13:50 06 Dezember 2019
SNA Radio
    Torpedoröhre der Korvette „Sowerschennyj“

    1.800 Tonnen Hightech: Neue Korvette der Pazifikflotte – Sputnik war an Bord

    © Sputnik / Andrej Stanawow
    Technik
    Zum Kurzlink
    Von
    112029
    Abonnieren

    Seegefecht und U-Boot-Jagd, Flugabwehr und Feuerunterstützung – bei der Multifunktionalität kann sich die russische Korvettenklasse 20380 mit Kreuzern messen. Die schnellen, wendigen und kampfstarken Schiffe sind im Alleingang ebenso einsetzbar wie im Kampfverband. Sputnik-Korrespondent Andrej Stanawow war an Bord.

    Das tiefe Heck erkennt man unter den vielen Schiffen an der Pier von weitem. Wie andere Korvetten dieser Klasse hat auch die „Sowerschennyj“ eine prägnante, kantig-schnittige Silhouette. Das ist nicht einfach nur so ein Design. Das ist ein Mittel, die optische, akustische und Radarsignatur des Kampfschiffes radikal zu reduzieren. Stealth-Architektur eben.

    Ein flaches Fallreep führt aufs Flugdeck. Die Fläche vor dem Aufbau ist frei von störenden Konstruktionen, eine weiße Markierung kennzeichnet den Landeplatz, am Aufbau neben dem Hangartor glänzt die blankpolierte Schiffsglocke: das Allerheiligste an Bord eines Kampfschiffes.

    Korvette „Sowerschennyj“ (Archivbild)
    © Sputnik / Witlaij Ankow
    Korvette „Sowerschennyj“ (Archivbild)

    Einen Hubschrauber in den Einsatz mitführen zu können, macht die Korvettenbesatzung besonders stolz. Bei den meisten ausländischen Schiffen dieser Klasse ist für die Stationierung eines Helikopters kein Platz vorgesehen. Flugdecks und Hangars sind erst ab der Fregattenklasse üblich.

    Der Hangar der „Sowerschennyj“ ist gerade leer: Steht die Korvette im Heimathafen, kehrt der Hubschrauber zurück an Land, zum Stützpunkt der Marineflieger. „Der Ka-27PL kann selbstständig U-Boote bekämpfen. Oder er gibt uns die Zielkoordinaten aus der Luft, damit wir Torpedos einsetzen“, erklärt Korvettenkapitän Anatoli Lobastow, Vize-Kommandeur der „Sowerschennyj“. Sein Vorgesetzter, Kapitän Dmitri Blinow, ist eilig in den Marinestab berufen worden. Also muss der Vize den Journalisten herumführen.

    „Den Start, die Landung und andere wichtige Flugmanöver haben wir schon mehrfach trainiert“, sagt Lobastow weiter. „Den Ka-27 fliegt eine vierköpfige Crew. Die kommen aber meistens mit einem Versorgungsteam an Bord. Auf der Korvette ist alles so eingerichtet, dass die Hubschrauberpiloten zur Schiffsbesatzung nicht mehr Kontakt haben als nötig. Ein gesonderter Wohn- und Sanitärbereich macht das möglich. Die Essenszeiten werden speziell eingeteilt.“

    Nach dem Hangar geht es weiter in das Innere des Aufbaus. Um vom Heck zum Bug der Korvette zu gelangen, muss man sich erstmal in ein Labyrinth wagen aus Gängen, Trennwänden, Türen, Treppen, die mal nach oben mal nach unten führen. Sich hier zu orientieren, fällt einem Neuling vom Festland wirklich schwer.

    Schlagkraft im Paket

    In einem Durchgang fällt ein Vier-Rohr-Torpedogerät ins Auge. Es ist auf den ersten Blick deutlich kompakter als die klassischen 533-mm-Rohre. Aufgebaut auf einem drehbaren Gestell, daneben eine quadratische Luke zum Schießen. „Uns stehen alle Arten von Waffen zur Verfügung gegen jeden Gegner, vom Kampfschwimmer bis zum Kreuzer“, sagt Korvettenkapitän Lobastow. „Dieses kompakte Antischiffssystem – ‚Paket-NK‘ – macht es möglich, Standardtorpedos und Abwehrtorpedos abzufeuern. Eine bahnbrechende Technik.“

    Die genauen Parameter des Systems sind geheim. Bekannt ist nur, dass es modular aufgebaut ist: Kann aus einem oder aus bis zu acht Rohren bestehen, etwas über drei Meter lang, Kaliber 324 Millimeter. Zur Abwehr gegnerischer Torpedos werden Abwehrtorpedos mit Strahlantrieb und Selbstlenkung in das Gerät geladen.

