baukosten.

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    Einsatz, Flotte, Kampf, Technologie, Bau, Ausgaben, Rüstung, Entwicklung, U-Boote, Russland, USA