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03:57 20 Juli 2019
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    Test der neuen russischen Flugabwehrrakete auf dem Testgelände Sary-Schagan in der kasachischen Steppe (Archiv)

    Wirklich Endzeit-Waffe? „Stern“ berichtet über Russlands neue Abwehrrakete

    © Sputnik / Press service of the Ministry of Defence of the Russian Federation
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    „Eine echte Doomsday-Waffe, die nur in einem Krieg eingesetzt werden kann, der die Welt zerstört.“ Was der „Stern“ mit diesem Satz beschreibt, ist keine Interkontinentalrakete, kein mit Kernwaffen beladener Bomber, keine U-Wasser-Drohne mit Atom-Sprengkopf. Die Rede ist von einer russischen Abwehrrakete. Das Portal „Swobodnaja pressa“ berichtet.

    Sicher, die russische Rakete hat es in sich. Doch von einer „Doomsday-Waffe“ zu schreiben, ist dann doch etwas irreführend, so das Portal. Der besagte Flugkörper ist eine Komponente des Raketenschilds, der die russische Hauptstadt und das zentralrussische Industrierevier vor einem nuklearen Angriff schützen soll. Eine Abwehr-, keine Angriffswaffe.

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    Russlands Verteidigungsministerium hat den Test der Rakete in einem Video gezeigt, das unter anderem im Internet veröffentlicht wurde. Laut dem Portal ist der Flugkörper ein Bestandteil des Abwehrsystems A-235 „Nudol“ – Nachfolgesystem des derzeit aktiven A-135 „Amur“. Dieses bestand ursprünglich aus zwei Raketentypen: die 53T6 für den Nah- und die 51T6 für den Fernbereich. Anfang der 2000er Jahre wurden die Langstreckenraketen ausgemustert. Seitdem wird Moskau durch Abfangraketen geschützt, die nur auf kurze Distanz wirken können.

    Nach durchgesickerten Informationen soll auch das Abwehrsystem A-235 „Nudol“ nur einen Flugkörper für den Nahbereich einsetzen: die 53T6M, eine Modifikation der Vorgängerin. Die Erprobung dieser Abfangrakete auf dem Testgelände Sary-Schagan in der kasachischen Steppe ist fast abgeschlossen. Die Tests verlaufen erfolgreich, die zweistufige Rakete mit Feststoffantrieb erfüllt alle Anforderungen bezogen auf Abfanghöhe und -weite, schreibt das Portal.

    Die 53T6M weist wichtige Unterschiede zur Vorgängerrakete auf. Zum einen wird sie nicht vom Silo, sondern von einer mobilen Startrampe aus eingesetzt. Die Mobilität erhöht den Einsatzbereich, den der Raketenschild abdecken kann. Zum anderen wurde die Wirkungsweise verändert, wie der Flugkörper die ballistischen Raketen des Gegners abfängt.

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    Die derzeit eingesetzte Abfangrakete verfügt über einen mit 10 Klotonnen relativ schwachen nuklearen Gefechtskopf. Dieser setzt bei Zündung eine Neutronenstrahlung frei, die die atomaren Gefechtsköpfe der anfliegenden Interkontinentalraketen quasi entschärft.

    Die neue 53T6M funktioniert anders: Sie hat einen Splittergefechtskopf, der die Interkontinentalraketen durch unzählige Subprojektile bekämpft. Damit gehen die russischen Ingenieure einen anderen Weg als ihre amerikanischen Kollegen. Die Amerikaner setzen auch bei strategischen Abfangwaffen auf das sog. kinetische Prinzip: Das Ziel wird durch direkten Einschlag zerstört, ohne Sprengkopf.

    Dafür muss die Abfangrakete das Ziel sehr präzise ansteuern, was inzwischen zu einem großen Nachteil amerikanischer Abwehrraketen geworden ist. Denn heute verfügt Russland über sog. quasiballistischen Raketen, also hochmanövrierfähige Interkontinentalraketen. Sie durch direkten Einschlag abzufangen, ist wegen ihrer unberechenbaren Flugbahn problematisch.

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    Die 53T6M hat nun einen Splittergefechtskopf – keinen atomaren Sprengkopf, wie der „Stern“ in seinem Artikel behauptet. Offensichtlich hat der „Stern“-Autor die neue Rakete mit jener des Abwehrsystems A-135 verwechselt, schreibt das Portal.

    Auch bei den Parametern der Abfangrakete liegt offenbar eine Verwechslung vor. Die Abfanghöhe beträgt 150 bis 750, die Weite 900 Kilometer. Die Geschwindigkeit: 4 bis 5,5 km/s. Und das sind, entgegen der „Stern“-Behauptung, keine Rekordwerte für eine Abfangrakete. Die dreistufige GBI-Rakete der USA beispielsweise hat eine Maximalreichweite von 5.500 Kilometern, die Abfanghöhe beträgt 2.000 Kilometer.

    Unübertroffen ist die russische Abfangrakete indes bei der Manövrierbarkeit, hält sie doch Belastungen von bis zu 100g auf der Quer- und bis zu 210g auf der Längsachse aus. Das heißt, die 53T6M schafft es auch auf Hyperschallziele einzuwirken.

    Dieser Vorteil ändert jedoch nichts daran, dass kein System der Welt alle Interkontinentalraketen abfangen könnte, die der Gegner im Kriegsfall abfeuern würde. Selbst bei ballistischen Raketen besteht nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass eine Abfangrakete sie trifft. Das Abfangen wird jedoch zusätzlich erschwert, wenn die Interkontinentalrakete permanent die Flugbahn ändert, wenn sie von Zielattrappen umgeben ist und dabei EloKa-Systeme einsetzt. Dann werden 20 bis 40 Abwehrraketen benötigt, um einen interkontinentalen Flugkörper abzuwehren.

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