    Raketenkomplex des Typs Uran an Bord der Korvette „Sowerschennyj“
    © Sputnik / Andrej Stanawow
    Raketenkomplex des Typs Uran an Bord der Korvette „Sowerschennyj“

    Das System arbeitet mit sonargestützter Zielerfassung. Die automatisierte Feuerführung verarbeitet die Daten, erkennt gefährliche Objekte und gibt die Koordinaten aus. Der Kommandeur muss nur die Entscheidung für den Waffeneinsatz treffen, den Rest übernimmt der Computer. Laut Hersteller verringert das „Paket-NK“ das Risiko, von einem Torpedo getroffen zu werden, um ein Drittel.

    Für die Bekämpfung von U-Booten sind spezielle Torpedos vorgesehen, Typ „Malyschka“ („Die Kleine“): 50 Knoten schnell vernichten sie U-Boote auf 20 Kilometer Entfernung. Für die Bekämpfung von Kampfschiffen sind diese Torpedos aber auch gut.

    „Ok, weiter geht’s. Es gibt noch viel zu sehen.“ Lobastow lächelt. „Gegenwärtig ist das das modernste Mehrzweckschiff der russischen Marine. Um Platz an Bord zu sparen, haben die Entwickler darauf verzichtet, die Waffensysteme linear aufzureihen. Stattdessen wurden sie kreuzweise angeordnet. Ein Aufbau, wie er auf vergleichbaren Schiffen in den USA, Korea, China oder Japan angewandt wird.“

    Multifunktionalität ab Werk

    Das schlagkräftigste Argument der „Sowerschennyj“ sind die beiden Startanlagen „Uran“. Die verstecken sich vor neugierigen Blicken und Radaren in einer tiefen Nische zwischen dem Abgasrohr und der Brücke. Erst wenn man auf dem Brückennock steht, sieht man sie. Jede Anlage führt vier Antischiffsraketen Ch-35. Die Unterschalllenkwaffen sind jederzeit startklar.

    Ein Treffer dieser Rakete versenkt jedes Kampfschiff mit einer Wasserverdrängung von bis zu 5.000 Tonnen. Allwettertauglich und für elektronische Störung kaum anfällig – eine Ch-35 findet ihr Ziel zu jeder Tag- und Nachtzeit. Wegen der geringen Abmessungen und der niedrigen Flughöhe ist die Rakete schwer zu orten und abzufangen. Mit den gleichen Lenkwaffen sind auch russische bodengestützte Antischiffssysteme und Kampfflugzeuge der Marineflieger bestückt.

    „Klar, bei Reichweite und Aktionsradius ist ‚Uran‘ schwächer als etwa das ‚Kalibr‘-System“, sagt Lobastow. „Aber wir haben ja auch andere Aufgaben, bezogen eher auf Einsätze in küstennahen Gewässern. Dafür sind die Fähigkeiten der Ch-35 absolut ausreichend. Wir arbeiten regelmäßig mit anderen Schiffen zusammen, trainieren das Schießen. Die regulären Verbände der Marine stellen das Schiff allmählich erst in Dienst. Trotzdem fahren wir mindestens zwei Mal im Monat auf See.“

    Die Korvetten der Klasse 20380 sind als Mehrzweckschiffe entwickelt worden. Sie können Konvois vor U-Boot-Angriffen schützen, Kampfschiffe bekämpfen. Falls nötig, übernehmen sie den Objektschutz an der Küste oder versperren der gegnerischen Flotte den Weg aus einem Hafen.

    Das wichtigste Geschütz der „Sowerschennyj“ ist eine 100-mm-Bugkanone: die A-190 mit dem kantigen Geschützturm gemäß Stealth-Technologie. 80 Schuss pro Minute gibt die Maschinenkanone her, eine passable Waffe für die Feuerunterstützung von Landetruppen – kann aber auch gegen Schiffe und sogar Flugzeuge eingesetzt werden.

    „Die Kanone ist zwar automatisiert, muss aber trotzdem gesteuert werden. Die Zieldaten annehmen, das Pedal betätigen. Von selbst schießt sie nicht“, erklärt Leutnant Michail Koldobin, Kommandeur der Bordartillerie. „Die genaue Reichweite werde ich nicht verraten, nur so viel: Auf 20 Kilometer erreichen wir Ziele mit Sicherheit. Nach 15 Schuss schaltet sich automatisch das Kühlsystem für den Lauf ein. Gekühlt wird mit Meerwasser.“

    Leutnant Koldobin stammt aus Kaliningrad. Er absolvierte die Baltische Hochschule für Marinewesen, Fachrichtung Artillerie. Das Geschütz, das man ihm anvertraut habe, sei traditionell die wichtigste Waffe auf einem Schiff, sagt er mit einem Lächeln.

    • Der Hangar für Hubschrauber des Typs Ka-27PL
      Der Hangar für Hubschrauber des Typs Ka-27PL
      © Sputnik / Andrej Stanawow
    • Radaranlage der Korvette „Sowerschennyj“
      Radaranlage der Korvette „Sowerschennyj“
      © Sputnik / Andrej Stanawow
    1 / 2
    © Sputnik / Andrej Stanawow
    Der Hangar für Hubschrauber des Typs Ka-27PL

    Der Offizier befehligt acht Männer, die für drei Geschütze verantwortlich sind: die Bugkanone A-190 plus zwei sechsläufige AK-360M, die näher am Heck aufgebaut sind. 5.000 Schuss pro Minute schaffen diese äußerlich kleinen Maschinenkanonen. Die Läufe werden durch die Rotation gekühlt. Sie beschießen Schiffe und Flugzeuge im Nahbereich.

    Für die Flugabwehr auf lange Distanz verfügt die Korvette über das Fla-System „Redut“. Das setzt die gleichen Raketen ein, die auch im bodengestützten S-400 verwendet werden. Noch ist das „Redut“ ein Erprobungsträger, ist noch nicht im aktiven Dienst, sondern wird auf baugleichen Korvetten in der Ostsee getestet. Die zwölf Startschächte sind ganz kompakt am Bug der „Sowerschennyj“ angeordnet, auf einer Erhöhung vor der Brücke.

    Die Männer auf der Korvette

    Mehr als 100 Mann Besatzung hat die Korvette. Sie alle haben sich freiwillig zum Wehrdienst verpflichtet. Die Offiziere schlaffen in Zwei-Mann-Kajüten. Die Unteroffiziere müssen sich die Kajüten auch mal zu sechst teilen. Die Schlafräume der Matrosen fassen bis zu 16 Mann.

    Gegessen und beraten wird in den Messen, getrennt für die Offiziere und die Matrosen. Für die letzteren erfolgt die Essensausgabe in drei Schichten, vier Mal täglich. Alkohol ist verboten. „Hätten wir statt der vier Dieselmotoren einen Atomreaktor an Bord, gäbe es auch einen Schoppen Wein für uns“, scherzen die Männer. Denn in der Tat: Wein bekommt nur, wer in der Nähe eines Reaktors arbeiten muss. Ausnahmen gibt es auch für die Besatzungen dieselgetriebener U-Boote.

    „Der Dienst auf einem neuen Schiff ist besser. Alles funktioniert, wie es soll“, sagt Obermaat Timofei Dremow. Er ist für die gesamte Elektrik der Flugabwehrraketen auf der Korvette zuständig. „Früher fuhr ich mit einem Minenjagdboot zur See. Nur zehn Mann Besatzung. Aber hier hast du ein großes Team, das spürt man.“

    Gesprächig ist Timofei nicht, schaut misstrauisch auf den „Presse“-Anstecker. Der Maat kommt aus Nowosibirsk, die Wehrpflicht hat er in Chabarowsk abgeleistet – und dann ab zur Marine, als Zeitsoldat. Und da will er auch bleiben, sagt er.

    Zehn Korvetten der Klasse 20380 hat das russische Verteidigungsministerium insgesamt bestellt. Sechs hat die Marine bereits übernommen: vier für die Ostseeflotte, zwei für den Pazifikverband. Die vier anderen werden gerade gebaut.

    Ein Upgrade für die Korvetten ist schon vorgesehen. Statt der „Uran“- Raketen sollen sie mit dem „Kalibr“-System ausgerüstet werden. Die „Kalibr“ sind universeller und auf längere Distanzen einsetzbar.

    „Auf Fernfahrt sind wir fast jedes Jahr, beteiligen uns an Großmanövern“, erklärt Kapitän Lobastow. „Dieses Jahr waren wir bei der russisch-chinesischen Übung ‚Maritime Zusammenarbeit‘ dabei. Beim Ausbildungsgrad ziehen wir mit unseren chinesischen Kollegen gleich, was für Verbündete nicht schlecht ist. Mal sind wir besser, mal sind sie uns voraus. So lernen wir immer voneinander.“

    Das macht wohl auch deutlich, was die wichtigste Waffe der russischen Marine ist. Nein, die Kanonen, Torpedos und Raketen sind es nicht. Das sind die Menschen, die auf den Kampfschiffen dienen. Menschen, die sich ihr Leben ohne das Meer und die russische Flagge am Heck nicht vorstellen können.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Von US-Sanktionen betroffenes russisches Schiff in Singapur festgesetzt
    50 hungrige Eisbären belagern russisches Dorf – Soldaten alarmiert
    Putin trifft sich mit deutschen Topmanagern in Sotschi
    Handelsblatt: „Trump sollte Russland in die Nato einladen“